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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Angelika NEUWITH zu
DICHTUNG und PROPHETIE
Die enge Verwandtschaft zwischen Dichter und Propheten¹ ist nicht erst eine Entdeckung der europäischen Romantik. Sie manifestiert sich bereits in der Antike. Blicken wir auf die biblischen Bücher, die prophetische und poetische Texte enthalten, so läßt - wie James Kugel festhält² - bereits die Entscheidung der Redaktion, beide verschiedenen Textblöcken zuzuweisen, auf die Absicht einer Unterscheidung schließen. Kugel³ sieht diese Absicht noch darin bestätigt, daß die Bücher der ›Propheten‹, nevi'im, sogar ein eigenes Teilkorpus bilden, das von dem der anderen ›Schriften‹, ketuvim, deutlich getrennt ist. Eine ähnliche Distinktion manifestiert sich für ihn in der späteren Markierung von Lesepausen, te'amim, die die drei als poetisch rezipierten Bücher, Psalmen, Sprüche und Hiob, die sogenannten Libri metrici der Renaissance, durch ein besonderes System der Lesetechnik von den übrigen abheben. Das rabbinische Judentum trifft wenig später auch explizit eine rigorose Abgrenzung zwischen Prophetie und Dichtung. Sie stuft die Dichtung so weit herab, daß beispielsweise die dichterische Aktivität der biblischen Prophetin Debora als eine strafweise verhängte Degradierung von ihrem Rang als Prophetin erklärt werden kann.⁴ Unter hellenisierten Juden werden die Grenzen dagegen verwischt. Hier wird sogar eine enge Verwandtschaft biblischer literarischer Formen zu solchen der lokalen kulturellen Umwelt behauptet. Noch Josephus vergleicht Mose und David mit griechischen Dichtern, ein Ansatz, der in der frühen Kirche aufgegriffen und fortentwickelt wurde. Kugel zitiert die Didascalia apostolorum: »Wenn ihr Geschichten lesen wollt, nehmt die aus den Königsbüchern, wenn ihr Poesie und Weisheit sucht, die Propheten, und für Lieder habt ihr den Psalter.«⁵ Er resümiert: »Im westlichen Christentum wurde die Bibel etwas wie Ersatzliteratur, die zeitweise mit den klassischen Texten rivalisierte, obwohl sich auch diese im Curriculum halten konnten; dennoch wurden gelehrte Kirchenmänner wie Hieronymus bis in die Renaissance nicht müde, den literarischen Wert der Schrift über die klassischen Modelle zu erheben.«⁶ Die poetische Seite der Prophetie genoß also zeitweise intensive Aufmerksamkeit. Und auch umgekehrt wurde über den prophetischen Charakter bestimmter Dichtungen nachgedacht, von Vergils Vierter Ekloge bis hin zu den sibyllinischen Büchern. Mit dem Durchdringen des griechischen Begriffs der Inspiration war zum einen ein gemeinsamer Modus der Vermittlung von Prophetie und Poesie benannt. Der Begriff eröffnete darüber hinaus aber auch die Möglichkeit, alle Bücher der hebräischen Bibel als inspiriert und damit als prophetisch zu verstehen - worin Kugel den entscheidenden Schritt hin zur Kanonisierung sieht. Mit dieser Debatte ist das sich auch im Koran abzeichnende Spannungsfeld von Poesie und Prophetie zu verbinden. Dabei stehen uns allerdings weniger explizite Debatten als implizite Zeugnisse, intertextuelle Spuren einer Auseinandersetzung, zur Verfügung. [...] Der zentrale Referenztext ist dabei die in der Sprache des Koran selbst gestaltete ›altarabische Poesie‹.
S.672f
1 Siehe dazu die erhellenden Ausführungen von [Navid] Kermani, Gott ist schön [. Das ästhetische Erleben des Koran, München 1999], S. 342-456.
2 [James] Kugel, »Introduction« [in: Poetry and Prophecy. The beginnings of a literary tradition, hg. v. James Kugel, Ithaca, New York 1990], S. 1-25, bes. S. 8f.
3 Ebenda, S. 9.
4 Ebenda, S. 11.
5 Ebenda, S. 13.
6 Ebenda.
aus «Der Koran als Text der Spätantike»