zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Günter RÖSCHERT zu
GONDISCHAPUR und ARABISMUS
Die Stadt Gondischapur [~ die Goldene Schapurs] in der Provinz Chuzistan im Iran ist eine Gründung des sassanidischen Großkönigs Schapur I. Chuzistan, an den westlichen Abhängen des Zagrosgebirges gelegen, ist dem unteren Mesopotamien, nicht der iranischen Hochebene zugewandt. Die Sassaniden bestrebten sich zwar allenthalben in Religion und Kunst, die achämenidische Tradition Irans wiederzubeleben. In der Anlage ihrer Städte griffen sie aber vielfach auf griechische Rechteckformen mit rechtwinklig sich kreuzenden Straßen zurück. Auch Gondischapur ist nach dem griechischen »hippodamaischen« System geplant und wahrscheinlich von syrischen und römischen Kriegsgefangenen um 260 n.Chr. erbaut worden. Schapur II., einer der größten Könige des neupersischen Reiches, richtete in der Stadt die dann weithin berühmte Akademie samt Klinikum ein.⁵ In dieser Zeit hatte der Hellenismus in Westasien, auf dem Gebiet des ehemaligen Alexanderreiches, bereits mehr als ein halbes Jahrtausend gewirkt.
Nach dem Konzil von Chalcedon, 451, trennten sich die Anhänger des Patriarchen Nestorius von der byzantinischen Reichskirche. Die Gemeinden im Iran nahmen die nestorianische Christologie an. Diese enthielt die Überzeugung von der vollen Menschlichkeit Jesu in Einheit mit der Göttlichkeit Christi.⁶ 484 fand in Gondischapur ein vom Ortsbischof ausgerichtetes Konzil der iranischen Gemeinden statt, auf welchem die nestorianische Christologie als Glaubenssatz thematisiert wurde. Den sassanidischen Herrschern kam diese Entwicklung gelegen, denn sie konnten sich nun auf eine eigene, von Konstantinopel unabhängige iranische Reichskirche stützen. Diese wuchs rasch, zuerst innerhalb Irans, dann in weitausgreifender Missionsarbeit nach Asien hinein. Gegen Ende der Sassanidenzeit im siebten Jahrhundert war das Christentum nahe daran, persische Staatsreligion zu werden.⁷
Neben griechischer Philosophie und Naturwissenschaft in aristotelischer und neuplatonischer Form und neben dem nestorianischen Christentum nahm Gondischapur zoroastrische, manichäische und indische Einflüsse auf. Das Kennzeichnende des Akademiebetriebes lag in dem besonderen Kulturamalgam, welches durch die Toleranz der Großkönige ermöglicht wurde. Es entstand ein geistiges Milieu, das der Herausbildung einer intellektuell-empirischen Bewusstseinslage günstig war. Weder die Sinne noch die Seele vermittelten den Geist als solchen. Dieses Forschungsklima an Akademie und Klinikum nahm Eigenschaften der Bewusstseinsseele vorweg, die sich erst ab dem 15. Jahrhundert in Europa regulär entwickeln sollten. In der frühen Abbasidenzeit verband sich der Impuls von Gondischapur mit dem Islam und stumpfte sich dadurch zugleich ab.⁸ Die hieraus entstehende besondere intellektuelle Kultur auf dem Boden des Islam nennt Rudolf Steiner »Arabismus«.
Der Ausdruck »Arabismus« hatte, als Steiner ihn aufgriff, bereits eine begriffsgeschichtliche Entwicklung durchlaufen. Nach einer eingehenden Untersuchung von Schipperges⁹ wird in der neueren Geschichtsschreibung insbesondere die arabische Medizin und Naturwissenschaft der Spätscholastik als Arabismus bezeichnet, mit anderen Worten: das durch die Araber überlieferte Erbe des Aristoteles. Das 19. Jahrhundert neigte dazu, den Beginn der neuzeitlichen Wissenschaft mit der Überwindung des Aristotelismus und damit auch des »Arabismus« gleichzusetzen. Auch heute werden die wissenschaftsgeschichtlichen Vorgänge in der frühen Neuzeit noch unterschiedlich bewertet. Der Beitrag des Arabismus zur Entstehung der modernen Wissenschaft und Technik, sei es durch Übernahme oder Überwindung, ist aber unbestreitbar.
Aus den verschiedenen Erwähnungen ist zu entnehmen, dass Steiner in seine Begriffsbildung das hellenistische und iranische Kulturerbe in den islamischen Ländern einbezog, nicht aber die besondere religiöse Tradition des Islam.¹° Eine genauere Definition vermied er aber. Bei einem Teil der anthroposophischen Literatur (außerhalb Steiners) führte dies zu unheilvollen Missverständnissen und fragwürdigen Auffassungen: Einerseits wird der Ausdruck »Arabismus« ethnographisch gebraucht und auf angebliche Eigenschaften des Arabertums oder gar der semitischen Völkerfamilie bezogen, obgleich gerade in Gondischapur das arabische Element keine besondere Bedeutung hatte; andererseits wird er geradezu synonym mit »Islam« gesetzt.¹¹
In einem Leitsatzbrief vom 29.03.1925,¹² posthum veröffentlicht, gab Steiner eine späte Erklärung dessen, was er als »Arabismus« bisher bezeichnet hatte. Die Erklärung blieb allerdings unvollständig: »Nach der einen Seite seines Wesens« sei der Arabismus eine verfrühte Entfaltung der Bewusstseinsseele. Die geistige Welt des Arabismus habe im europäischen Geistesleben so gewirkt, dass die erkennende Seele von dem Eintauchen in die Geistwelt zurückgehalten wurde. Die Seele habe wohl die Macht des Intellekts empfinden können, aus einem unterbewussten Hochmut heraus aber nicht das Unvermögen des bloßen Intellekts, an eine geistige Wirklichkeit heranzutreten. Der aufkommende Nominalismus habe die Einsicht in das wahre Wesen der Ideenwelt vernichtet. Erst durch die Anthroposophie werde der Weg wieder gefunden werden können zu dem »Geisterleben in den Ideen«.
Diese mehr aphoristische Äußerung Steiners ist in Zusammenhang zu sehen mit einer größeren Anzahl von Vortragsstellen wissenschafts- und bewusstseinsgeschichtlichen Inhalts.¹³ Steiner bewertet den Paradigmenwechsel in der frühen Neuzeit und deckt halb vergessene Quellen des modernen Intellektualismus und Individualismus auf. Erst durch den auf verschiedenen Wegen nach Europa gelangten »Arabismus« konnte die moderne Welt entstehen. Der »Arabismus« erscheint in der Neuzeit als ein Impuls, der den Menschen aus den überkommenen Bindungen freisetzt. Der Mensch tritt heraus aus der Einheit mit der Natur, um sich dieser gegenüberzustellen. Die ungeheure Dramatik dieses Vorganges: Es kann sein, dass die Menschheit, angeführt vom Westen, an und in dem neuen Freiheitsraum zugrundegeht, wenn es ihr nicht gelingt, den Geist der Freiheit wiederzufinden.
Die andere Seite des Arabismus lässt Steiner in dem vermächtnishaften Leitsatztext unerwähnt. Dem Unvermögen des bloßen Intellekts für die Aufnahme der Geist-Erfahrung entspricht aber andererseits das Festhalten an der überlieferten Form alter Wahrheiten, das unproduktive Für-wahr-Halten unverstandener Geistesreste. Es handelt sich um zwei Seiten ein und derselben Sache. Der Intellekt musste sich nach dem Schwächerwerden der alten Geist-Erfahrung einer neuen Wirklichkeit zu bemächtigen suchen: der ungeistig gedachten Gegenstandswelt in der Natur. Natur-Erkenntnis gibt aber keine Moralimpulse. Der Intellekt erweist sich zunächst als unfähig, neue Quellen der Moralität in sich selbst zu erschliessen.¹⁴ Er wendet sich deshalb den Denkmälern alter Inspirationen in den heiligen Schriften der Völker zu, setzt sie wie Gegenstände voraus, entfremdet sie ihres Ursprungs, bindet sich an sie und entnimmt ihnen absolut gelten sollende Moralforderungen.
Diese freilich nicht notwendig auftretende Erscheinung ist die andere Seite des Arabismus. Der Impuls von Gondischapur enthält nach der Logik seiner Entwicklung nicht nur die Möglichkeit einer ungeistig-instrumentalen Naturanschauung, sondern auch des Schriftgelehrtentums, des Rigorismus einer überlieferten Buchmoral. Diese zweite Seite des Arabismus hat sich in Europa kräftig geltend gemacht, mehr aber noch in den Ländern des Islam, in denen bis heute an der absoluten buchstäblichen Geltung des koranischen Offenbarungswortes festgehalten wird.
S.66ff
5 Klaus Schippmann: Grundzüge der Geschichte des sassanidischen Reiches, Darmstadt (wb 1990).
6 Bernhard Lohse: Epochen der Dogmengeschichte, Stuttgart 1978.4; Renate Riemeck: Glaube, Dogma, Macht, Stuttgart 1985.
7 Diese Zusammenhänge sind ausführlich dargestellt durch Heinz Herbert Schöffler: Die Akademie von Gondischapur, Stuttgart 1979. Ich folge der Analyse Schöfflers in allen Punkten.
8 Vgl. Vorträge Rudolf Steiners vom 11. bis 13.10.1918, gehalten in Dornach (GA 184). Hinter den geschilderten Vorgängen steht die geistige Menschheitsführung mit dem Mysterium von Golgatha im Mittelpunkt.
9 Heinrich Schipperges: Ideologie und Historiographie des Arabismus, Wiesbaden 1961 (Beiheft 1 zu Sudhoffs Archiv).
10 Diese Erklärung des Ausdrucks »Arabismus« ergibt sich aus dem Buch von Martin Schüpbach: Der Arabismus, seine historischen und spirituellen Hintergründe und sein Fortwirken in der Gegenwart, Freiburg/Br. 1970. Sonst wird gewöhnlich der Nationalismus der Länder des islamischen Raumes als »Arabismus« bezeichnet.
11 Beispiel für den Fehlgebrauch des Wortes »Arabismus« ist der vielzitierte Aufsatz Karl Heyers Arabertum und Islam als weltgeschichtlicher Kulturimpuls von 1922, wieder abgedruckt in dem Lesebuch: Die Welt des Islam, Hrsg. Jan Pohl, Dornach 1989.
12 Leitsatzbrief: Das scheinbare Erlöschen der Geist-Erkenntnis in der Neuzeit (GA 26).
13Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft in der Weltgeschichte und ihre seitherige Entwicklung (GA 326), Vorträge 24.12.1922-6.1.1923, gehalten in Dornach.
14 Das ist das Thema von Steiners Schrift: Die Philosophie der Freiheit (GA 4).
aus «Für die Sache Gottes»