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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Günter RÖSCHERT zum
DSCHIHAD und OFFENBARUNG
Von seiner arabischen Wortbedeutung her ist der gihad [dt. dschihad, engl. jihad] Bemühung um die Sache Gottes²: »Müht Euch ab mit Gut und Blut auf dem Wege Gottes« (Sura 9,41). Der gihad beschränkt sich also nicht auf den bewaffneten Kampf gegen die Ungläubigen. Die islamischen Rechtsschulen unterscheiden vier Arten des Heiligen Krieges:³
- Der gihad im Herzen ist der geistig-moralische Kampf des Menschen zur Überwindung seiner selbst; er ist die wichtigste und verdienstvollste Form.
- Der gihad in der Sprache und Geste ist die Bemühung um die richtige Vertretung der Religion gegenüber den Nicht-Muslimen durch Beispiel und Lehre.
- Der gihad mit der Hand ist die tätige Sorge um die irrtumsfreie Darstellung des Glaubens in der politischen Gemeinschaft und die Förderung des Guten.
- Schließlich ist der gihad mit dem Schwert die bewaffnete Auseinandersetzung mit den Feinden des Glaubens.
Nach einem außerkoranischen Wort des Propheten Mohammed hat die Bemühung um die innere Läuterung als der große Heilige Krieg zu gelten, der militärische Kampf nach außen aber als der kleine Heilige Krieg. In seiner umfassenden Bedeutung ist der gihad eine kontemplative Einstellung vom Range der fünf Pfeiler des Islam (Bekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten, Pilgerfahrt). Da der Übergang zu dem offensiven militärischen gihad die Bemühung um die Zügelung der Leidenschaften (gihad des Herzens) nicht ersetzt, sondern voraussetzt, sind Edelmut und Ritterlichkeit die Forderungen der Religion an den islamischen Glaubenskämpfer. In der Kreuzzugszeit waren diese Eigenschaften oft wirklich vorhanden, was auf die im Heiligen Land kämpfende europäische Ritterschaft großen Eindruck machte.
Im Einzelnen gibt es erhebliche Unterschiede in den Auffasssungen der Rechtsschulen über den Heiligen Krieg. Bis auf den heutigen Tag gibt es auch zahlreiche Missbräuche, wie das Beispiel der [ersten beiden] Golfkriege zeigt.
Es ist nicht zu leugnen, dass der militärische gihad innerhalb der islamischen Gemeinde (umma) viel populärer ist als die seelisch-geistigen Formen des Heiligen Krieges. Doch auch diese werden verwirklicht [allerdings unspektakulär]. Die bei vielen von langer Tradition geprägten muslimischen Menschen auch heute noch vorhandene innere Ruhe und Sicherheit, verbunden mit Höflichkeit und Hilfsbereitschaft, sind eine Frucht lebenslanger Mühe um ein geistiges Ziel. Das »schöne« Vorbild des Propheten wirkt in alle Lebensbereiche hinein. Ein besonderes Ziel des gihad in allen seinen Formen ist die Verteidigung des Koran. Das heilige Buch wird als unmittelbare Offenbarung Allahs anerkannt. Die Vertreter des Islam wenden sich gegen den Begriff der Inspiration, weil damit vermeintlich eine Verfasserschaft des Propheten behauptet wird. Mohammed sei aber nicht Verfasser, sondern nur Empfänger des Koran. Hier liegt ein folgenschweres Missverständnis vor: Inspiration ist die Art des Auftretens einer Offenbarung, während umgekehrt Offenbarung der objektive Geistgehalt der Inspiration ist. Der individuell-menschliche wie auch der stammesmäßig-kollektive Seelenstoff als Gewand der Offenbarung ist in der Stiftungsphase des Islam naturgemäß nicht besonders beachtet worden. Das alleinige Interesse richtete sich auf die erschütternde Tatsache der göttlichen Offenbarung an sich.
Die Überzeugung, im Besitz einer in allen ihren Teilen durch Allah herabgesandten, buchstäblich irrtumsfreien Schrift zu sein, löst verständlicherweise die stärksten Antriebe zur Verteidigung der Geistesoffenbarung gegenüber dem Unglauben aus. Der gihad mit der Hand, ja, der gihad des Schwertes kann geboten erscheinen, um die unendlich wertvolle Gabe Gottes zu schützen und Unterwerfung unter die Autorität des heiligen Buches zu erreichen. Tritt hingegen der inspirierte Mensch in den Vordergrund des Interesses, so verlegt sich die Suche nach dem lebendigen Geist von der Buchstabenoberfläche in eine tiefere Schicht. Der gihad im Herzen muss stattfinden, um die inneren Bedingungen für ein Verständnis der immer neuen Gottesbotschaft herzustellen.
Das vollständige Ideal des gihad verbietet die Annahme, nur der Heilige Krieg in seiner militärischen Form sei das rechte Mittel, den Islam zu bezeugen.
Die Zweiteilung der Welt in das Haus des Islam (Dar-ul-Islam) und in das Gebiet des Krieges (Dar-ul-Harb) entspricht dem universalistischen Anspruch des Islam und seiner Überzeugung, dass Allah mit dem Koran das wahre Gottesgesetz in letztgültiger Form wiederhergestellt habe, wie es von Anbeginn an galt. Dar-ul-Harb ist daher das Gebiet der Unordnung, des Chaos und der Anarchie, dem die Welt der Ordnung und des Guten gegenübersteht. Länder, deren Gesetze für inneren Frieden und Gerechtigkeit sorgen, die freie Religionsausübung und die Sicherheit der Gläubigen garantieren und die keinem islamischen Land feindlich gegenüberstehen, dürfen nicht zum Gebiet des Krieges gezählt werden. Sie bilden einen Zwischenbereich der Versöhnlichkeit. Der Muslim erwartet, dass sich dieser Zwischenbereich - und schließlich das ganze Gebiet der Unordnung - durch Geduld und gutes Beipsiel allmählich in die Welt des Islam hinein auflösen wird⁴.
Deutlich zeigt sich in der Idee des Heiligen Krieges die Einwirkung des iranischen Dualismus, die Teilung des Universums in die Reiche des Lichtes und der Finsternis. Das Böse und die Finsternis können aber nicht durch ein anderes Böses erfolgreich bekämpft, sondern nur durch das Gute überwunden werden. Der Vorrang des gihad des Herzens vor dem gihad des Schwertes ist manichäisches Erbe im Islam.
S.63ff
2 Lexikon der islamischen Welt, Bd. 2, Stuttgart 1974 (Urban Tb 200/2).
3 Ich folge der Darstellung von Marcel A. Boisard: Der Humanismus des Islam, Kaltbrunn (Schweiz) 1982.
[siehe auch MblB.E: Abs.733}-734}]
4 Auf die Ursprünge der Vorstellung vom Heiligen Krieg in der Blutrechtsordnung der Nomaden gehe ich hier nicht ein. In den theologischen Bemühungen der islamischen Rechtsschulen liegt gegenüber diesem heidnischen Hintergrund selbstverständlich bereits eine Sublimierung vor.
aus «Für die Sache Gottes»