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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Hans JONAS zum
BEGRIFF GNOSIS <ή γνωσις>
Indem wir uns der Gnosis im besonderen zuwenden, fragen wir, was der Name bedeutet, wo die Bewegung entstand und welche literarischen Zeugnisse sie hinterließ. Der Name »Gnosis« oder »Gnostizismus«, der zum Sammelbegriff für eine Vielfalt von sektiererischen Lehren geworden ist, die in den ersten kritischen Jahrhunderten innerhalb des Christentums und in seinem Umkreis erschienen, ist von gnosis abgeleitet, dem griechischen Wort für »Wissen« oder »Erkenntnis«. Die Betonung der Erkenntnis als Mittel zur Erlösung, ja sogar als Form der Erlösung selbst, und der Anspruch, diese Erkenntnis in der eigenen ausgearbeiteten Lehre zu besitzen, sind gemeinsame Züge der zahlreichen Sekten, in denen sich die gnostische Bewegung historisch ausprägte. In Wirklichkeit waren es nur einige wenige Gruppen, deren Mitglieder sich selbst ausdrücklich Gnostiker - »Wissende« - nannten; aber schon Irenäus verwendete im Titel seines Werkes den Namen »Gnosis« (mit dem Zusatz »fälschlich so genannte«) zur Bezeichnung all jener Sekten, die neben gewissen anderen Eigenschaften diesen Akzent mit ihnen gemein hatten. In diesem Sinne können wir von gnostischen Schriften und Lehren, von gnostischen Mythen und Spekulationen, ja sogar allgemein von einer gnostischen Religion sprechen.
Dem Beispiel der antiken Autoren folgend, die zuerst den Begriff in einem Sinn gebrauchten, der über die Selbstbezeichnung einiger weniger Gruppen hinausging, sind wir nicht daran gebunden, dort haltzumachen, wo ihr Wissen oder polemisches Interesse es tat, sondern dürfen die Bezeichnung als Gattungsbegriff benutzen, der überall dort anwendbar ist, wo die bestimmenden Merkmale vorliegen. Daher kann der Umfang des gnostischen Bereichs enger oder weiter gefaßt werden. Die Kirchenväter betrachteten die Gnosis als eine im wesentlichen christliche Häresie und beschränkten ihre Berichte und Widerlegungen auf Systeme, die entweder schon dem Boden des Christentums entsprossen waren (etwa das valentinianische System), die Gestalt Christi ihrer ansonsten heterogenen Lehre hinzugefügt und angepaßt hatten (etwa die phrygischen Naassener) oder aufgrund eines gemeinsamen jüdischen Bodens hinreichend nahe waren, um als Konkurrenz und Entstellung der christlichen Botschaft empfunden zu werden (etwa die Lehre des Simon Magus). Die moderne Forschung hat diesen Bereich zunehmend erweitert, indem sie auch die Existenz einer vorchristlichen jüdischen und einer hellenistisch-heidnischen Gnosis zur Debatte stellte und indem sie die mandäischen Quellen - das eindrücklichste Beispiel eines östlichen Gnostizismus außerhalb des hellenistischen Kreises - sowie anderes neues Material bekannt machte. Wenn wir schließlich weniger das spezielle Motiv der »Erkenntnis«, als den dualistisch-antikosmischen Geist im allgemeinen als Kriterium nehmen, dann muß auch die Religion Manis als gnostisch klassifiziert werden.
aus «Gnosis»; S.56f