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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Manfred KYBER zu
TAO oder NIRWANA
Das europäische Denken ist in einem sehr unangebrachten Hochmut gewohnt, die Begriffe des Tao oder das ihm geläufigere Nirwana gleichbedeutend mit einem faulen, passiven Sichaufgeben und Aufgehen im Nichts [lat. ~ nihil] zu werten. Das ist ungefähr so geistreich, als wenn wir aus unseren Kriegen und Bruderkriegen, aus unseren Menschen- und Tierschlächtereien und unserer ganzen Geschichte von Haß und Blut den Geist des Christentums konstruieren wollten. So fern diese dem Christentum sind, so fern ist jene aus einer der europäischen ähnlichen asiatischen Korruption entstandene Nichtsvorstellung dem Nirwana oder Tao. Nicht um ein Aufgehen im Nichts handelt es sich hier, sondern um ein Aufgehen in der Gottheit, in der Harmonie des Alls, aber mit einem durchaus persönlichen Eigencharakter und zwar einer bis auf die höchste Stufe der Möglichkeit geförderten Sonderentwicklung. Auch diese Vorstellung, die ganz der Vergottung der christlichen Mystiker entspricht, wenn man sie richtig auffaßt, läßt sich am ehesten in einem Bilde erahnen. Denken Sie sich jede menschliche Geistigkeit des Einzelnen als eine Glocke. Sie wird so lange umgegossen, nicht bis sie klingt wie alle anderen, sondern bis sie die höchste Feinheit ihres Eigengeläutes erlangt hat - und alle diese bis auf ihren letzten Sonderklang gebrachten Glocken ergeben nun im Gesamten, im Nirwana, im Tao, in der Göttlichkeit ihrer Vollendung den Gesamtton ewiger Harmonie, die Übereinstimmung in sich und in Gott - nicht also einen gleichen Ton, sondern einen Akkord zahlloser Töne. Das ist, für den Einzelnen betrachtet, Harmonie des Eigenwillens mit dem Allwillen, nicht Auslöschung, sondern Vergottung des Ichs.
aus «Einführung in das Gesamtgebiet des Okkultismus»; S.128f