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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Manfred SPITZER zur
MEDIENKOMPETENZ
»Was Computerspiele betrifft, so stehen Kindern, die nie an einer Playstation spielen, andere gegenüber, für die diese zum Alltag gehört. Dementsprechend zeigen sich bei Kindern auch Unterschiede in ihrer Medienkompetenz«, kann man in einer an Eltern gerichtete Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung lesen.(14) Hier wird den Eltern also deutlich nahegelegt, ihren Kindern eine Playstation zu schenken. Wer will schon ein inkompetentes Kind?
Ich halte es für einen ausgewachsenen Skandal, dass eine öffentliche Institution hier offen Produktwerbung betreibt, noch dazu für ein Produkt, das den Kindern nachweislich schadet. Es ist ein noch größerer Skandal, dass Eltern hier die Unwahrheit gesagt wird: Es gibt nämlich keinerlei Hinweise darauf, dass eine Playstation zu mehr Medienkompetenz führt, nicht einmal darauf, dass Medienkompetenz überhaupt zu irgendetwas gut ist. Vielmehr ist schon das Wort recht tückisch, gaukelt es doch vor, der Umgang mit digitalen Medien sei ebenso wichtig wie die Fähigkeit, einen Text zu lesen. Denn der Begriff »Medienkompetenz« ist ganz bewußt dem Wort »Lesekompetenz« angeglichen und stellt damit den Umgang mit digitalen Medien mit dem Lesen von Büchern sprachlich auf gleiche Stufe. In dieser Hinsicht folgen wir den Engländern und Amerikanern, die von media literacy (Medienkompetenz) und literacy (Lesefähigkeit) sprechen.
Oft wird behauptet, bei der Medienkompetenz handle es sich um eine »Schlüsselkompetenz«, »Kernkompetenz« bzw. »Kulturtechnik«. Bei Licht betrachtet, sind mit Medienkompetenz jedoch weder das Programmieren noch logisches Denkvermögen (Boolsche Algebra) noch andere grundlegende mit Bildschirmmedien verbundene intellektuelle Fähigkeiten gemeint, sondern zunächst einmal nichts weiter als oberflächliche Kenntnisse verbreiteter Anwender-Software. Wer dies nicht glaubt, sollte einmal nachsehen, was im Fach »Informationstechnik« tatsächlich gelehrt wird, wenn Schüler mit dem Computer arbeiten: die Schwächen der Produkte der weltgrößten Software-Firma - Word, Excel und PowerPoint. Wer also Computer literacy mit literacy gleichsetzt, der erhebt das Beherrschen einiger Tricks und vor allem den Umgang mit vielen Problemen und Fehlern von Produkten der Firma Microsoft in seiner Bedeutung auf eine Stufe mit dem Lesen von Goethe und dem Schreiben von Aufsätzen. Dies ist ein ungeheuerlicher Vorgang!
Das Irreführende am Begriff der Medienkompetenz ist zudem, dass man zur Nutzung des Computers oder des Internets nicht irgendeine Spezialfähigkeit benötigt (sieht man von ein paar Mausklicks und der oberflächlichen Kenntnis von Anwender-Software ab, die sich jeder innerhalb weniger Stunden aneignen kann). Man braucht vielmehr eine solide Grund- oder Allgemeinbildung. Wenn man diese erworben hat (nicht über Computer und Netz, denn man braucht sie schon zu deren Nutzung), dann kann man auch im Internet vieles finden und sich eingehend informieren. Wer jedoch (noch) nichts weiß, der wird durch digitale Medien auch nicht schlauer. Denn man braucht Vorwissen über ein Sachgebiet, um seine Kenntnisse dann zu vertiefen.
14) Broschüre der [deutschen] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2009b, S.23
aus «Digitale Demenz»; S.310f