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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Dorian SCHMIDT zu
DENKEN und SELBSTBEOBACHTUNG
9.
Der Ausgangspunkt für die Selbstbeobachtung des Denkens ist eine ruhige, geordnete Gedankenfolge. An dem übungsmäßigen, das heißt mit erhöhter Aufmerksamkeit durchgeführten Versuch, über eine längere Zeit hinweg einen Gedanken folgerichtig an den anderen anzuschließen, zeigt sich in der Beobachtung sehr viel. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht ist unser alltägliches Gebrauchsdenken nicht eine wohlgeordnete Folge von Denkschritten, die mit einer Frage, einer Suche oder einer Besinnung beginnt und mit einer Antwort, einer Lösung oder einer Vertiefung endet. Der erste Versuch, zum Beipsiel an einer etwas schwierigeren Mathematikaufgabe einen ruhigen, ungestörten, nur durch innere sachliche Beziehungen bewegten Gedankengang zu erzeugen, demonstriert, wie vielerlei naturgegebene und zivilisationsbedingte Kräfte das Gegenteil in unserem Denken bewirken. Die Bewegungen folgen nicht logischen oder exakt fantasievollen Beziehungen oder werden durch Ideen durchstrukturiert, sondern folgen allem möglichen anderen. Das Ergebnis sind abgebrochene Gedankenfolgen, willkürliche Ausrichtung durch beliebige Assoziationen, ständig neu angeregte «Gedankenfolge-Anfänge», impulsiert durch ständig wechselnde Sinnesreize teils äußerer Art, teils innerer Art, durch Gemütsstimmungen und Leibesverfassungen. Eine ängstliche Seele denkt anders als eine selbstsichere, ein hungriger Magen denkt anders als ein gesättigter!
Das, was man alltägliches Denken nennt, gleicht mehr einem ungeordneten Spiel als einer Arbeit, wobei verwunderlicherweise das regelmäßige Auftauchen von sinnvollen Ergebnissen in Bezug zu einzelnen Fragestellungen für die Alltagsbewältigung völlig ausreichend ist. Dazwischen bleibt jedoch viel Platz für eine mehr ziellos spielerische Art der Gedankenentfaltung. Eigenartigerweise leistet gerade dieses Spielerische beträchtlichen Widerstand, will man es zugunsten einer «gerichteten Gedankenarbeit» in seiner Entfaltung einschränken und bewusst lenken.
10.
Ungeachtet dieser Schwierigkeiten reicht das mit erhöhter Aufmerksamkeit begleitete Durchdenken einfacher mathematischer Operationen wie Addition, Substraktion oder Multiplikation für die Selbstbeobachtung des Denkens aus, wenn es nur lange genug durchgehalten werden kann und wenn die Ergebnisfindung sich nicht ausschließlich in schnellen Lösungsassoziationen (eintrainierten Erinnerungen) erschöpft.
An einer einfachen Aufgabe wie dem Multiplizieren der Reihe von 10×10, 11×11, 12×12, ... 21×21 lässt sich im Prinzip alles Wichtige über die gewöhnliche Art des Denkens erfahren. [...] Wesentliche Bedingung für dieses Erleben ist die erhöhte Aufmerksamkeit, wobei zu bemerken ist, dass es sich nicht um ein «bisschen mehr» Aufmerksamkeit handelt, sondern um einen «ordentlichen Schub» mehr. Denn nur ein Teil davon darf für die Lösung der Aufgaben verwendet werden, die ja in jedem Falle richtig geraten soll. Die Tiefe der Erlebnisse hängt davon ab, wie viel weitere Aufmerksamkeit der Rechnende für die Beobachtung der Rechentätigkeit selbst aufwenden, bereithalten kann. Ein Irrtum kann sich hier einschleichen, wenn man mit dieser Aufmerksamkeit die Besonderheiten der Lösungswege sich einprägen will und darüber reflektiert. Darum geht es nicht!
Es geht um etwas ganz anderes. Einfache Fragen sollen beantwortet werden wie: Was ist überhaupt eine Zahl in meinem Kopf? Wo ist sie? Offensichtlich werden Zahlen während des Rechnens bewegt - wer macht das und wie? Offensichtlich verwandeln sich die Zahlen während des Rechnens - wie geht das zu? Zahlen verschwinden, andere kommen hinzu - wo gehen sie hin, wo kommen sie her? Das sind Fragen, die in unserer Gesellschaft (fast) nie auf diese Art gestellt werden. Deswegen fehlen auch einschlägige Begriffe für die entsprechenden Erfahrungen, falls sie zufälligerweise zustande kommen.
Das Hauptgewicht dieser Übungen liegt also auf Erfahrungsgewinnung im Sinne der Eroberung neuer Wahrnehmungsfelder im Bereich des Unbewussten des Denkens. Der Vorgang, wie zu diesen neuen Wahrnehmungen passende Begriffe kommen, gehört ebenfalls zu diesem neuen Wahrnehmungsfeld.
Sind zu den Wahrnehmungen passende Begriffe hinzugekommen und gehen wir damit um, sind wir bereits wieder im Umgang mit den Denkinhalten angekommen, also im gewöhnlichen Denken. Selbstbeobachtung des Denkens kann also nur im Wechselspiel von intensiv gelenkter, gesteuerter Aufmerksamkeit zur Wahrnehmung und anschließendem denkerischem Verarbeiten gelingen.
aus «Lebenskräfte - Bildekräfte»; S.23ff