zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Romano GUARDINI zur
MACHT des MENSCHEN
Wenn wir von der Macht sprechen, die der heutige Mensch schon in so ungeheurem, dazu aber in immer schneller wachsendem Maße besitzt, dann denken wir zunächst an die Macht über die Natur. Wir wollen aber nicht vergessen, daß sie auch Macht des Menschen über den anderen Menschen ist - und damit des Menschen über sich selbst.
Wie groß Macht ist, kommt am stärksten zu Bewußtsein dort, wo sie zerstört. Wir Heutige haben das Ereignis erlebt, in welchem die Möglichkeit der Zerstörung ganz deutlich wurde, als die Atombombe in Hiroshima niederfiel. Es geht ja in der Geschichte immer so, daß neue Realitäten zuerst gleichsam amorph da sind, nur geahnt, gefühlt. Dann geschieht etwas, wodurch das vorher unbestimmte Kontur bekommt, aussprechbar wird. Das ist durch die Atombombe geschehen. Unser Existenzbild ist von nun an das des Menschen, der über diese Bombe verfügt und mit ihr in einem Maße sich selbst zerstören kann, das früher undenkbar gewesen wäre.
Gewiß, mit den Kräften, die in ihr wirksam sind, kann er Ungeheures verwirklichen; auch das ist uns in diesen Jahren klar geworden. Er hat die Hand an den Energien der Welt. Er kann sich den Weg in den Weltraum öffnen. Was ihn aber zum grellsten Bewußtsein seiner Macht bringt, ist die neue ungeheure Möglichkeit, zu zerstören.
Und über die Atombombe wollen wir nicht jene andere Möglichkeit der Machtübung vergessen, die ebenfalls in diesen Jahren gewonnen wurde, nämlich die, in das menschliche Atom einzudringen, in das Individuum, die Persönlichkeit. (Die Worte »Atom« und »Individualität« meinen ja ihrem Grundsinn nach das Gleiche, nämlich das »Nicht-Teilbare«.) Man spricht nicht viel davon; aber es ist doch so, daß durch die Mittel, welche Psychologie und Chemie an die Hand geben, nicht nur bis dahin unangreifbare Störungen überwunden, sondern auch das Innerste des Menschen aufgebrochen werden kann. Dafür hat sich ein Wort gefunden, das harmlos klingt -, die »Gehirnwäsche«. Es ist möglich, in einem Menschen gegen dessen eigenen Willen die Weise zu ändern, wie er sich und die Welt erlebt; die Maßstäbe, nach denen er Gut und Böse mißt; den Stand, den er als Person in sich selbst hat. Diese Möglichkeit ist verwirklicht worden, und wird immer neu verwirklicht - ja sie spielt als Werbung und Propaganda im angeblich freiheitlichen Leben bereits eine Rolle, die alles andere als unbedenklich ist.
Auch das ist ein Bild der menschlichen Macht; subtiler, weniger dramatisch, aber vielleicht noch viel drohender als das der Atombombe.
aus «Damit Europa werde ...»; S.24ff