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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Stefan BROTBECK zu
PHANTOMGEDANKEN
Ein Phantomgedanke ist eine Pseudoidee oder «ein Unbegriff, der nur die Form des Begriffes hat» (Steiner GA 4, 113). Phantomgedanken sind «Gedanken», die wir gerade deshalb nicht denken können, weil wir denken können. Begriffsinhalte, die sich nicht denken lassen, sind eben keine Begriffsinhalte. «Undenkbar» sind Phantomgedanken also nicht deshalb, weil sie zu komplex gefügt sind oder die Möglichkeit ihrer empirischen Prüfung sprengen, sondern weil sie so konfus sind, dass sie eigentlich nicht einmal in der Lage sind, von der Kritik getroffen oder korrigiert zu werden. Den Ausdruck Phantomgedanken (für ungereimte Vorstellungen, Begriffsverwirrungen, Kategorienverwechslungen) verwende ich, um eben hierauf aufmerksam zu machen: Phantomgedanken sind nicht einfach keine Gedanken, sondern «Gedanken», die so tun, als ließen sie sich denken. Es gibt nicht nur Trugwahrnehmungen, es gibt auch Truggedanken. Phantomgedanken sind Trugbilder des Wahren - als Gedanken maskierte Hirngespinste. Wenden wir die Charakterisierung der Phantomgedanken gleich auf die Hirngespinste selbst an: Wenn wir von einem Hirngespinst sagen, dass wir es nicht fassen können, erweckt dies den Eindruck, dieses Hirngespinst überfordere unser Fassungsvermögen. Das ist offensichtlich Unsinn. Unfassbar ist ein Hirngespinst ja nicht, weil es unser Fassungsvermögen überfordert, sondern weil es hier gar nichts zu fassen gibt.
Hirngespinste können wir also nicht dadurch entlarven, dass wir ihr wahres Gesicht zeigen. Denn sie haben kein wahres Gesicht. Phantomgedanken sind gleichsam eine Tarnkappe ohne Kopf darunter. Wir enttarnen sie also auch nicht durch den Nachweis, dass sie einen Kopf verbergen
² Eine eindrückliche Pointierung dessen, worauf ich mit dem Ausdruck «Phantomgedanken» hinzudeuten versuche, findet sich bei Peter Bieri, der im Zusammenhang mit der Auflösung eines schiefen Freiheitsbegriffs - nämlich eines von aller Bestimmtheit freien und in diesem Sinne «unbedingten» Willens - hervorhebt, «dass es sich um keine stimmige Idee und also um überhaupt keine Idee handelt.» (Bieri 2003, 242) Bieri gibt den Ideen, die keine Ideen sind, eine Charakterisierung, die für Phantomgedanken von grundsätzlicher Bedeutung ist: «Gewöhnliche Irrtümer sind Überzeugungen, die zwar in sich stimmig waren, sich aber als faktisch falsch herausgestellt haben, wie etwa die Überzeugung, daß die Sonne sich um die Erde dreht. Beim Glauben an die unbedingte Freiheit des Willens handelt es sich um eine andere Art von Irrtum. Strenggenommen konnte sich dieser Glaube nicht einmal als falsch herausstellen, denn er hatte von Anfang an keinen in sich stimmigen Gehalt, der wahr oder falsch hätte sein können. Es ist nicht so, daß wir eine klare Überzeugung hatten und daß wir sie aufgeben mußten, weil uns die Tatsachen eines Besseren belehrten. Der Irrtum war größer und tückischer: Wir glaubten, einen Gedanken zu haben, von dem sich herausstellte, daß er keiner war.» (Ebd., 244) Bieri spricht auch von «Fata Morgana» (230), «rein rhetorische[m] Gebilde» (243), «begriffliche[m] Trugbild» (244) und «rhetorische[r] Chimäre» (246). - Nur angefügt sei, dass die Kritik des Phantoms einer indeterministischen Freiheit meines Erachtens um die Kritik des Phantoms universaler kausaler Determiniertheit erweitert oder ergänzt werden müsste (dem Thema widme ich mich an anderer Stelle). Zur kritischen Klärung des Begriffs «Begriff» vor allem: Ziegler 2004.
aus «Das entzauberte Hirngespinst»; S.19f