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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Gershom SCHOLEM zum
ALEPH als OFFENBARUNG
Diese Funktion Moses' als Deuter der göttlichen Stimme für das Volk - über die schon Maimonides sich sehr viel weiter gehende Gedanken gemacht hatte²² - konnte nun noch weiter ausgedehnt werden, und das ist es eben, was dem Rabbi Mendel von Rymanów zugeschrieben wird, der im Grunde nur die Gedanken des Maimonides in voller Zuspitzung ausdrückt. Ihm zufolge stammen nicht einmal die ersten beiden Gebote aus einer unmittelbaren Offenbarung an die ganze Gemeinde Israel. Alles, was ihnen offenbart wurde, was Israel hörte, war nichts als jenes Aleph [א], mit dem im hebräischen Text der Bibel das erste Gebot beginnt, das Aleph der Wortes 'anochi [אנכי], «Ich». Dies scheint mir in der Tat ein überaus bemerkenswerter und nachdenklich stimmender Satz. Der Konsonant Aleph stellt nämlich im Hebräischen nichts anderes dar als den laryngalen Stimmeinsatz (entsprechend dem griechischen spiritus lenis), der einem Vokal am Wortanfang vorausgeht. Das Aleph stellt also gleichsam das Element dar, aus dem jeder artikulierte Laut stammt, und in der Tat haben die Kabbalisten den Konsonanten Aleph stets als die geistige Wurzel aller anderen Buchstaben aufgefaßt, der in seiner Wesenheit das ganze Alphabet und damit alle Elemente menschlicher Rede umfaßt. Das Aleph zu hören ist eigentlich so gut wie nichts, es stellt den Übergang zu aller vernehmbaren Sprache dar, und gewiß läßt sich nicht von ihm sagen, daß es in sich einen spezifischen Sinn klar umrissenen Charakters vermittelt. Mit seinem kühnen Satz über die eigentliche Offenbarung an Israel als die des Aleph reduzierte also Rabbi Mendel diese Offenbarung zu einer mystischen, das heißt zu einer Offenbarung, die in sich selber zwar unendlich sinnerfüllt, aber doch ohne spezifischen Sinn war. (...)
²² MAIMONIDES, Führer der Unschlüssigen II, 33; in der deutschen Übersetzung von ADOLF WEISS, Leipzig 1924, Vol. II, S. 227/28. MAIMONIDES vertritt die Meinung, daß an allen Stellen über die Offenbarung, wo von Israel gesagt wird, daß sie Worte hörten, damit gemeint sei, daß sie den (unartikulierten) Schall der Stimme hörten, Moses aber es gewesen sei, der die Worte (in ihrer sinnvollen Artikulation) vernahm und sie ihnen mitteilte.
aus «Eranos-Jahrbuch 1957»; S.277f