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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Gershom SCHOLEM zu
PAULI AUSLEGUNG DER SCHRIFT
Ganz anders verhält es sich mit Paulus, dem hervorragendsten Beispiel eines revolutionären jüdischen Mystikers, das wir kennen. Paulus hat eine mystische Erfahrung, deren Deutung bei ihm zu einer völligen Sprengung des Rahmens der überlieferten Autorität führt. Er ist nicht imstande, sie zu bewahren; da er aber zugleich auf den Autoritätscharakter der heiligen Schrift als solcher nicht verzichten will, muß er sie als zeitlich begrenzt und dadurch abrogierbar erklären. Eine rein mystische Exegese der alten Worte tritt an die Stelle des ursprünglichen Rahmens und begründet nun die neue Autorität, die aufzurichten er sich berufen fühlt. Der Zusammenstoß des Mystikers mit der religiösen Autorität vollzieht sich bei ihm mit voller Schärfe. Die unglaubliche Gewaltsamkeit, mit der Paulus das Alte Testament, wenn man so sagen dürfte «gegen den Strich» liest, zeigt nicht nur, wie unvereinbar seine Erfahrung mit der des Sinnes der alten Texte war, sondern auch, mit welcher konsequenten Entschlossenheit er darauf beharrte, sich, und sei es auch nur in rein mystischen Exegesen, die Rückbeziehung auf den heiligen Text nicht zu verbauen. Der Preis ist jenes Paradox des restlos aufgesprengten heiligen Textes, das den Leser der Paulinischen Briefe immer wieder erstaunt. Die neue Autorität, die aufgerichtet wird und der die Paulinischen Briefe selber nun zum Texte dienen, ist revolutionärer Natur. Sie bricht von der im Judentum konstituierten fort, weil sie eine neue Quelle gefunden hat, aber sie investiert sich auch weiterhin mit einem Teil der Bilderwelt der nun ins rein Spirituelle aufgelösten alten Autorität.
Von all diesen Haltungen gilt, daß der Mystiker seine Erfahrung in dem heiligen Texte wiederfindet. Ob sie ihm von dort her entgegenstrahlt oder ob er sie hineinträgt, ist oft unentscheidbar. Die Genialität mystischer Exegesen besteht in der unheimlichen Präzision, mit der sie diese Aufsprengung der Schrift zu einem corpus symbolicum am Worttext selber vornehmen. Je präziser solche mystische Exegese, desto größer die Chancen der fortdauernden Anerkennung des so verwandelten Textes auch in seinem Wortsinn, der nur das Tor bildet, durch das der Mystiker schreitet, aber ein Tor, das er sich immer wieder offenhält. In einer denkwürdigen Exegese des Sohar über Genesis 12,1, spricht sich diese Haltung des Mystikers in größter Kürze aus. Gottes Wort an Abraham: Lech l'cha, bedeutet nicht nur in seinem Wortverstande «Ziehe hinaus», das heißt bezieht sich auf die Wanderung dessen, der auf Gottes Geheiß in die Welt zieht, sondern läßt sich in mystischer Wörtlichkeit auch lesen als «Gehe zu dir», zu deinem eigenen Selbst.
aus «Eranos-Jahrbuch 1957»; S.256f
Zitat von Angelika NEUWIRTH zu
PAULI ALLEGORESE
Auch das exegetische Prinzip der Allegorese hat seine Wurzeln in der Schrift. Schon der jüdische Religionsphilosoph Philo von Alexandria hatte davon ausgiebig Gebrauch gemacht. Für die christliche Praxis geht es auf Paulus zurück, der die Allegorie explizit beim Namen nennt (Gal 4,25) und mit ihrer Hilfe zentrale biblische Aussagen christologisch deutet.³³ Einer der ersten Kirchenväter, Origenes, macht die Allegorie bereits im 3. Jahrhundert zur Basis eines elaborierten Instrumentariums der Bibelerklärung. Christoph Dohmen weist auf die philosophischen Grundlagen dieser Exegese hin, nämlich die platonische Anthropologie, die zwischen Leib, Seele und Geist unterscheidet. Für Origenes »hat die Bibel nicht nur einen Leib - das ist der wörtliche Sinn, die Textoberfläche, die jeder unmittelbar sehen kann -, sondern auch eine Seele, d. h. noch einen tieferen Sinn, der sich eben jener allegorischen Auslegung erschließt«.³⁴ Die allegorische Auslegung, die hier in der Regel dem Alten Testament gilt, postuliert also ›übertragene‹ Bedeutungen auch da, wo der Text veritativ eine sinnvolle Lektüre erlaubt. Eben diese Vereinnahmung des Textes für außertextliche Ziele macht allegorische Auslegung für die jüdische Tradition problematisch. Daniel Boyarin präzisiert diesen Anstoß, wenn er feststellt, daß »Allegorie einen eigenen ontologischen und politischen Standort voraussetzt, eine platonische Sehnsucht nach dem Eindeutigen und Unveränderlichen, die der rabbinischen Literatur und dem Midrasch im besonderen fremd ist«.³⁵ Dies zeigt sich für Boyarin besonders deutlich in der beiden Traditionen geläufigen Textsorte der Parabel, wo sich strukturell eine midraschische Lektüre, die vom Abstrakten zum Konkreten fortschreitet, und eine christliche allegorische Lektüre gegenüberstehen, die vom Konkreten zum Abstrakten gelangt.³⁶
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33 Die drei paulinischen Texte Epheser 5, 1 Korinther 10 und Galater 4 gelten als die Grundlagen für die Allegorese in der christlichen Tradition; siehe [Robert Louis] Wilken, »In Defense of Allegory« [in: Modern Theology 14 (1998)], S. 200.
34 Dohmen, Die Bibel und ihre Auslegung [München 1998], S. 47f.
35 Boyarin, »The Eye in the Torah[: Ocular Desire in Midrashic Hermeneutic]« [in: Critical Inquiry 16 (1990)], S. 546f.
36 Boyarin, ebenda.
aus «Der Koran als Text der Spätantike»; S.573f