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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate zur
D I C H T U N G
Die Dichtung als eigene Gattung entstand, als sie sich von der Religion und den sie begleitenden Ausdrucksformen emanzipierte; erst vom Tanz und dann von der Musik. Dabei nahm sie jedoch deren Charakteristiken in ihre Sprache auf; der Rhythmus und die das Singen betonende Vortragsweise stammen daher. Homer war nur mehr ein Kitharode, der sich selbst auf seinem Saiteninstrument begleitete; was er sang, läßt sich noch nicht als eindeutig episch oder lyrisch klassifizieren. Und Hesiod im 8. Jahrhundert v. Chr. nannte man einen Rhapsoden, nach dem Stab, den er bei der Rezitation - wie der arabische rawi - in der Hand hielt, um im Takt zu bleiben; Pausanias beharrte darauf, daß es bei ihm ein Lorbeerzweig war, weil ihn dieser als mit dem Orakel der Musen verbunden auswies.
Dreihundert Jahre später, bedingt durch grundlegende gesellschaftliche Umwälzungen, hatte der Musenkult in Griechenland schon viel von seinem sakralen Nimbus verloren: das Umfeld der Dichtung war bereits verweltlicht. Es ist Demokrit, der den Dichter erstmals poietes nennt, einen ›Macher, Verfertiger und Erfinder‹, der ›einen schönen Bau von Versen aller Art zimmert‹ - in Analogie zu den Handwerkern seiner Zeit. Sie schöpfen zwar noch immer aus der Quelle des göttlichen Enthusiasmus und der Inspiration, der Akzent aber hat sich erstmals auf das profane Geschäft des Verseschmiedens verlagert. Und dies in einem Ausmaß, daß schon Platon diese Poeten aufs härteste kritisierte: sie wären der Musen und ihrer Gesetze unkundig, gäben sich mehr, als sie sollten, dem bakchischen Taumel und der Lust hin, und die Trennung der Worte von Tanz und Musik, sagte er, habe etwas vollkommen Unmusisches und Gaukelhaftes an sich.
Die Bezeichnung lyrikos schließlich, mit ihrem zunächst diminutiven Beigeschmack von Liedermachern, die mit der Leier zur allgemeinen Unterhaltung beitragen, stammt aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., als alexandrinische Literaturwissenschaftler die frühgriechischen Dichter erstmals aufzuzeichnen begannen. Sie ist damit aber auch ein Beleg dafür, daß sich die Lyrik endgültig von Epos und Drama abgesetzt und als eigenes Genre etabliert hatte.
Raoul Schrott
aus «Die Erfindung der Poesie»; S.12f
»Positivität« führt zu solchem Sprechen der Dinge, wo sie, an ihrer Oberfläche scheinend, sich selbst aussagen. Solches Sprechen ist Dichtung. Dichtung entbirgt das Verborgene, so dass es glänzen kann. Sie ist die umgewendete mystische Sprache der Intimität, die erlaubt, dass das Andere an der Oberfläche ihr »Ich bin Ich« erzählt. Sie ist die Sprache des Selbst, beim Anderen.
S.114
Für die Sprache der »Positivität«, für die Dichtung, gibt es kein Dahinter. Auch sie »webt«. Aber sie allegorisiert nicht, sondern sieht schaffend, schafft sehend. Die Zeit der »Positivität« ist deshalb die prozessierende, performative Gegenwart, das present continuous. »I am writing«. Diese Zeitform zeigt an, dass das, was geschieht, hervorgebracht wird, während es geschieht. Diese Zeitform kann auch eine Möglichkeit oder eine Wandlung anzeigen, oder eine Intention. »Positivität« versammelt diese Möglichkeiten des Ausdrucks und verdichtet sie in der Gegenwart. Die Sprache der Dichtung bringt das dichtend hervor, wovon es spricht, und vereinigt Möglichkeit, Intention und Wandlung. Auch sie ist eine Anschauung, aber sie vereinigt nicht Subjekt und Objekt, sondern webt Wirklichkeit.
S.115
Die gelungene Dichtung »exponiert sich« (wie Celan in einer Notiz schreibt: »La poésie ne s'impose plus, elle s'expose«): sie exponiert das Gesehene, und, insofern das Gesehene in die Sprache eingeht, wie im gelungenen Gedicht, exponiert sich mit dem gelungenen Gedicht auch das Gesehene. Es spricht sich selbst, es singt offen vom Wahren und Guten, dadurch ist es schön. Es ist das mir zugewandte Antlitz. Es ist ein Phänomen der Oberfläche.
S.116
Robin Schmidt
in »die Drei« 6/2015
siehe auch Dichtung und Prophetie