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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Hans-Werner SCHROEDER zu
ENGEL und MENSCHENSCHICKSAL
Nun aber soll noch auf eine andere Seite der Engelwesen hingedeutet werden, die nicht in einem Bilde erscheint, die man aber immer in dem Wort vom »Schutzengel« ausgedrückt hat: Es ist die Beziehung des Engels zum Menschen.
Wir haben schon davon gesprochen, daß sich das Bewußtsein der Engel (und wir meinen damit die Wesen, die unmittelbar über dem Menschen stehen, also das unterste Reich der neun Hierarchien bilden) vor allem auf das Schicksal der ihnen anvertrauten Menschen bezieht. In manchen Augenblicken unseres Daseins blitzt etwas in uns davon auf, dann ahnen wir: Eine höhere Weisheit begleitet uns, eine höhere - ganz unsentimentale, aber um so wahrere - Liebe umhüllt uns. Der Gedanke, daß jeder Mensch einem Engelwesen, seinem Schutzengel, anbefohlen ist, war in alten Zeiten so lebendig, weil er eine Wirklichkeit darstellte und - bis hin zu Momenten echter »Wahr«-nehmung - als wirklich erlebt wurde. [...]
Im Neuen Testament spricht Christus selbst von den Engeln der einzelnen Menschen, wenn er (Matthäus 18) von den Kindern sagt: »Ihre Engel schauen allezeit das Angesicht meines Vaters in den Himmeln.«
Aber auch im Griechentum finden wir ähnliche Erfahrungen: Sokrates spricht von seinem »Daimonion«, seinem »Genius«, dessen Mahnung ihm in gewissen Augenblicken seines Schicksals erlebbar wurde.
Auch heute gibt es vereinzelt Menschen, die ein Bild ihres Engels gesehen oder geahnt haben oder die ein deutliches, konkretes Bewußtsein von ihm in sich tragen.
Wohl niemand hat dies so wie Christian Morgenstern in Worte fassen können:
»Du Weisheit meines höhern Ich,
die über mir den Fittich spreitet
und mich von Anfang her geleitet,
wie es am besten war für mich, -
Wenn Unmut oft mich anfocht: nun -
es war der Unmut eines Knaben!
Des Mannes reife Blicke haben
die Kraft, voll Dank auf Dir zu ruhn.«
*
[...]
Die Verbindung unseres Engels mit uns ist wesenhaft, existenziell, das heißt: Wohin wir uns wenden, was wir tun - wir sind selbstlos begleitet von dem Bewußtsein des Engels. Wir haben schon zu beschreiben versucht, wie der Blick unseres Engels unser Erdenschicksal vollkommen überschaut, wie er unsere Erlebnisse, Erfahrungen, Schicksalsschritte in allen Einzelheiten in einer Art »höherer Erinnerung« bewahrt und aus der Überschau heraus uns jeweils in die Schicksale hereinführt, die uns notwendig sind. Das Wirken des Engels für den Menschen ist also vor allem ein Schicksals-Wirken, ein Bilden und Gestalten an dem, was uns Menschen »trifft«, ein Hinführen zu den Ereignissen und Menschenbegegnungen, die wir brauchen, ein »Ein-geben« und Inspirieren von Stimmungen, Gedanken, »Ein-fällen« und Willensregungen, die unser Schicksal weiterbringen.
Es wäre falsch, sich dabei ein starres Bild vom Schicksal zu machen, so als sei unser Schicksalsweg eine »Einbahnstraße« mit dem Verbot, rechts und links abzubiegen. Gewiß liegt unseren Erdenerlebnissen ein vorgeburtlicher Entschluß zugrunde, den wir selbst - im Zusammenwirken mit dem Schicksalsführer, dem Engel - gefaßt haben. Darin mögen die wesentlichen und notwendigen Ereignisse unseres Lebens festgelegt sein - so etwa wie für ein Gemälde eine erste Skizze angelegt wird oder wie man sich für ein wichtiges Vorhaben Leitlinien des Handelns vornimmt. Aber: wie das Schicksal im einzelnen verläuft, wie wir es bewältigen, ja selbst: ob wir manchen Notwendigkeiten nicht ausweichen und abirren von dem, was unser Lebensplan ist, - darüber entscheidet der einzelne Mensch im jeweiligen Vollzug seines Lebens selbst.
Der Engel aber sieht auf das, was an jedem Tag notwendiges Ereignis für uns sein soll - aus der Folge alles dessen, was wir früher getan und erlebt haben. Er muß korrigieren und nachhelfen, wenn wir Gelegenheiten ungenutzt lassen oder Seitenwege beschreiten. Wie oft werden uns Möglichkeiten geboten aus dem Schicksal heraus, die wir nicht ergreifen oder nicht bemerken; aus Überschau und Schicksalsweisheit schafft unser Engel neue Möglichkeiten - bis wir endlich verstehen, was das Schicksal fordert, oder bis ein Schicksalsschlag uns zur Besinnung ruft.
Darin also müssen wir eine erste wesentliche Aufgabe des Engels sehen: zu wirken in dem, was uns »zufällt« und »einfällt«, und zwar so, daß darin die richtige Konsequenz unserer eigenen Taten aus früherer Zeit, auch vielleicht aus früheren Erdenleben, liegen kann. Wir ahnen, welch ungeheure Weisheit damit verbunden sein muß, aber auch, welche Beweglichkeit im Bereich der Schicksalskräfte gerade in unserer chaotischen Zeit notwendig ist, die Schicksalsfäden zu entwirren oder neu zu knüpfen; da mögen heute die Engel »alle Hände voll« zu tun haben.
*
Aber noch etwas anderes ist ja mit solchem Bilden und Gestalten an unserem Schicksal verbunden: Es ist immer ein Mit-gehen unseres Engels mit unseren Schritten nötig, ja sogar ein Ein-gehen auf alles, was unser Wesen und Wollen ist. Ohne daß sich der Engel wesenhaft existenziell mit dem einzelnen Menschen verbindet, den er führen will, und ihm auf seinen Wegen folgt - bis in Abgründe hinein, die heute viele Menschen zu durchschreiten haben; ohne dies wäre nur eine Leitung und Führung von außen möglich. Erst dadurch, daß sich das über uns stehende Engelwesen »ein-läßt« auf das, was in uns und was unter uns ist, mit dem wir verbunden sind, entsteht jene intime, innerlichste Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Engel. Wir fühlen nun auch, daß es in dieser Intimität der Wesensbeziehung begründet liegt, daß jeweils ein Engel einem Menschen zugeordnet ist.
Wir sehen: Das Schicksal des Engels ist in dieser Art eng mit dem Schicksal des Menschen verbunden. Nicht in einsamer Höhe leben die Wesen des Engelreiches über uns - sie neigen sich gleichsam zu uns herab, beugen sich, um uns zu dienen, zu helfen, uns zu begleiten. Und dieses Dienen, Helfen, Begleiten ist ganz gewiß für sie auch ein Opfer; denn unser Schicksal ist heute weithin vom Dunkel der Leidenschaft und Erdentragik durchdrungen - Elemente, die dem Engel unrein und schmerzhaft erscheinen müssen, so etwa wie es für einen edlen Menschen eine Qual sein kann, mit einer »niedrigen« Gesinnung konfrontiert zu werden.
Paulus mag auf diese tiefe Beziehung zwischen Menschen- und Engelschicksal mit einem dunklen Wort des I. Korintherbriefes hingewiesen haben, wo er sagt, «daß wir über die Engel richten werden« (Kapitel 6,3). Das Wort »richten« [κρινοῦμεν] hat im griechischen Urtext auch die Bedeutung von »eine Entscheidung herbeiführen«; so übersetzt kann dieses Pauluswort im Sinne der tiefen Schicksalsverbundenheit zwischen Mensch und Engel verstanden werden: Das Verhalten des Menschen entscheidet schließlich in einer tiefen Weise auch das Schicksal des Engels mit; so tief sind Mensch und Engel miteinander verbunden.
Friedrich Hölderlin hat in einem seiner schönsten Gedichte die Daseinsweise der höheren Wesen so gekennzeichnet:
[siehe Hyperions Schicksalslied]
[...] Die Engel aber, die mit uns gehen, nehmen an den Menschenschicksalen teil. Nicht »schicksallos« ist ihr Weg, und gerade heute reicht manche Tragik aus dem Erdenreich weit hinauf in die Engelreiche. Nicht gleichgültig kann den Engeln bleiben, was Menschen auf Erden tun; [...] Menschenschicksal wird zum Teil des Engelschicksals. Wer das für sein eigenes Schicksal bedenkt, wird seinem Engel gegenüber anders fühlen lernen.
aus «Mensch und Engel»; S.40ff