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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von José ORTEGA Y GASSET zur
SCHULE der FRAUEN
Zunächst wäre darauf hinzuweisen, daß die Geschichte nach einem Geschlechterrhythmus abgelaufen ist. Es gibt Epochen, die von männlichen Werten beherrscht sind, und andere, in denen die weiblichen regieren. Um in unserem Kulturkreise zu bleiben, erinnern wir daran, daß beispielsweise das frühe Mittelalter eine männliche Zeit war. Die Frau nimmt nicht am öffentlichen Leben teil [mit gelegentlicher Ausnahme von Fürstinnen]. Die Männer widmen sich dem Kriegshandwerk, und fern von den Damen vertreiben sich die Waffengefährten bei barbarischen Trink- und Sangesfesten die Zeit. Das spätere Mittelalter, meines Empfindens die ansprechendste Epoche der europäischen Vergangenheit, ist eben dadurch gekennzeichnet, daß nun am historischen Horizont das Gestirn der Frau [des Weiblichen a] emporsteigt. Sehr zu Recht haben Sie [Victoria Ocampo] darum am Ende Ihres Kommentars [«De Francesca a Beatrice»] auf die Liebeshöfe [courts d'amour] verwiesen. Noch hat man der Kultur der cortezia [courtoisie ↣ courtesy], die im 12. Jahrhundert blühte und meines Erachtens eine der entscheidenden Tatsachen der abendländischen Zivilisation gewesen ist, den ihr gebührenden Platz in der Geschichte nicht eingeräumt. Aus der cortezia sind hervorgegangen: der heilige Franziskus und Dante, der päpstliche Hof von Avignon¹, die Renaissance und in ihrem Gefolge die gesamte moderne Kultur. Und diese ganze Riesenernte ist Frucht der genialen Kühnheit einiger provenzalischen Damen, die einer neuen Lebensanschauung zum Durchbruch verhalfen. Diese hohen Frauen hatten den Mut, angesichts des in gleicher Weise absurden Asketentums der Mönche wie der Krieger einem System der inneren Verfeinerung und Geistesschärfe Eingang zu verschaffen. Ihrer Anregung ist es zu verdanken, daß das vornehmste Gebot Griechenlands, das μέτρον, das Maß, zu neuem Leben ersteht. Das frühe Mittelalter ist, ganz wie der Mann [das Männliche a], Maßlosigkeit. Mit der lei de cortezia aber kündigt sich nun die neue Herrschaft der mezura an, des Elements, darin die Frauen leben.[b]
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¹ Es ist nicht genügend bekannt, daß dieser französisch-italienische Papsthof der erste Ort war, wo Frauen grundsätzlich und andauernd an der „Gesellschaft” teilnahmen. Von dort also datiert jener soziale Organismus, den man in neuerer Zeit „Hof” [cour ↣ court] genannt hat. Da nun der Papsthof zum größten Teil aus geistlichen Würdenträgern, also aus Ehelosen bestand, erschien daselbst ein origineller Frauentypus von unabhängiger und kultivierter Lebensart. Für diesen wird der Ausdruck „Courtisanen” geprägt. Honni soit qui mal y pense. Eine von ihnen war Laura de Noves, die Freundin Petrarcas.[c]
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Das Weib war für den Mann ursprünglich eine Beute, ein Leib, den man sich rauben [lat. privare] konnte. Diese weidmännische Seelenhaltung machte einer feineren Empfindungsweise entgegengesetzten Vorzeichens Platz, die den Griechen allerdings so gut wie unbekannt war. Was an der Frau nur Beute und Raub zu sein vermag, befriedigt auf die Dauer nicht. Im Zuge der Verfeinerung entsteht beim Mann der Wunsch, die Beute möge sich ihm aus eigenem Antrieb ergeben. Denn in den Besitz ihres Frauentums gelangt man nur, wenn man es für sich gewinnt. So wird die Beute zum Lohn. Und um ihn zu erlangen, muß man seiner erst würdig werden, muß man sich zu dem Mannestum erheben, dessen Ideal die Frau unbewußt in sich trägt. Durch diesen seltsamen Vorgang kommt es zu einer Vertauschung der Rollen: der Ausbrecher wird zum Gefangenen. Während in der Epoche der reinen Triebhaftigkeit der Mann in der Art eines Räubers über die ihm begegnende Schöne herfällt, hält er sich in der Zeit zunehmender Vergeistigung in gebührendem Abstand und vergewissert sich zunächst von ferne, ob im Gesicht des Weibes Zustimmung oder Ablehnung geschrieben steht. Der Ursprung dieses neuen Verhältnisses zwischen den Geschlechtern, dank dessen die Frau zur Erzieherin des Mannes wird, liegt in der Kultur der cortezia. Dante bildet in dieser Entwicklung den Höhepunkt. Die Vita Nuova ist durchbebt von den Empfindungen eines Dichters, der durch den irrealen Meißel des Weiblichen zu einem neuen Menschen umgeschaffen wird. Dante erstrebt von Beatrice nicht mehr als ein Nicken der Zustimmung. Wir sehen sie nur immer in der Ferne vorübergehen, ein wenig manieriert, ein wenig präraffaelitisch. Der Dichter hat bloß die eine Sorge, ob sie ihn grüßen wird oder nicht. Ist Beatrice mißgestimmt, so unterläßt sie den Gruß, und Dante ist erschüttert. „Mi salutò virtuosamente tanto che mi parve allora vedere tutti i termini della beatitudine”, sagt er, nachdem er sie erstmals gesehen. Und tags darauf: „Conobbi ch'era la donna della salute, la quale m'avea lo giorno dinanzi degnato di salutare.” Fortan lebt Dante nur noch der einen bangen Hoffnung: per la speranza dell'ammirabile salute.
Mit Gruß und Grußenthaltung, zwei Zügeln, die unsichtbar sind wie die Wendekreise des Sternhimmels, regiert die kluge Jungfrau die stürmische Jugend unseres Dichters. Es ist klar: solche magische, fast immaterielle Kraft kann nur einer Frau von verfeinertem Wesen innewohnen, die „gentil e non pura femmina” ist, wie Dante in voller Bewußtheit sagt. In seiner etwas zu weit gehenden Geringschätzung des Leiblichen beharrt er darauf, daß, wenn er von den Augen spreche, „ch'è sono principio di amore” und vom Mund „ch'è fine d'amore”, jeder niedrige Gedanke fernzubleiben habe, „si levi ogni vizioso pensiero. Ricordisi chi legge, operazione della sua bocca, fu fine de' miei desideri, mentre che io lo potei ricevere.”
in „Vom Einfluß der Frau auf die Geschichte”; 1924
aus «Gesammelte Werke IV»; S.240ff
a] vgl. Mbl-B.36i
b] Dies entspricht dem Übergang von Virgo (Jungfrau) zu Libra (Waage); diesem ist auch das Auftreten der Troubadours (Trovatores ~ Finder) verpflichtet, deren Impulse vom Minnesang weitergepflegt worden sind (vgl. zB. U.v.Liechtensteins Lob der Damen, später auch J.W.v.Goethe Das Ewig-Weibliche).
c] Weit früher traten einzelne Fürstinnen wie zB. Theudelindis, Gisela von Bayern oder Aliénor d'Aquitaine kulturstiftend in Erscheinung. Im Zusammenhang mit dem Umzug des Papstes nach Avignon steht übrigens auch die Vernichtung des Templerordens.