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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von José ORTEGA Y GASSET zum
AGNOSTIZISMUS
Wie ein ungeheures Panorama liegt jederzeit das ganze Weltall offen vor uns, doch ist von Stunde zu Stunde immer nur ein Teil davon für uns vorhanden. Die Aufmerksamkeit des Menschen wandert wie der Suchstrahl eines Schiffes über die ungeheure Fläche des Wirklichen und bestreicht bald diesen, bald jenen Ausschnitt. Dieses Wandern der Aufmerksamkeit schafft die Geschichte des Menschen. Jede Epoche richtet ihr Augenmerk auf etwas anderes, jede hat ihr besonderes System von Vorlieben und Antipathien, von Weit- und Kurzsichtigkeiten, so daß man schon vom vorherrschenden Aufmerksamkeitstyp her ihr Wesen bestimmen kann.
Die Epoche, die der unsern voranging, stand im Zeichen eines sehr seltsamen Aufmerksamkeitsprinzips, das sich zusammenfassend mit Agnostizismus benennen läßt. Diese Bezeichnung münzte sie auf sich selber und gefiel sich in ihr über die Maßen. Zunächst einmal ist die negative Bildung des Wortes ergötzlich. So als ob sich jemand Nicht-Peter oder Nicht-Hans rufen ließe. Und in der Tat bezeichnet „Agnostiker” einen, der „gewisse Dinge nicht wissen will”. Es handelt sich offensichtlich um eine Geisteshaltung, die Klugheit und Vorsicht allem voranstellt; die lieber ausweicht als in Angriff nimmt, die lieber nicht irrt als behauptet. Nun sind aber die Dinge, die der Agnostiker nicht wissen zu wollen beliebt, nicht irgendwelche Dinge, sondern ausgerechnet die letzten und ersten, das heißt: die entscheidenden Dinge.
Heute fällt es uns bereits schwer, eine solche Geisteshaltung nachzuvollziehen. Denn die Haltung des Agnostikers besteht nicht darin, die unmittelbare und „positive” Wirklichkeit als die einzig vorhandene auszugeben - was keinen Sinn hätte - sondern im Gegenteil zuzugeben, daß die unmittelbare Wirklichkeit nicht die vollständige Wirklichkeit ist, daß es über das Sichtbare hinaus noch etwas geben muß, das sich jedoch in einem Zustand befindet, der eine Aneignung durch die [Sinnes-]Erfahrung ausschließt. Angesichts dieser Tatsache dreht er der Jenseits-Welt den Rücken und beachtet sie nicht.
Die Folge davon ist, daß die Landschaft des Agnostikers keine Hintergründe hat. Alles an ihr ist Vordergrund, womit gegen das elementare Gesetz der Perspektive verstoßen wird. Es ist die Landschaft eines Kurzsichtigen und ein verstümmeltes Panorama. Alles, was erstrangig und von grundsätzlicher Bedeutung ist, wird ausgeschieden. Die Aufmerksamkeit richtet sich ausschließlich auf das Zweitrangige und Schwankende.
Unter dem löblichen Vorwand der Klugheit verzichtet man darauf, das Geheimnis der „letzten Dinge”, „der fundamentalen Dinge” zu entdecken, und hält den Blick ausschließlich auf „diese Welt” geheftet. Weil „diese Welt” übrig bleibt, wenn wir aus dem Weltganzen alles Fundamentale getilgt haben: das heißt, eine Welt ohne Grundlage, ohne festen Ort, ohne zusammenhaltenden Mörtel, eine schwimmende Insel, die einem unbekannten Element zutreibt.
Der Agnostiker ist ein Wahrnehmungsorgan, das ausschließlich auf unmittelbar Vorhandenes eingestellt ist. Am besten machen wir uns dieses seltsame Aufmerksamkeitsprinzip an seinem Gegensatz klar: dem Gnostizismus. Der Gnostiker geht in erster Linie von dem tiefen Ekel aus, den er „dieser Welt” gegenüber empfindet. Dieser ungeheure Ekel vor allem, was der Sinnenwelt angehört, war eines der seltsamsten Geschichtsphänomene. Schon bei Platon bemerken wir die ersten Anzeichen dieses inneren Widerstrebens, das von da ab wie eine unbezwingliche Flut immer höher anschwillt. Im ersten Jahrhundert ist das gesamte östliche Mittelmeer vom Ekel am Irdischen wie berauscht und sucht wie ein gefangenes Tier im ganzen Umkreis nach dem rettenden Ausschlupf. Die Seelen haben eine Einstellung auf das Überweltliche, deren Übertriebenheit und Ausschließlichkeit in Erstaunen setzt. Für sie gibt es allein das Göttliche: das heißt etwas, das seinem Wesen nach entfernt, mittelbar, transzendent ist. Der Ekel vor „dieser Welt” erreicht einen solchen Grad, daß der Gnostizismus nicht einmal zugeben will, Gott habe sie erschaffen. So behauptet Marcion, eine der bewundernswertesten Gestalten des aufkommenden Christentums, die Welt sei das Werk eines abgefeimten Wesens [Demiurgen], des Widersachers von Gott. Darum sei die wahrhafte Schöpfung des wahren Gottes die Erlösung. Die Weltschöpfung war eine böse Tat; das Gute, das Göttliche besteht darin, die Schöpfung rückgängig zu machen, das heißt sie zu erlösen.
Die gnostische Landschaft verhält sich umgekehrt zur positivistischen. Sie wird einzig und allein von Hintergründen gebildet und hat kein unmittelbares Sichtfeld; sie ist ihrem Wesen nach eine „andere” Welt. Während so „Erfahrung” das Hauptwort des Agnostikers ist - worin sich das Achthaben auf „diese Welt” ausdrückt - ist das Hauptwort des Gnostikers „Errettung”, womit die Flucht aus dieser und das Achthaben auf die andere Welt bezeichnet wird.
Angesichts dieser beiden widerstreitenden Vorzugssysteme, die jedes auf seine Weise ausschließenden Charakter haben, ist es angebracht, die Aufmerksamkeit auf eine mittlere Linie zu richten, eben jene Grenzlinie, die sich zwischen dieser und jener Welt erstreckt. Diese Linie, an der die hiesige Welt endet, gehört noch zu ihr und hat darum „positiven” Charakter. Zugleich aber beginnt mit dieser Linie die Jenseitswelt, und folglich ist sie auch transzendent. Alle Einzelwissenschaften sehen sich heute je nach der Notwendigkeit ihrer inneren Verfassung an diese Grenzlinie ihrer eigenen letzten Probleme gedrängt, Probleme, die zugleich die ersten sind der großen Wissenschaft von Gott.
in „Gott in Sicht”; 1927
aus «Gesammelte Werke I»; S.364ff