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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von José ORTEGA Y GASSET zum
KUNSTGENUSS
[...] Die überlieferte Kunst langweilt uns, wir haben sie schon so oft betrachtet, daß wir bei ihrem Anblick schwerlich noch einen Schauder der Ergriffenheit zu erwarten haben. Romanik, Gotik, Renaissance, unsere Reaktionen darauf laufen so gewohnheitsmäßig ab, daß sie fast schon Reflexe sind. Wir wissen im voraus, welche Platte in uns spielen wird, wenn das Kunstwerk erscheint. Auf Abenteuer und Wunder zu hoffen, haben wir längst verlernt. Aber wo diese beiden fehlen, gibt es keinen echten Kunstgenuß. Was man heute so zu nennen pflegt, ist ein behaglicher, sicherer, sozusagen ehelicher Genuß, der sich unfehlbar einstellt, wenn ein höchst bekannter, höchst trefflicher und jeder geistigen Spannung höchst barer Gegenstand in das Gesichtsfeld tritt. Es handelt sich um eine ein für allemal festgelegte Wirkung, die genau genommen in der Seele bereitliegt, ehe noch das Kunstwerk erblickt wird. Und der wackere Bürger will gar nichts anderes; er will darüber beruhigt sein, daß die Dinge wirklich ihrem Ruf entsprechen, daß der schiefe Turm von Pisa tatsächlich schief ist, daß die gotische Kathedrale Spitzbögen hat und das Gemälde von Velázquez sich gelehrig wie ein Hund den Beschreibungen im Baedeker [oder DuMont] bequemt.
Aber zur echten ästhetischen Erschütterung kann es nur kommen, wenn man nicht von vornherein innerlich darauf vorbereitet ist, sie zu empfinden, und die Gebärde der Bewunderung schon bereithält. Unwillkürlich sagt man sich: wenn es wirklich so viel schöne Dinge gibt, wie die Leute behaupten, muß dann nicht eines von beiden zutreffen, entweder sollte das Übermaß von Genuß uns längst getötet haben, oder die Schönheit ist eine so laue und langweilige Angelegenheit, daß es nicht der Mühe lohnt, darüber zu reden. Ich glaube, der Sinn für die Kunst ist uns verlorengegangen, weil sie allzu häufig und billig geworden ist. Wieviel reizender ist es, sie als ein Abenteuer anzusehen, das ab und zu - sehr selten im Grunde - wie ein Blitz aus heiterem Himmel niederfährt. Wir leben so dahin, unseren Geschäften nachgehend, und auf einmal packt uns etwas, wirft uns aus unserem täglichen Selbst und reißt uns fort wie der göttliche Wirbelwind die Propheten in eine jenseitige Welt. Kunst ist nicht denkbar ohne Ekstase, was wörtlich außer-sich-sein heißt.
Die Menschheit muß periodisch den Baum der Kunst schütteln, damit die verfaulten Früchte abfallen, Zum Besten der Kunst selbst ist Strenge gefordert; ihre Würde verlangt, daß wir sie zwingen, mit uns zu kämpfen, bis wir sie segnen.[a] Wenn wir hemmungslos fortfahren zu bewundern, mehrt jedes Jahrhundert die Last des angeblich Schönen, und nach weiteren tausend Jahren gibt es auf dem Planeten nur noch Friedhöfe und Museen. Die Kunst ist in die Hände des braven Bürgers gefallen; man muß sie ihm entreißen und wieder unbehaglich machen, das heißt sich selbst zurückgeben.
in „Tagebuch einer Sommerfahrt”; 1927
aus «Gesammelte Werke I»; S.306f
a] vgl. Gen.32,25-27