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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Annemarie SCHIMMEL zur
SEELE als VOGEL
Das Motiv der Reise ist voll entwickelt in 'Attars berühmtestem Epos, den ›Vogelgesprächen‹ (ein Titel, der auf die koranische Gestalt Salomos anspielt [Sura 27/16], der imstande war, mit den Seelenvögeln in geheimer Sprache zu sprechen und so Vertreter des mystischen Führers ist). Dieses Epos ist die vollkommenste dichterische Einführung in den mystischen Pfad mit seinen sieben Tälern und der Beschreibung aller Schwierigkeiten, die die Seele auf dem Wege zu gewärtigen hat. Die Gleichung Seele = Vogel ist überall in der Welt verbreitet; sie kommt in vielen primitiven Religionen vor und ist noch heute mancherorts bekannt. So kann man in der Türkei noch hören can kuşu uçtu, ›sein Seelenvogel ist entflohen‹, d.h. er ist gestorben. Avicenna hatte das Vogel-Reise-Motiv benutzt, und Ghazzali schrieb eine Risālat at-tair, ›Sendschreiben über die Vögel‹ ähnlichen Inhalts. 'Attar jedoch erfand das Ende der Geschichte: die dreißig Vögel, die die mühsame Reise unternommen haben, um den König der Vögel, den Sīmurgh zu finden, entdecken schließlich, daß sie selbst - ›dreißig Vögel‹, sī murgh - der Sī-murgh sind. Das ist das geistreichste Wortspiel in der persischen Literatur, das wunderbar die Erfahrung der Identität der Einzelseele mit dem göttlichen Wesen ausdrückt.
Die Vogel-Bilder wurden noch weiter ausgebildet, nachdem 'Attars Mantiq ut-tair eines der beliebtesten Geschichtenbücher der persischen Literatur geworden war. Jeder, der persische Poesie gelesen hat - sei es auch nur in Übersetzung - kennt die Nachtigall, die sich nach der Rose sehnt: das ist, in mystischer Sprache, die Seele, die sich nach der ewigen Schönheit sehnt, wie Ruzbihan es definiert hatte. Die Nachtigall wiederholt unermüdlich das Lob der Rose; sie spricht von ihrem Sehnen, singt Hymnen vom ›Koran der Rose‹ (d.h. den Blütenblättern), erleidet ohne Klage den Stich der Dornen. Iqbal hat den Sang der Nachtigall im Kontext seiner Philosophie der unerfüllten Sehnsucht interpretiert - nur Sehnsucht gibt dem Seelenvogel die Fähigkeit zu singen, weil sie ihn dazu inspiriert, liebliche Melodien zu schaffen. Sehnsucht ist der höchste Zustand, den die Seele erreichen kann, weil sie zu schöpferischem Ausdruck führt, während Einigung in Schweigen und Entwerden endet.
aus «Mystische Dimensionen des Islam»; S.434f