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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von M. WAIS zum
BEGEGNUNGSKONFLIKT
Das Böse einfach nur vermeiden, nichts damit zu tun haben zu wollen, führt zu einer Bewußtseinsdämpfung gegenüber seinen auflösenden, vereinseitigenden Umtrieben. Und gerade deshalb kann es sich einnisten. Das Böse hat eine um so stärkere Macht, je mehr man ihm aus dem Weg gehen will. So etwa eine Ratsuchende, verheiratet, zwei Kinder, die sich verliebt. Nach allgemeinen Moralprinzipien wäre es nun gut, wenn sie dem Bösen - also hier: dem Schuldig-Werden - aus dem Weg ginge, verzichten und sich die Verliebtheit versagen würde. Tatsächlich hat sie verzichtet. All das, was die Verliebtheit in ihr berührte und aufrührte und sie in der Ehe nicht leben konnte, versagte sie sich. Wie gut, könnte man sagen. Nun aber wird ihre Ehe zur Hölle. Es wird ihr immer deutlicher, wie wenig von dem, was in ihr lebt, in der Ehe zum Tragen kommen kann. Sie fühlt sich zunehmend beengt, es kommt zur Trennung, zur Auflösung der Ehe. - Was ist hier gut und was böse? Wollte diese zusätzliche Begegnung sie nicht vollständiger werden lassen?
Kann es sein, daß die Aufgabe dieser Frau weder in einem Verzicht auf die neue Begegnung noch in einer sofortigen Trennung vom Ehemann gelegen hätte, sondern darin, den Zusammenhang zu finden und zu leben, der zwischen allem und zwischen allen Beteiligten liegt? Daß die Aufgabe in einer solchen Situation darin liegt, eine Form für die neue Begegnung zu finden und eine neue Form für die Ehe, in der beides vereinbar ist? Eine solche Aufgabe kann man nur individuell und in möglichst offenem Austausch mit allen Beteiligten angehen. Da helfen keine moralischen oder traditionellen Gesichtspunkte, eben weil sie nicht individuell sind. - Auch die Moral kann böse werden, wenn sie nämlich in einen Zusammenhang gebracht wird, in den sie nicht gehört. Es gibt keine Rezepte für solche Situationen, aber wir erleben, daß man individuell darum ringen kann, neue Formen des Zusammenhangs zu finden. Das geht natürlich nur in Offenheit und im Austausch aller Beteiligten, die einen Zusammenhang untereinander herstellen. Tut man es heimlich, dann vermeidet man den Zusammenhang, und dann ist es böse, eben deswegen.
aus «Ich bin, was ich werden könnte»; S.88f
Die Politik hat da einen alten Trick - sie tauscht die Spieler aus. [...] Die Spannung wird sozusagen personalisiert. Durch den Austausch der Spieler werden dann neue Gespräche möglich. Bei einem Ehekonflikt geht das nicht so leicht ...
Friedrich Glasl
in »Das Goetheanum« 33-34·2015; S.14