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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Eugen ROLL zum
MANICHÄISCHEN DUALISMUS
Eine manichäische Grundvorstellung von großer Tragweite war der sogenannte Dualismus, der besagt, daß zwei konträre, höchste Prinzipien Ursache und Ursprung der Welt waren. Dieser Dualismus, der nicht nur der manichäischen, sondern auch der zoroastrischen Religion ganz allgemein eigen war, bedeutete eine Herausforderung der ganzen westlichen Welt. Dort war er schon in der vorkonstantinischen Zeit zu einem philosophischen Problem geworden, um so mehr, als er auch im monotheistischen System seinen Platz hat, wenn es darum geht, Bewegung in die Substanz zu bringen, wenn eine Werde-Welt sich entfalten soll. Dazu ist immer ein gewaltiger Einbruch in die absolute Seinswelt nötig. Die Gleichstellung zweier Prinzipien, wie etwa des Lichtes und der Finsternis, empfand die westliche Christenheit stets als Ärgernis. Aber diese Prinzipien sind wohl erst im Verlaufe der Diskussion als etwas Absolutes und Anfangloses definiert und herausgestellt worden.
Der Mythus selbst kennt solche Abstraktionen nicht, er ist ein Bildgefüge von einem gewaltigen schöpferischen Prozeß. Was immer wieder in mythischer Einkleidung als Kampf zweier Prinzipien erlebt wurde, das waren von Gott gesetzte Polaritäten, die als Mächte und Kräfte nicht zu übersehen sind. Übrigens haben es die Manichäer zu allen Zeiten vermieden, dem dunklen Prinzip göttliche Attribute beizulegen; sie haben ihm dämonische Züge gegeben und haben den prinzipiellen Unterschied in die Qualitas verlegt. Auf diese Weise war die Überlegenheit des lichten Prinzips gesichert. Baur vermerkt hierzu: „Der aus dem Polytheismus hervorgehende Dualismus bleibt seinem eigentlichen Charakter nur dann getreu, wenn er beide Prinzipien als Götter nebeneinander stellt; betrachtet er, wenn auch nur dem Namen nach, zwar das eine als Gott, das andere [aber] als Dämon, so ist er schon im Begriff, in den absoluten Monotheismus überzugehen (16).” Mit Recht hat der Bischof Titus von Bostra, ein Zeitgenosse Augustins, als strenger Logiker festgestellt, daß zwei absolute Prinzipien nicht nebeneinander gedacht werden können. „Sollen beide Prinzipien als Gegensatz getrennt nebeneinander bestehen, so muß das eine durch das andere in Hinsicht seiner Substanz begrenzt und beschränkt sein, keines von beiden kann unendlich sein (17) ...” Diese Folgerung ist richtig und beweist, daß es sich nicht um absolute Mächte, sondern nur um ein relatives Verhältnis von Mächten und Kräften handeln kann. Man kann sich dem Manichäismus nicht mit solchen Argumenten nähern; denn das zoroastrische Weltbild, das den Hintergrund für die Weltschau Manis abgibt, ist nicht der Logik unterworfen, es ist nicht ersonnen, sondern als Mythus geschaut und als Drama erlebt.
Bezüglich der Wahrheit und Richtigkeit dieser dualistischen Weltschau stimmten alle Eingeweihten zusammen. Ihre einheitliche Erfahrung ist Ursprung und Inhalt der sorgsam gehüteten Tradition, die auf den großen Führer der urpersischen Völker zurückgeht, auf jene hohe Wesenheit, die den Namen Zarathustra trägt und - nach Ansicht der Griechen - in der Zeit 5000 vor dem Trojanischen Krieg gewirkt hat. Mit einer wichtigen Mission, nämlich dem Christus den Weg in die Erdenwelt zu bereiten, verkörperte sich dieser Menschheitsführer mehrmals, nicht zuletzt im 6. Jahrhundert vor Christus, wo er unter dem Namen Nazaratos oder Zaratas wiederum als Religionsstifter und auch als Lehrer des Pythagoras (582-507) in Erscheinung trat (*).
Was diese Verkörperungen betrifft, fällt es uns schwer, die historischen Fakten voneinander zu trennen und die Wirkungsweise des hohen Eingeweihten nach Zeiten zu unterscheiden. Eines der wichtigsten Merkmale seines Weges ist, daß er - im Gegensatz zu Buddha und den späteren Mithrasmysterien - nicht den mystischen Weg der Versenkung ins eigene Innere lehrt, sondern hinausblickt in die Welt und den Sinnenschleier durchdringt, um sich ganz dem erhabenen Lichtreich Ahura Mazdas zuzuwenden. Unter dieser Eindrucksgewalt steht alles, was uns in vorchristlicher Zeit als Zarathustrakultur entgegentritt. Aber der Blick nach außen drang auch in die Vergangenheit, zu jenem Welt-Aion, in dem die Erde noch selbst sonnenhaft und reines substantielles Licht war. Das war die Lucida der Manichäer, die „Lichterde”, zu der sie in seliger Erinnerung aufblickten. Und hier tritt der Dualismus zutage; denn dieser Aion könnte sich gar nicht als Licht offenbaren, wenn nicht die Finsternis Geburtshilfe geleistet hätte.[a] Das heißt: die Licht-Metamorphose war bereits die Frucht einer Zweiheit. Die Gottheit offenbarte sich den Parsen auf dualistische Weise, als Licht und Finsternis in einer Form, die ihnen, ihrer Entwicklung und ihrer Bewußtseinsstufe gemäß war.
Selbstverständlich geht dieser Licht-Metamorphose ein Urzustand voraus, der in den Zendschriften Zeruana akarene genannt wird, eine raum-zeitliche Ureinheit, in Zurvān (Zarwān) personifiziert, aus der die beiden Grundwesen Ahriman und Ohrmazd (Ormizd) hervorgegangen sind. Aber dieses „in Herrlichkeit verschlungene Wesen” war dem Seherblick der Magier bereits entschwunden und die Kunde von ihm in das Reich der Legende und Philosophie verbannt. Das Problem war jetzt, wie aus einer neutralen Gottheit durch einen schlechten Gedanken der böse Geist (Ahriman) und durch einen guten Gedanken der gute Geist (Ormizd) hervorgeht [...]
[...]
Während der Dualismus im Osten in Mythen und Sagen sein Wesen hat, wird er in der westlichen Welt abstrakt gesehen, das heißt, die beiden konträren Prinzipien werden als absolute Wesenheiten definiert. Die so errichteten Popanze werden dann als Manichäismus in aller Schärfe bekämpft. Da ein Abstraktum andere nachzieht, wird mit Recht behauptet, daß es in diesem System keine Erlösung und keine Umwandlung des Bösen geben kann.
Wenn wir jedoch die Abstraktion vermeiden und den Dualismus richtig verstehen, dann erscheint er uns als Hintergrund, auf dem sogleich der eigentliche Manichäerimpuls sichtbar wird, der sich in einer großen Opferbereitschaft kundgibt mit dem Ziel, die Finsternis von innen her zu erhellen und das Böse in ein Gutes zu verwandeln. [...]
16) F. Ch. Baur [«Das manichäische Religionssystem nach Quellen neu untersucht und entwickelt»; Tübingen 1831] S. 26
17) F. Ch. Baur S. 30
*) Siehe hierzu D. J. van Bemmelen, Zarathustra, J. Ch. Mellinger Verlag, Stuttgart, 1975.
aus «Mani»; S.26ff
a] vgl Jo.1,5