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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Eugen ROLL zu
MANIS BERUFUNG
Als Mani vierundzwanzig Jahre alt war, hatte er wieder eine Erscheinung in der Gestalt des Engels at-Taum (4). Wer ist dieser Engel, der im Namen des Königs der Lichtparadiese das Wort ergreift? Das nabatäische Wort at-Taum bedeutet soviel wie „Gefährte”. Tatsächlich ist dieser Engel ein ständiger Begleiter, den Mani in seinen Schriften bald als „Zwillingsgefährten”, bald als „Licht-Paargenossen” bezeichnet. Er weist ihm einen Platz in der Hierarchie der Väter zu.
Es ist sein höheres „Ich”, das ihn bald als Genius überschwebt, bald als „Wohngenosse” in ihm wohnt und ihn überallhin begleitet, ihm hilft und Weisungen erteilt. Aber der „Licht-Paargenosse” ist noch mehr: Er steht selbst wieder im Schutze eines höheren Geistwesens, das ihm parakletische Kraft verleiht.
In jenen Tagen also wurde ihm von dem Engelwesen kundgetan, daß seine Vorbereitung beendet und es nunmehr an der Zeit wäre, öffentlich aufzutreten und als Berufener und Ermächtigter die „frohe Verheißung der Wahrheit” zu verkünden. So trat Mani erstmals am Krönungstage Schâpûrs in der Hauptstadt öffentlich auf, und man möchte erwarten, daß er an diesem Tage, an dem er zum ersten Mal den Namen „Mani” trug, auch zu der berühmten Audienz beim König empfangen worden wäre.
Aber dem ist nicht so, denn es wird im Fihrist [a] weiter gesagt: Bevor Mani mit Schâpûr seine erste Zusammenkunft hatte, bereiste er vierzig Jahre lang die Länder. Abgesehen davon, daß diese Meldung die „Jahre” ganz durcheinander bringt, gerät auch der zügige Fluß der Legende ins Stocken, weil sich die entstandene Lücke nicht ohne weiteres überbrücken läßt. Die Acta [disputationis] schweigen hierzu; die Berufung durch den Engel und ebenso die Audienz beim König ist Archelaus [b] unbekannt. Auch die anderen Berichte wissen nichts über diesen wichtigen Punkt. In dieser Verlegenheit kommt uns der Mani-Fund von Medînet Mâdi zu Hilfe: „Die Kephalaia des Meisters”. Dort gibt uns Mani im 1. Kapitel genaue Auskunft:
Am Ende der Jahre des Königs Ardaschîr (Artaxerxes I.) zog ich aus, um zu predigen. Ich fuhr zu Schiff nach dem Lande der Inder und predigte ihnen die Hoffnung des Lebens und wählte an jenem Orte eine gute Auslese aus. In dem Jahr aber, da der König Ardaschîr starb, und sein Sohn Schâpûr König wurde, da sandte er nach mir.
Am Ende der Jahre des Königs Ardaschîr ... Hier bietet sich das Jahr 238 an, weil dies das einzige Jahr ist, in dem der 1. Nisan auf einen Sonntag fällt, und an diesem Tag hatte Mani den Aussendungsbefehl seines Gottes aus dem Munde des Engels empfangen, womit seine Missionsarbeit begann (5). Da Ardaschîr jegliche Neuerung auf dem religiösen Sektor unterdrückte, mußte Mani das Land verlassen. Er fuhr mit dem Schiff nach Indien.
Nun hat die Legende wieder ihre innere Logik; denn nach Ägypten war es für Mani notwendig, auch die Weisheit Indiens zu erfahren. Mani anerkannte den „Buddha Gautama” als einen großen Menschheitsführer. Dennoch konnte er den indischen Asketen neue Impulse vermitteln und eine „gute Auslese” für die „heilige Kirche” treffen. Brieffragmente bestätigen, daß er nach seiner Rückkehr mit den neugegründeten indischen Gemeinden in Verbindung blieb. Nicht zu übersehen ist die Tatsache, daß die missionarische Wirksamkeit Manis in Indien in der abendländischen Menschheit einen großen Eindruck hinterlassen hat, der das ganze Mittelalter hindurch lebendig blieb; denn es wurde darin die mit Recht als notwendig empfundene Verchristlichung des Buddhismus gesehen. Dieses übersinnliche Ereignis hatte in bilderreichen Legenden seinen Niederschlag gefunden. Besonders in katharerfreunlichen Kreisen des 12. Jahrhunderts wurde diesen Texten höchste Bedeutung beigemessen und im 14. Jahrhundert fand dann dieser Stoff in dem geistlichen Roman von Barlaam und Josaphat seine endgültige Form. Nicht ohne Ergriffenheit folgt der Leser der Initiationsweise, die der Gutmann „Barlaam-Mani” dem derzeitigen Bodhisattwa „Josaphat” übermittelt, um ihn sicher auf seinen Weg zu geleiten (6).
Nach dem Tod Ardaschîrs im Jahre 241 kehrte Mani nach Babylon zurück, wie die Kephalaia bezeugt:
Ich fuhr zu Schiff vom Lande der Inder nach dem Lande der Perser und von dem Lande Persien kam ich nach dem Lande Babylonien, Maisân und Chûzistan.
Nun war auch der Tag der königlichen Audienz gekommen, der vielleicht mit der Zeit der Krönung Schâpûrs zusammenfiel. Mani, im Vollbewußtsein seiner geistigen Autorität, begleitet von seinen Schülern, lenkte seine Schritte nach Belapat zur Residenz des Königs. Er wurde mit großen Ehren empfangen, und als er vor den Thron Schâpûrs trat, erglänzte seine Aura und es schien den Anwesenden, als ob auf seinen Schultern zwei Lichter brannten (7). Mani übergab dem König eine erste Schrift, das Schâpûrâkân, das bereits die Grundzüge seiner Lehre enthielt.
4) at-Taum (El Tawan) Mani-Fund S. 53
5) Bisher wurde allgemein angenommen, daß der Krönungstag auf den 1. Nisan fiel, auf einen Sonntag, während die Sonne im Widder stand. Mani-Fund S. 50
6) Die provenzalische Prosa-Redaktion des geistlichen Romans von Barlaam und Josaphat ... herausgegeben von Ferd. Heuckenkamp, Verlag: Max Niemeyer, Halle 1912
siehe auch: Cahiers d'Etudes Cathares, Narbonne, 1968 Nr. 36-43
Bodhisattwa: sattwa = Wesen, bodhi = Erleuchtung; vorausgehende Daseinsform des zukünftigen Buddhas
7) Gustav Flügel, „Mani”, seine Lehre und seine Schriften, aus dem Fihrist des Jbn Abî Ja'kûb an-Nadîm S. 85
aus «Mani»; S.19ff
a] arabische Literaturgeschichte des Ibn Abî Ja'kûb en-Nandîm
b] Bischof von Kaskar, der mit Mani disputiert haben soll