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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von W.HOERNER zum
ERSCHEINEN der ZEIT
Zeit ist kein sichtbarer, greifbarer Gegenstand, den man für sich allein zum Inhalt wissenschaftlicher Beobachtung machen könnte. Im Zusammenhang mit anderen zu erforschenden Vorgängen erscheint die Zeit immer nur als ein Faktor im Ganzen. Man kann sie nicht isolieren, um sie dann zu studieren. Sie weist damit auf die ihr angemessene Methode der Untersuchung hin. Diese darf das größere Ganze, an dem die Zeit erscheint, nie aus dem Auge verlieren. Ja noch mehr, sie muß zuletzt auf das größte Ganze, innerhalb dessen Zeit erscheint, gerichtet sein. Zu diesem gehört der Kosmos der vorgegebenen Bewegungen der Erde, des Mondes und der Sonne. Durch große und kleine Bewegungen erscheint die Zeit. Zur Beschreibung eines Steines ist Zeit nur insofern nötig, als man sie braucht, um alle seine Eigenschaften nacheinander wahrzunehmen und darzustellen. Auch wenn man dazu sehr lange braucht, ändert sich der Stein in seiner Art nicht. Er bleibt das, was er ist, ohne die [menschliche] Zeit. Ganz anders ist das bei der Pflanze. Keimen, Wachsen, Aufblühen, Verwelken, Fruchten sind oft Vorgänge von nur Stunden oder Tagen. Wenn man einen solchen Vorgang genau beschreibt, fehlen die anderen, und wenn alle der Reihe nach beschrieben werden, dann wird das zeitliche Ganze ín einem einzigen Zeitpunkt niemals so anschaubar wie bei dem ruhenden Stein. Denn jede Pflanzenart ist ein eigenes Zeitenwesen, dessen Werdestufen ganz bestimmte Zeiten des Tages und Jahres einverwoben sind. So sind die Zeiten des Aufblühens einzelner Arten nicht nur mit dem Jahreslauf, sondern auch mit der Stunde des Tages so innig verbunden, daß man von einer Blumenuhr gesprochen hat. Pflanzt man die entsprechenden Arten in Beete, die ziffernblattartig angelegt sind, so kann man am Aufblühen die Tagesstunden ablesen. Auch das tierische Leben wird in zeitlicher Ordnung gelebt. Das Ausschlüpfen vieler Schmetterlings- und anderer Insektenarten aus der Puppe erfolgt zu bestimmten, aber bei jeder Art anderen Tagesstunden. Eine kleine Mücke, deren Made im Watt der Nordseeküste lebt, hat für Ausschlüpfen, Begattungsflug und Eiablage genau drei Stunden Zeit, die ihr die Ebbe läßt, während die Sonne am Himmel leuchtet. Die Forschungen und Entdeckungen auf dem Felde des Zusammenstimmens der Rhythmen irdischer Lebewesen mit den vielfältigen Rhythmen von Erde, Sonne, Mond und Planeten bringen zunehmend ein kaum übersehbares Material. Dabei hat sich bis jetzt kein gemeinsames Schema für diese Vorgänge finden lassen. Jede Art trägt ihr eigenes Zeitgeschehen in sich und schwingt in ihrer eigenen Weise mit den kosmischen Rhythmen mit. Ein solches Geschehen kann mit dem physikalischen Grundgesetz von Ursache und Wirkung [Kausalität] nicht mehr zureichend erfaßt werden.
aus «Zeit und Rhythmus»; S.17f