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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Arno BORST zur
BARBAREI
In der Erfahrung der beiden Weltkriege hat das zwanzigste Jahrhundert Einsichten in die Barbarei gewonnen, die nicht allein die Gegenwart, sondern ein gut Teil der Geschichte Europas erklären helfen. Was diese Geschichte verwirrte und trübte, war weder die Vielfalt der einander ablösenden Epochen noch die Vielfalt der einander widerstreitenden Meinungen. Dialog und Ausgleich hätten diese Fülle klären und befrieden können, wären nicht immer schon Krieg und Mythos dazwischengetreten. Der Krieg als Vater aller Dinge [a], das ist seit den Griechen jene Aggressivität, die zur Wissenschaft und Unterwerfung der Natur, aber auch zum permanenten Haß zwischen den Menschen führte. Der Mythos als Begründung alles Gemeinschaftslebens, das ist seit den Griechen jene Autorität, die den Einzelmenschen an Heimat und Ursprung bindet, aber auch alle Außenstehenden zu Unmenschen erniedrigt. Krieg und Mythos sind uralt, und doch sind sie die Barbarei unseres Jahrhunderts. Sie haben zweieinhalb Jahrtausende lang die Erde gründlich verändert und die Menschen gründlich entzweit. Wer an den Mythos seiner Gruppe glaubt, muß gegen andere Gruppen Krieg führen; dieser Zusammenhang ist so simpel, daß er bis heute kaum durchschaut, geschweige denn aufgelöst ist.
Wenn er überwunden werden soll, sehe ich nur eine Alternative, die ebenfalls nicht neu, sondern fast so alt wie Krieg und Mythos ist; Stoiker und frühe Christen, Skeptiker und Aufklärer haben sie immer wieder, bislang vergeblich, angeboten. Es ist der Versuch, auf den ganzen Menschen zu blicken, nicht als Mitglied einer Gruppe, nicht als Werkzeug einer Institution, nicht als Funktionär einer Organisation, auf den ganzen Menschen. Und es ist der Versuch, mit anderen Menschen zusammenzuleben, nicht nur mit den Genossen in der Firma, in der Partei, im Volk, mit anderen Menschen. Die Aufgabe ist schwer und in der Geschichte Europas oft verfehlt worden; aber das wichtigste Mittel ist uns immer gegeben: das Gespräch miteinander. Wir alle können mit fremden Menschen reden, die verschiedene Sprachen beherrschen, durch andersartige Geschichte geprägt sind und gegensätzliche Überzeugungen vertreten; wenn wir sie nicht verstehen, sind offenbar w i r die Barbaren. Es wäre viel gewonnen, wenn diese Wortbedeutung künftig in allen Weltsprachen als einzige übrigbliebe. Denn erst wenn das Schlagwort nicht mehr irgendein vages Kollektiv der ›anderen‹, sondern jeden von uns persönlich trifft, erst dann wird es keine Barbaren mehr geben.
aus «Barbaren, Ketzer und Artisten»; S.30f
a] vgl. »TzN Mär.2003«: Zusatz 1