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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Diether RUDLOFF zu
KUNSTDOGMEN
Verständlicherweise werden im Zeichen der Postmoderne auch die anthroposophischen Kunstimpulse wieder aktuell, etwa nach dem Motto »anything goes« (Paul Feyerabend) oder »all is pretty« (Andy Warhol). Die Sehnsucht nach der heilen Welt, nach dem allzu schönen Schein und der Aura gewinnt hierbei ebenso an Bedeutung wie die Suche nach dem verlorengegangenen Mythos, die Rückkehr zur Figuration und die Wiederanerkennung von längst Verdrängtem, wie zum Beispiel dem Kitsch. Ich halte dies eher für bedenklich, so weit sich darin nur eine rein nostalgische, rückwärts gewandte Haltung zeigt, die das prophetische und visionäre Zukunftspathos der Moderne verleugnet. Gravierend an der Problematik der sogenannten »anthroposophischen Kunst«, die für mich einen Unbegriff darstellt, die es ebensowenig gibt wie eine katholische, marxistische oder buddhistische Kunst, erscheint mir jedoch folgende Tatsache, die in anthroposophischen Kreisen bisher fast völlig verdrängt wird: Steiner war kein bildender Künstler, sondern ein Geistesforscher und Philosoph, welcher eine Erweiterung des rational immer mehr verengten abendländischen Denkens ins Spirituelle und Integrale anstrebte, und zwar auf der Grundlage des modernen naturwissenschaftlichen Bewußtseins. Seine künstlerische Tätigkeit (Bau des Goetheanum I und II in Dornach), die Elemente des Symbolismus, Jugendstils und Expressionismus verarbeitet und originell weiterentwickelt, entstand aus der Notwendigkeit, einen würdigen äußeren Rahmen für die Bedürfnisse der rasch wachsenden anthroposophischen Gesellschaft zu schaffen. Was damals aber zeitgemäß und berechtigt erschien, als diese Gesellschaft von avantgardistischem Geist erfüllt war, wirkt heute, wenn an diesen Formen starr und dogmatisch festgehalten wird, zugleich peinlich anachronistisch wie sektiererisch.
So würde ich heute [um 1985], wie ich bereits andeutete, scharf trennen zwischen den künstlerischen Intentionen und den darauf bezogenen kunsttheoretischen Äußerungen Steiners, die nur noch Hinweischarakter oder bloß historischen Dokumentationswert besitzen, der der Vergangenheit angehört, und seinen philosophisch-geisteswissenschaftlichen Grundwerken - es sind wenige an der Zahl! -, deren zukunftsweisende Kraft heute keineswegs abgenommen hat, im Gegenteil. Die letzteren aber sind für jeden, der denkfähig ist, einsehbar, ohne daß er darum nun Anthroposoph sein müßte. Daraus wird auch das ganze Elend einer anthroposophischen Ästhetik und der unauflöslich scheinende Widerspruch sichtbar, in dem sich die meisten Steiner-Jünger als Künstler dauernd verfangen. Steiner selbst hatte sich, wie gesagt, stets getreu seiner monistischen Weltauffassung seiner »Philosophie der Freiheit« und damit ganz im Sinne des modernen Zeitgeistes entschieden gegen eine regelhafte Normästhetik, gleich welchen geistigen Zuschnitts, gewandt und dabei betont, daß jeder Künstler der Gegenwart eine unverwechselbar eigene, individuelle Ästhetik entwickelt.
aus «Anthroposophie und Malerei»; S.311f