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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Johannes KEPLER zur
HARMONIE
Und schließlich ist für mich als höchster und oberster Grund maßgebend, daß die Quantitäten einen wunderbaren und geradezu göttlichen Staat bilden und das Göttliche und Menschliche in gleicher Weise symbolisch ausdrücken. Über das Abbild der hochheiligen Dreifaltigkeit in der Kugel habe ich schon da und dort geschrieben, in der Optik, in den Marsuntersuchungen, in der Sphärik; ich möchte dies wiederholt haben. Es folgt nun die gerade Linie, die in dem Ausfließen des Mittelpunktes nach einem einzigen Punkt der Oberfläche die ersten Elemente der Schöpfung abzeichnet, in Nachahmung der ewigen Erzeugung des Sohnes (die durch das Ausgehen des Mittelpunktes nach den unendlich vielen Punkten der ganzen Oberfläche in unendlich vielen Linien unter der durchgängigen vollkommensten Gleichheit dieser symbolisiert und abgebildet wird). Denn die Gerade bildet das Element der körperlichen Form. Führt man sie in der Breite herum, so beschreibt sie bereits eine körperliche Form, indem sie die Ebene erzeugt. Schneidet man aber mit der Ebene die Kugel, so entsteht als Schnitt der Kreis, das wahre Abbild des geschaffenen Geistes, der gesetzt ist, den Körper zu regieren. Der Kreis verhält sich hier zur Kugel wie der menschliche Geist zum göttlichen, als Linie zur Oberfläche, wobei beide kreisrund sind. Zu der Ebene aber, in der er liegt, verhält sich der Kreis wie das Krumme zum Geraden, die beide unvereinbar und inkommensurabel sind. Dabei fügt es sich infolge des Zusammenwirkens von Ebene und Kugel schön, daß der Kreis sowohl auf der schneidenden Ebene liegt, die er umreißt, als auch auf der geschnittenen Kugel. So ist auch der Geist im Körper, indem er diesen informiert und verbunden ist mit der körperlichen Form, und zugleich in Gott, als eine Ausstrahlung, die sich aus dem Antlitz Gottes in den Körper ergießt, woraus er seine adeligere Natur erhält. Diese Ursache sichert nicht nur für die harmonischen Proportionen den Kreis als Subjekt und Ursprung der Bezugsglieder, sie liefert auch einen ganz besonderen Grund dafür, daß wir uns an eine abstrakte Quantität halten. Denn die Abbildung der Göttlichkeit im Geiste beruht nicht auf einem Kreis von bestimmter Größe und nicht auf einem unvollkommenen Kreis, wie es ein materieller und sinnlicher stets ist; und, was die Hauptsache ist, es ziemt sich, daß der Kreis so weit vom Körperlichen und Sinnlichen abstrahiert ist, als die Eigenschaften des Krummen, d.i. das Symbol des Geistes, vom Geraden, dem Sinnbild der Körper, losgelöst und gleichsam abstrahiert sind. Damit haben wir einen hinlänglich sicheren Boden für unsere These gewonnen, wonach für die harmonischen Proportionen als etwas rein Geistiges die Bezugsglieder den abstraktesten Quantitäten zu entnehmen sind.
Um diese Ausführungen zu beschließen, wollen wir das Wesentliche in Kürze zusammenfassen. Die sinnlichen Harmonien haben mit den urbildlichen das gemein, daß sie Bezugsglieder und deren Vergleichung als einen Akt des Geistes erfordern. In dieser Vergleichung liegt für beide Arten das Wesen der Harmonie. Die Bezugsglieder der sinnlichen Harmonien sind aber sinnlich und müssen außerhalb der Seele gegenwärtig sein; die Bezugsglieder der urbildlichen Harmonien sind schon zuvor innen in der Seele gegenwärtig. Bei den Sinnendingen ist außerdem noch eine Aufnahme mit Hilfe der von ihnen ausgesandten Spezies erforderlich, die durch die Sinne, die Diener der Seele, vollzogen wird; erforderlich ist auch eine weitere Vergleichung, nämlich der einzelnen sinnlichen Bezugsglieder mit den einzelnen urbildlichen Bezugsgliedern, dem Kreis und seinem wißbaren Teil. Für die urbildliche Harmonie fällt beides weg, da die Bezugsglieder zuvor schon in der Seele gegenwärtig, ihr eingeboren, ja die Seele selber sind; sie sind nicht ein Abbild ihres wahren Urbildes, sondern dieses Urbild geradezu selber. So vollendet die einfache Vergleichung, die die Seele gleichsam zwischen ihren eigenen Teilen anstellt, das ganze Wesen der urbildlichen Harmonie. Die Seele selber steht, indem sie diese Tätigkeit vollbringt, als Harmonie vor uns, wie abgesehen von dieser Tätigkeit der Kreis und sein Teil, d.h. die Bezugsglieder der Harmonie. So wird schließlich die Harmonie völlig zum Geist, ja zu Gott.
aus «Weltharmonik»; S.215f