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Zitatensammlung
Teil 2a: Apokryphen
PAULI MARTYRIUM 1-7
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Es erwarteten aber den Paulus in Rom Lukas, der aus Gallien, und Titus, der aus Dalmatien gekommen war. Als Paulus sie sah, freute er sich, so daß er außerhalb Roms eine Scheune mietete, in der er mit den Brüdern das Wort der Wahrheit lehrte. Er wurde aber weithin bekannt, und viele Seelen wurden dem Herrn hinzugetan, so daß man in ganz Rom davon sprach und eine zahlreiche Menge von Gläubigen aus dem Hause des Kaisers bei ihm war und große Freude herrschte.
Ein gewisser Patroklus aber, ein Mundschenk des Kaisers, der zu spät in die Scheune gekommen war und wegen der Volksmenge nicht zu Paulus hineingelangen konnte, setzte sich in eine hochgelegene Fensteröffnung und hörte ihm zu, wie er das Wort Gottes lehrte. Da aber der böse Teufel eifersüchtig war auf die Liebe der Brüder, fiel Patroklus vom Fenster herab und starb, was eiligst dem Nero gemeldet wurde. Paulus aber, der es durch den Geist erfahren hatte, sprach: Ihr Brüder, es hat der Böse Raum gewonnen, daß er euch versuche. Gehet hinaus, und ihr werdet einen Knaben finden, der von oben herabgefallen ist und schon in den letzten Zügen liegt. Hebt ihn auf und bringt ihn hierher zu mir! Sie aber gingen fort und brachten ihn. Als aber die Leute ihn sahen, wurden sie bestürzt. Paulus sprach zu ihnen: Jetzt, Brüder, möge euer Glaube sich zeigen. Kommt alle, laßt uns unter Tränen zu unserem Herrn Jesus Christus schreien, damit dieser Knabe lebe und wir unbehelligt bleiben. Als aber alle klagten, da schöpfte der Knabe wieder Atem; und sie setzten ihn auf ein Lasttier und entließen ihn lebend mit den andern zusammen, die aus dem Hause des Kaisers waren³⁵.
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Als aber Nero vom Tode des Patroklus gehört hatte, trauerte er sehr, und als er aus dem Bade herauskam, befahl er, daß ein anderer für den Wein angestellt werde. Es meldeten ihm aber seine Diener und sagten: Kaiser, Patroklus lebt und steht am Schenktisch. Und als der Kaiser hörte, daß Patroklus lebe, bekam er Angst und wollte nicht eintreten. Nachdem er aber eingetreten war, sah er Patroklus und rief ganz außer sich: Patroklus, du lebst? Der antwortete: ich lebe, Kaiser! Jener sagte: Wer ist es, der dich lebendig gemacht hat? Der Knabe, von der Gesinnung des Glaubens getragen, sprach: Christus Jesus, der König der Äonen! Der Kaiser fragte bestürzt: Der also soll König über die Äonen sein und alle Königreiche zerstören? Spricht zu ihm Patroklus: Ja, alle Königreiche unter dem Himmel vernichtet er, und er allein wird in Ewigkeit bleiben, und es wird kein Königreich geben, das ihm entrinnen könnte. Er aber schlug ihn ins Angesicht und rief: Patroklus, auch du streitest für diesen König? Dieser aber antwortete: Ja, mein Herr und Kaiser, hat er mich doch vom Tode auferweckt. Und Barsabas Justus der Plattfuß und Orion der Kappadokier und Festus der Galater, die Großen des Nero, sprachen: Auch wir streiten für ihn, den König der Äonen. Er aber ließ sie gefangensetzen, nachdem er sie schrecklich gefoltert hatte, sie, die er doch so sehr liebte, und gab Befehl, die Soldaten des großen Königs zu suchen, und erließ ein Edikt des Inhalts, daß alle, die als Christen und Soldaten Christi ausfindig gemacht würden, hingerichtet werden sollten.
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Und unter der Menge wird auch Paulus gebunden herbeigeführt; auf ihn blickten alle Mitgefangenen, so daß der Kaiser merkte, dieser müsse der Befehlshaber sein. Und er sprach zu ihm: Mann des großen Königs, jetzt aber mein Gefangener, was ist dir eingefallen, heimlich ins Römische Reich einzudringen und Soldaten aus meinem Herrschaftsgebiet anzuwerben? Paulus aber, voll Heiligen Geistes, sagte in aller Gegenwart: Kaiser, nicht allein aus deinem Herrschaftsgebiet werben wir Soldaten an, sondern aus aller Welt. Denn das ist uns befohlen, keinen auszuschließen, der für meinen König streiten will. Wenn auch du das für gut hältst, leiste ihm Kriegsdienste! Denn nicht der Reichtum oder das, was in diesem Leben glänzt, wird dich retten, sondern wenn du dich unterwirfst und ihn bittest, wirst du gerettet werden. Denn er wird an einem Tage die Welt im Feuer vernichten.
Als aber der Kaiser das gehört hatte, gab er den Befehl, alle Gefangenen mit Feuer zu verbrennen, Paulus aber zu enthaupten nach dem Gesetz der Römer. Paulus aber verschwieg das Wort³⁶ nicht, sondern teilte es dem Präfekten Longus und dem Centurio Cestus mit.
In Rom war also auf Betreiben des Bösen Nero am Wüten, indem viele Christen ohne Urteil hingerichtet wurden, so daß die Römer sich bei dem Palast aufstellten und schrien: Es ist genug, Kaiser! Diese Menschen gehören ja auch zu uns; du vernichtest die Kraft der Römer! Da machte er ein Ende der Verfolgung, worauf niemand von den Christen angerührt werden sollte, bis er selbst ihren Fall untersucht habe.
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Darauf wurde ihm Paulus vorgeführt gemäß dem Edikt, und er blieb dabei, dieser solle enthauptet werden. Paulus aber sprach: Kaiser, nicht nur für eine kurze Zeit lebe ich meinem Könige! Und wenn du mich enthaupten läßt, werde ich folgendes tun: ich werde auferstehen und dir erscheinen als Beweis dafür, daß ich nicht gestorben bin, sondern meinem Herrn Jesus Christus lebe, der da kommt, zu richten den Erdkreis.
Longus und Cestus aber sagten zu Paulus: Woher habt ihr diesen König, daß ihr ihm glaubt, ohne eure Gesinnung ändern zu wollen bis zum Tode? Paulus teilte ihnen das Wort mit und sprach: Ihr Männer, die ihr in dieser Unwissenheit und diesem Irrtum befangen seid, ändert euren Sinn und laßt euch retten von dem Feuer, das über den ganzen Erdkreis kommt! Denn wir kämpfen nicht, wie ihr denkt, für einen König, der von der Erde kommt, sondern der vom Himmel ist, für den lebendigen Gott, der um der Gesetzlosigkeiten willen, die in dieser Welt geschehen sind, als Richter kommt. Und selig ist der Mensch, der ihm glauben und leben wird in Ewigkeit, wenn er kommen wird, um die Erde zur Läuterung zu verbrennen. Sie aber baten ihn und sprachen: Wir flehen dich an, hilf uns, und wir geben dich frei! Er aber antwortete und sprach: Ich bin kein Fahnenflüchtiger Christi, sondern ein dem Gesetz gehorsamer Soldat des lebendigen Gottes. Wenn ich wüßte, daß ich tot bliebe, so würde ich es tun, Longus und Cestus. Da ich aber Gott lebe und mich selbst liebe, so gehe ich zum Herrn, damit ich mit ihm wiederkomme in der Herrlichkeit seines Vaters. Sprechen sie zu ihm: Wie sollen wir denn leben, nachdem du enthauptest bist?
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Während sie noch diese Worte wechselten, schickte Nero einen gewissen Parthenius und Pheretas, um zu sehen, ob Paulus schon enthauptet sei. Und sie fanden ihn noch am Leben. Er aber rief sie zu sich und sprach: Glaubet an den lebendigen Gott, der mich wie auch alle, die an ihn glauben, von den Toten auferweckt! Sie aber sprachen: Wir gehen jetzt zu Nero; wenn du aber gestorben und auferstanden bist, dann wollen wir an deinen Gott glauben. Als Longus und Cestus aber noch weiter um Rettung baten, spricht er zu ihnen: Kommt eilends in der Morgenfrühe hierher zu meinem Grabe; dann werdet ihr zwei Männer im Gebet finden, Titus und Lukas; diese werden euch das Siegel des Herrn geben.
Darauf stellte sich Paulus hin gegen Osten gerichtet und erhob die Hände zum Himmel und betete lange; und nachdem er im Gebet auf hebräisch mit den Vätern sich unterredet hatte, neigte er den Hals, ohne noch zu widersprechen. Als aber der Henker ihm den Kopf abschlug, spritzte Milch³⁷ auf die Kleider des Soldaten. Der Soldat aber und alle, die dabeistanden, wunderten sich, als sie das sahen, und priesen Gott, der dem Paulus solche Herrlichkeit gegeben hatte. Und sie gingen hin und berichteten dem Kaiser, was geschehen war.
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Als dieser es gehört hatte und sich sehr wunderte und in Verlegenheit war, kam Paulus um die neunte Stunde, während viele Philosophen und der Centurio bei dem Kaiser standen, und trat vor alle hin und sprach: Kaiser, da bin ich, Paulus, der Streiter Gottes; ich bin nicht gestorben, sondern ich lebe meinem Gott. Dir aber wird viel Übles und schwere Strafe widerfahren, du Elender, weil du der Gerechten Blut ungerechterweise vergossen hast, nicht lange nach diesen Tagen! Und nachdem Paulus dieses gesagt hatte, ging er von ihm weg. Als Nero aber das gehört hatte, befahl er äußerst bestürzt, daß die Gefangenen losgegeben würden, Patroklus sowohl wie die Gefährten des Barsabas.
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Und Longus und der Centurio Cestus machten sich, wie Paulus angeordnet hatte, in der Morgenfrühe auf und kamen voll Furcht zum Grab des Paulus. Als sie aber hinzutraten, sahen sie zwei Männer im Gebet und in ihrer Mitte Paulus, so daß sie beim Anblick des unglaublichen Wunders vor Schrecken außer sich gerieten, während Titus und Lukas, als sie Longus und Cestus auf sich zukommen sahen, von menschlicher Furcht ergriffen sich zur Flucht wandten, worauf diese aber ihnen nachliefen und ihnen zuriefen: Wir verfolgen euch nicht, um euch zu töten, wie ihr wähnt, ihr seligen Männer Gottes, sondern um zu leben, damit ihr uns gebt, wie uns Paulus verheißen hat, den wir eben mitten unter euch im Gebet stehen sahen. Und als Titus und Lukas das von ihnen gehört hatten, gaben sie ihnen mit großer Freude das Siegel des Herrn³⁸ und priesen den Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi, dem Ehre sei in alle Ewigkeit. Amen.
Schluss der „Paulus-Akten” (Ende II.Jhdt.)
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35 Diese Geschichte ist derjenigen von Apg. 20,7-12 nachgebildet.
36 nämlich das Wort seiner Missionspredigt
37 Hier wirkt sich die in der Antike verbreitete Vorstellung, daß der Körper (z.B. der stillenden Mutter) Blut in Milch umzuwandeln vermöge, so aus, daß die Milch die Unschuld des Hingerichteten auf wunderbare Weise anzeigen soll.
38 d.h. die Taufe
aus «Apokryphen»; S.689ff