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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Carl Gustav JUNG zur
SELBSTWERDUNG
Auf den Menschen kommt es nun an: ungeheure Macht der Zerstörung ist in seine Hand gegeben, und die Frage ist, ob er dem Willen, sie zu gebrauchen, widerstehen und ihn mit dem Geiste der Liebe und Weisheit bändigen kann. Aus eigener Kraft allein wird er dazu kaum fähig sein. Er bedarf dazu eines »Anwaltes« im Himmel, eben des zu Gott entrückten Knaben [vgl. Apk.12,5], welcher die «Heilung» und Ganzmachung des bisher fragmentarischen Menschen bewirkt. Was immer das Ganze des Menschen, das Selbst, an sich bedeuten mag,[a] so ist es empirisch ein vom Unbewußten spontan hervorgebrachtes Bild des Lebenszieles, jenseits der Wünsche und Befürchtungen des Bewußtseins. Es stellt das Ziel des ganzen Menschen dar, nämlich das Wirklichwerden seiner Ganzheit und Individualität mit oder gegen seinen Willen. Die Dynamis dieses Prozesses ist der Instinkt [b], der dafür sorgt, das alles, was in ein individuelles Leben hineingehört, auch hineinkommt, ob das Subjekt dazu Ja sagt oder nicht, oder ob es ihm bewußt wird, was geschieht, oder nicht. Es macht natürlich subjektiv einen großen Unterschied, ob man weiß, was man lebt, ob man versteht, was man tut, und ob man sich für das, was man beabsichtigt oder getan hat, verantwortlich erklärt oder nicht. Was die Bewußtheit oder das Fehlen derselben ausmacht, hat ein Wort Christi umfassend formuliert: «Wenn du weißt, was du tust, so bist du selig, wenn du aber nicht weißt, was du tust, so bist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes¹.» Unbewußtheit gilt vor dem Richterstuhl der Natur und des Schicksals nie als Entschuldigung; im Gegenteil stehen hohe Strafen [c] auf ihr, darum sehnt sich alle unbewußte Natur nach dem Lichte des Bewußtseins, dem sie doch so sehr widerstrebt.
¹) Apokryphe Einschaltung zu Luk. 6,4 aus dem Codex Bezae Cantabrigiensis [VI.Jhdt.]
aus «Antwort auf Hiob»; S.111

a] Der Kognitionspsychologe Ulric Neisser unterteilte das Selbst in
interpersonales, das sich von aussen erkennt und deshalb der Empathie fähig ist,
konzeptuelles, das eine Vorstellung davon hat, wer und was man sei, somit Werte und Ziele ermöglicht,
ökologisches, das sich als von der Welt verschieden erkennt,
privates, das sich seiner persönlichen Individualität bewusst ist, und
zeitliches, das sich Vergangenheit und Zukunft, also den Zeitstrom vergegenwärtigt.

b] eigentlich das Karma

c] eigentlich gesetzmässige Abläufe, die als Strafe empfunden werden