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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Carl Gustav JUNG zu
FREUD, GNOSIS und GEFÄSS
Die Psychologie des Unbewußten war von Freud mit den klassischen gnostischen Motiven der Sexualität einerseits und der bösen Vaterautorität andererseits eingeführt worden. Das Motiv des gnostischen Jahwe und Schöpfergottes erschien aufs neue in Freuds Mythus vom Urvater und dem von diesem Vater abstammenden düsteren Über-Ich. In Freuds Mythus offenbart er sich als ein Dämon, der eine Welt von Enttäuschungen, Illusionen und Leid hervorgebracht hat. Aber die Entwicklung zum Materialismus, die schon in der Beschäftigung der Alchemie mit dem Geheimnis des Stoffes vorgezeichnet war, hatte dazu geführt, Freud den Ausblick auf einen weiteren wesentlichen Aspekt des Gnostizismus zu verwehren, nämlich auf das Urbild des Geistes als eines anderen, höheren Gottes. Laut gnostischer Tradition war es dieser höhere Gott, der den Kratēr (Mischgefäß), das Gefäß geistiger Wandlung, den Menschen zu Hilfe gesandt hatte ¹. Der Krater ist ein weibliches Prinzip, das in der patriarchalischen Welt Freuds keinen Platz gefunden hat. Mit diesem Präjudiz steht Freud allerdings nicht allein. In der katholischen Geisteswelt hat nach jahrhundertelangem Zögern erst kürzlich die Gottesmutter und Braut Christi Aufnahme im göttlichen Thalamus und damit wenigstens eine approximative Anerkennung erfahren ². In der protestantischen und jüdischen Welt herrscht nach wie vor der Vater. Im Gegensatz dazu hat in der hermetischen Philosophie der Alchemie das weibliche Prinzip eine hervorragende und dem männlichen ebenbürtige Rolle gespielt. Eines der wichtigsten weiblichen Symbole in der Alchemie war das Gefäß, in dem die Wandlung der Substanz sich vollziehen sollte.
¹ Der Kratēr bedeutete in den Schriften des Poimandres, der einer heidnisch-gnostischen Sekte angehörte, ein Gefäß, das mit Geist gefüllt, vom Schöpfergott zur Erde gesandt wurde, damit diejenigen, die nach höherer Bewußtheit strebten, sich darin taufen lassen konnten. Er war eine Art Uterus der geistigen Erneuerung und Wiedergeburt. A. J. [Herausgeberin]
² Hier spielte Jung auf die päpstliche Bulle von Pius XII. an, welche das Dogma der Assumptio Mariae verkündete (1950). Es heißt darin, daß Maria als die Braut mit dem Sohn und als Sophia mit der Gottheit im himmlischen Brautgemach (thalamus) vereinigt worden sei. Dadurch wurde das Prinzip des Weiblichen in nächste Nähe der männlichen Trinität gerückt. «Antwort auf Hiob», 3. Auflage, 1961, pag. 110 ff. A. J.
aus «Erinnerungen, Träume, Gedanken»; S.205f