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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Carl Gustav JUNG zum
WISSEN ohne VORKENNTNIS
Es bestand ein beträchtlicher Unterschied zwischen den beiden Persönlichkeiten in meiner Mutter. So kam es, daß ich als Kind oft Angstträume von ihr hatte. Tags war sie eine liebende Mutter, aber nachts erschien sie mir unheimlich. Sie war dann wie eine Seherin, die zugleich ein seltsames Tier ist, wie eine Priesterin in einer Bärenhöhle. Archaisch und ruchlos. Ruchlos wie die Wahrheit und die Natur. Dann war sie die Verkörperung dessen, was ich als «natural mind»¹ bezeichnet habe.
Ich erkenne etwas von dieser Natur auch in mir. Sie hat mir die nicht immer angenehme Gabe verliehen, Menschen und Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich kann mich zwar täuschen lassen, indem ich mich selber hinters Licht führe, wenn ich etwas nicht wahrhaben möchte. Aber im Grunde weiß ich genau, wie die Sachen liegen. Das «wirkliche Erkennen» beruht auf einem Instinkt, oder auf einer participation mystique mit anderen. Man könnte sagen, es seien die «Augen des Hintergrundes», welche in einem unpersönlichen Akt der Anschauung sehen.
Ich habe dies später besser begriffen, als mir seltsame Dinge passierten, z. B. als ich einmal die Lebensgeschichte eines Mannes erzählte, ohne ihn zu kennen. Es war bei der Hochzeit einer Freundin meiner Frau. Die Braut und ihre Familie waren mir vollständig unbekannt. Beim Essen saß mir gegenüber ein Herr in mittlerem Alter mit einem schönen Vollbart, der mir als Anwat vorgestellt worden war. Wir unterhielten uns angeregt über Kriminalpsychologie. Um ihm eine bestimmte Frage zu beantworten, dachte ich mir die Geschichte eines Falles aus, die ich mit vielen Details ausschmückte. Während ich noch sprach, merkte ich, daß der andere einen völlig veränderten Ausdruck bekam und eine merkwürdige Stille am Tisch entstand. Betreten hörte ich auf zu reden. Gott sei Dank waren wir schon beim Dessert, so stand ich bald auf und ging in die Halle des Hotels. Dort verzog ich mich in eine Ecke, zündete mir eine Zigarre an und versuchte, mir die Situation zu überlegen. In diesem Augenblick kam einer der Herren, die an meinem Tisch gesessen hatten und warf mir vor: «Wie kamen Sie bloß dazu, eine solche Indiskretion zu begehen?» - «Indiskretion?» - «Ja, diese Geschichte, die Sie erzählt haben!» - «Die habe ich mir doch ersonnen!»
Zu meinem größten Schrecken stellte sich heraus, daß ich die Geschichte von meinem Gegenüber mit allen Einzelheiten erzählt hatte. Noch dazu entdeckte ich in diesem Augenblick, daß ich von der ganzen Erzählung kein Wort mehr erinnerte - bis auf den heutigen Tag ist sie mir unauffindbar geblieben. In seiner «Selbstschau» beschreibt Heinrich Zschokke² ein ähnliches Erlebnis: wie er in einer Wirtschaft einen unbekannten jungen Mann als Dieb entlarvt, weil er dessen Diebstahl vor seinem inneren Auge erblickte.
Es ist mir in meinem Leben öfters passiert, daß ich plötzlich etwas wußte, das ich doch gar nicht wissen konnte. Das Wissen kam mir so, wie wenn es mein eigener Einfall gewesen wäre. Ähnlich war es auch bei meiner Mutter. Sie hat nicht gewußt, was sie sagte, sondern es war wie eine Stimme von absoluter Autorität, welche genau das sagte, was zur Situation paßte.
¹ «Natural mind ist Geist, welcher der Natur entstammt und nichts mit Büchern zu tun hat. Er entspringt der Natur des Menschen wie ein Quell der Erde und spricht die eigentümliche Weisheit der Natur aus. Er sagt die Dinge unbekümmert und ruchlos.» (Aus einem unveröffentlichten Seminarbericht, 1940. Aus dem Englischen übersetzt von A[niela]. J[affé].)
² Heinrich Zschokke, Schweizer Erzähler und Politiker (1771-1848).
aus «Erinnerungen, Träume, Gedanken»; S.56f