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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zum
FILIOQUE-STREIT
Der Filioque-Streit, der im 9. Jahrhundert zur Spaltung der Christenheit in die byzantinische Ostkirche und die römische Westkirche führte, rührte von der Unsicherheit über das Wesen des Heiligen Geistes und des Geistes überhaupt her, die sich schon seit Jahrhunderten bemerkbar machte. Die alten Glaubensbekenntnisse hatten vom Heiligen Geist ausgesagt, daß er vom Vater ausgehe. An dieser Formulierung hielt der Osten unnachgiebig fest, auch als im Westen immer mehr die Meinung aufkam, daß der Geist vom Vater und vom Sohne ausgehend vorgestellt werden müsse, und als man dies schließlich auch in den Text des Credo aufnahm: qui ex patre filioque procedit (der vom Vater und vom Sohne ausgeht). Die Westkirche tastete, wenn auch damals schon ohne denkerische Klarheit, nach einer Wahrheit, mit der die urchristliche Zeit in der Bildhaftigkeit des Gemütes noch durchaus vertraut war und die von Paulus überall vorausgesetzt ist: Im Schöpfungs-Urbeginn gab der Vater der Menschheit als Wegzehrung eine Geistigkeit, die heilig war, weil noch göttlich und noch nicht menschlich geworden war. Nach dem Sündenfall verdunkelte und verbrauchte die Menschheit diese Wegzehrung immer mehr, bis sich, in der Mitte der Zeiten, ihr Versiegen bereits deutlich ankündigte. Da sandte der Vater, der im Anfang den Geist gesandt hatte, den Sohn. Und als auf Karfreitag und Ostern Pfingsten folgte, entsprang eine neue Geistquelle. Es war nicht so, daß sich jetzt der alte Heilige Geist einfach erneuerte. Die Jünger schauten fünfzig Tage nach Ostern ahnend in das Zukunftswerden einer neuen Geistigkeit hinein, die das gefallene Bewußtsein und Sein der Menschen heiligen und heilen würde, weil sich in sie der Strom der Wandlung ergoß, der von Tod und Auferstehung Christi ausging. So sandte diesmal nicht der Vater allein den Geist: der Sohn sandte des Vaters neuen Geist. Als die westliche Christenheit fühlte, daß sie dies bis in den Text des Credo hinein ausdrücken müsse, empfand sie undeutlich, daß sie damit auch den Schritt aus dem Kollektiv-Gruppenhaften in das Individuelle Rechnung tragen würde, der sich in dem fortschreitenden Teil der Menschheit längst angebahnt und für den sie im christlichen Glaubenserleben auch schon einen heiligenden Inhalt empfangen hatte. Das Prinzip des Sohnes war ja das Ichhafte im höheren Sinne. Allerdings machten die westlichen Theologen im gleichen Augenblick, als sie das filioque endgültig durchsetzten, den individuellen Charakter des neuen christlichen Heiligen Geistes wieder illusorisch: durch das Dogma von 869, das dem Menschen nur Leib und Seele, aber kein individuelles Geistiges zusprach.[a]
Warum aber lehnte die Ostkirche das filioque so heftig ab? Im Osten war die alte Wegzehrung an gottgegebener Geistigkeit bei weitem noch nicht so verebbt und versiegt wie im Westen. So innig die östlichen Christen den Auferstandenen liebten, so wenig fühlten sie, da sie noch reich waren, die Notwendigkeit einer neuen Geistquelle. Sie hielten umso fester an ihrer alten Geistigkeit fest, je mehr sie durch die im Westen auftauchenden Verweltlichungs- und Individualisierungs-Tendenzen beunruhigt und abgestoßen waren.
Da der Westen sich trotz Festlegung der filioque-Formel dennoch die neue Geistquelle nicht wirklich zunutze machte, was durch eine Überwindung der Kluft zwischen Glauben und Wissen, durch die Entwicklung eines neuen Denkens und Erkennens aus dem Glauben heraus und insofern durch Verzicht auf die Dogmen hätte geschehen müssen, wurde vom Heiligen Geist überall nur abseits von der allgemeinen Bewußtseins- und später der Wissenschaftsentwicklung gesprochen.[b] Sowohl im Osten wie im Westen ging die Geschichte des Gedankens auf dem absteigenden Wege, dem Wege zur Schädelstätte [c], weiter. Die im Anfang vom Vater gegebenen, d. h. dem Menschen von Natur aus angeborenen Geist-Möglichkeiten wurden in fortschreitender Leib- und Gehirngebundenheit weiterentwickelt. Sie wurden, zumal nachdem durch den Arabismus eine einseitig betonte bloße Vatergeistigkeit - »Gott ist Gott und hat keinen Sohn!«* - vom Osten [d] über Europa ausgegossen worden war, zu dem modernen Intellektualismus verdünnt, der Wissenschaften, Technik und Leben beherrscht.
* Dieser Grundsatz des Mohammedanismus [vgl. zB. Sur. 4,171] spricht heute in großen Lettern aus der Kuppel des Felsendomes in Jerusalem, der auf dem Platze des einstigen salomonischen Tempels steht.
Welcher Einschlag wäre in die Bewußtseinsentwicklung hineingekommen, wenn die spezifisch christliche Geistigkeit, die vom Sohne ausgeht, bereits für das Denk-Erleben fruchtbar gemacht worden wäre? Man darf nicht meinen, daß dadurch das Denken im bedenklichen Sinne religiös verbrämt und aufgeweicht worden wäre. Das eben ist gerade überall da eingetreten, wo die christliche Frömmigkeit neben der Denk-Entwicklung, abseits von den sogenannten Triumphen des Menschengeistes in Zivilisation und Technik, ihren Weg gegangen ist.
Das Sohnesprinzip wirkt im paulinischen Sinne nicht von außen, sondern von innen. Durch die Einwohnung des Sohnes tritt im Menschen die Sohnschaft als erhöhte und erfüllte Ichheit ein. Der Mensch selbst wird »Sohn Gottes«.[e] Eine sohnhafte Geistigkeit ist also eine solche, die im Menschen schöpferisch entsteht dadurch, daß das höhere Ich, der Geistteil des Menschenwesens, von Christus erfüllt, zum Subjekt des Erkennens und Denkens wird. In ihr blüht die Knospe des Glaubens zur Erkenntnis auf; in ihr hilft das Herz dem Kopfe zu einem besseren, wahreren Denken und Erkennen.
aus «Paulus»; S.357ff
a] vgl. MblB.19: Anm.c
b] bis hin zur Gründung der Banco di Santo Spirito durch Papst Paul V. im Jahr 1605
c] Golgotha
d] und vom Südwesten über die Pyrenäen
e] und damit Bruder (<adélphos>) des Christus