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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu
VORBEGRENZUNG und PRÄDESTINATION
Das Verbum der zweiten Stufe [in Röm.8,29] (Luther: verordnen), ist im Griechischen von einer wunderbaren Bildhaftigkeit: προ-ώρίζω (prohorízo) = »zuvor begrenzen«. Das eigentliche Zeitwort steckt in unserem Wort »der Horizont«. Da, wo im weiten Rund diese Himmelslinie verläuft, »begrenzt« sich uns die Welt. Begrenzung, Gestaltung kommt in das noch Ungestaltete und Grenzenlose. Auf der ersten Stufe ruhten die Menschen noch in der Menschheit wie die einzelnen Tropfen im Ozean. Auf der werdenden Erde ist das Auge des Bewußtseins für sie noch nicht aufgeschlagen; fruchtbarer Werde-Schlummer hüllt sie ein. Höhere Hierarchien, die den Menschenkeim bergend tragen, wachen für die Menschen wie die Mutter für das schlafende Kind. Auf der zweiten Stufe fangen die Einzelwesen an, sich abzugrenzen. Allererste Anfänge einer irdischen Leiblichkeit entstehen und bewirken das fruchtbare Aufkeimen einer Vielheit in der großen Einheit. Gott gibt dem Menschen die Gestalt.
Das im Griechischen so atmosphärisch-bildhaft aufleuchtende Wort für die Ur-Begenzung lautet im Lateinischen prædestinatio. Der düstere Begriff der Prädestination, der Vorherbestimmung, geistert von hier aus in die Kirchen- und Dogmengeschichte herein, die gerade an diesem Punkte mehr als an anderen durch Fanatismus und Verketzerung umwölkt ist. In der Zeit des Augustin und der anderen Kirchenväter, als man über Prädestination zu dogmatisieren und zu diskutieren begann, war die unterscheidende Betrachtung des Menschenwesens, die im Urchristentum wenigstens gefühlsmäßig noch vorhanden gewesen war, bereits erloschen. Und so kam die schreckliche und deprimierende Auffassung auf, die Vorherbestimmung treffe den ganzen Menschen, einschließlich seines unsterblichen Wesenskernes, so daß jeder Mensch einem seit Schöpfungsbeginn vorgefaßten göttlichen Urteil unterliege, der eine zum Heil, der andere zur Verdammnis. - Es ist aber unverkennbar, daß jene Urbegrenzung und Vor-formung nur im Leibe und durch den Leib erfolgt ist. Alle Menschen unterliegen einer Prädestination dadurch, daß sie in irdische Leiber haben eintreten müssen. Und ursprünglich hätte darin kein Fluch zu liegen brauchen, weil die Verleihung einer Gestalt an den werdenden Menschen in jedem Falle eine notwendige Durchgangsstation auf dem Wege zu künftiger Selbständigkeit und Freiheit des Individuums war. Erst durch den Sündenfall kam in die Entwicklung ein tragischer Fluch hinein; dieser aber betraf alle Menschen in gleicher Weise.
aus «Paulus»; S.275f