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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate von Emil BOCK zu
PAULUS und EPHESUS
Bald hat das Schiff Paulus und die Seinen an die kleinasiatische Küste getragen: Er kommt nach Ephesus. Das ist die dritte Urstadt nach Jerusalem und Athen. Hier an der Stätte uralt-heiliger Mysterien hat die Mutter Asien ihrer Tochter Europa selber geholfen, die ersten Wege zu finden.
Es muß für Paulus von entscheidender Bedeutung gewesen sein, hierher zu kommen. Er will nach Jerusalem, um noch einmal einen neuen Anfang zu finden; und er entdeckt Ephesus. Es ist nicht so, als ob er nun von Europa wieder einen Schritt zurück nach Asien täte. Er trägt das Prinzip und die Impulse des europäischen Schicksals unverlierbar in sich. Aber mit dem Gefühl für den inneren Ertrag Europas entdeckt er in Ephesus den Osten neu. Einmal hatte ja Europa aus seiner traum-umfangenen Vorgeburtlichkeit herabsteigen müssen, um seine Erdenwege anzutreten. Das eben war in Ephesus und in seinen Schwesterstädten an der ionischen Küste geschehen, in den Zeiten bevor und als Homer dort seine göttlichen Gesänge anstimmte. Die Höhen, die Europa verließ, waren aber keine anderen, als die, die es nach dem Durchgang durch das Erdental in neuer Art, eben mit dem Ertrag, den es aus den Tiefen mitbringt, auf der anderen Talseite in Zukunft wieder würde erklimmen müssen. So werden in Ephesus Nachklänge der Urzeit zugleich zu Bildern und Vorahnungen der Zukunft.
Die Gemeinde, die es in Ephesus bereits gibt, bittet Paulus zu bleiben. Er kann aber diesem Wunsche nicht sogleich entsprechen. Seinem Gelübde getreu muß er zunächst die Reise nach Jerusalem fortsetzen. Dort aber hält er sich nur kurz auf. Als das Fest, an welchem er als Pilger teilnehmen wollte, vorüber war, brach er bereits wieder auf. Jetzt war Ephesus sein Ziel. Dadurch, daß er diesmal den Landweg wählte, konnte er die Gemeinden, in denen er früher gewirkt hatte, sowohl in Antiochien als auch in den verschiedensten Städten Kleinasiens, besuchen. Dann war drei Jahre lang Ephesus sein Standort. Wie er es in Korinth getan hatte, widmete er sich der Pflege und dem Aufbau der Gemeinde. Aber hier war die Lage doch eine andere. Sie erlaubte ihm, sich sowohl nach Osten wie nach Westen hin ständig in einem großen Umkreis zu bewegen.
Es ist üblich, die Wirksamkeit, die Paulus nach seinem kurzen Jerusalem-Aufenthalt ausübte, als seine dritte Reise zu bezeichnen. In Wirklichkeit mündet hier seine Tätigkeit in eine ganz neue Wirkensart ein. Es ist ja auch ganz deutlich, daß von diesem Punkte an die Apostelgeschichte keineswegs mehr alle Stationen des Wanderns und Wirkens nennt. In die drei ephesinischen Jahre gehören viele von den Schicksalen, die in den Briefen Erwähnung finden, in der Apostelgeschichte jedoch nicht berichtet sind: sowohl mancherlei Reisen zu Lande und zu Meer, z.B. diejenige, auf der Paulus über Korinth hinaus bis nach Illyrien westwärts vordringt, als auch ein längerer ruhiger Aufenthalt in Korinth, und schließlich eine Reihe schwerer Martyrien, Schiffbrüche, Mißhandlungen, Gefangenschaften usw. (2Kor.11,23-33).
In Ephesus findet Paulus den Zugang zu tieferen Schichten der Geschichte und wird eben dadurch nur noch mehr zum Apostel Europas, der neuen Welt. Es geht ihm wie einem Menschen, der, nachdem er in seinem gegenwärtigen Lebensschicksal ganz Fuß gefaßt hat, nun auch bewußt in sich aktivieren und verwandeln kann, was als Ertrag früherer Erdenleben in den Tiefen seines Wesens schlummerte.
Welche wichtigen Stationen der Menschheitsentwicklung hatten doch in dem Jahrtausend, das seit den Tagen Homers verflossen war, den Umkreis des Tempels von Ephesus zum Schauplatz gehabt, bis zu der Nacht hin, in der Alexander der Große geboren wurde und die Brandfackel des Herostrat den Tempel im Flammen aufgehen ließ! Hatte nicht einst, noch bevor die asiatischen Eroberer den stillen Tempelbezirk mit einer großen lauten Stadt umgaben, ein Pythagoras hier gelernt und gewirkt? Hatte nicht hier, als dann die Stille der Mysterien nur noch mit Mühe gegen das Heranbranden der großen Welt zu schützen war, Heraklit seine von Willensstößen durchglühten Gedanken gelehrt und niedergeschrieben: von dem Feuer, aus dem alles Dasein hervorgegangen ist und das immer das Element des schöpferischen Logos, des Weltenwortes bleibt; von dem unentrinnbar vorwärtsdrängenden Werdestrom, dem gegenüber die Meinung, etwas Entstandenes so, wie es ist, festhalten zu können, Torheit ist?
S.174ff
Der Umschwung kündigte sich an in einer chaotischen Volkswut und Fieberekstase, die eines Tages in Ephesus ausbrach und Paulus, gegen den sie sich richtete, in die größte Gefahr brachte. Bisher waren die Angriffe und Verfolgungen, die Paulus zu erdulden hatte, durchweg von jüdischer Seite ausgegangen. Paulus hatte die Gefahren, die damit verbunden waren, selber heraufbeschworen, weil er nie von der Regel abwich, die ihm sein Gefühl tiefer Schicksalsverpflichtung auferlegte: die Botschaft, die er zu verkündigen hatte, immer zuerst an diejenigen heranzutragen, die mit den Schriften des Alten Bundes lebten. Jetzt revoltiert zum ersten Male in größerem Ausmaße gegen ihn die Welt des griechischen Heidentums, in der er stets Verständnis gefunden hatte, wenn er, von den Juden enttäuscht und verfolgt, sich ihr zuwandte.
Der nach dem herostratischen Brande in pompöser Größe wiederaufgebaute Tempel der Artemis, einst der stille Mutterschoß heiligster Mysterien, war immer noch eines der wichstigsten Zentren des griechischen Geisteslebens. Und eine letzte Ahnung von den Empfindungen, die einst der Ausblick zu der in Fülle Leben und Weisheit Spendenden, der jungfräulichen Mutter Artemis-Diana, in den Seelen ausgelöst hatte, lag noch in der Luft. Insbesondere im Mai, dem Monat der Artemis, kulminierten die Feiern dieses vorchristlichen Marien-Kultus; in eindrucksvollen Prozessionen zeigte sich dann auch vor aller Welt die große Zahl der Priesterinnen, die im Tempel dienten.
Aber nun trat doch, infolge der wachsenden geistigen Spannung zwischen der Substanz des christlichen Lebens und dem nach- und ausklingenden alten Götterleben, einmal mit aller Heftigkeit die Diskrepanz in Erscheinung, die zwischen der heiligen Vergangenheit und der entarteten Gegenwart von Ephesus eingetreten war. Die Auslösung kam ganz von der Peripherie her. Der Goldschmied Demetrius, in dessen Werkstätte kleine silberne Nachbildungen des Artemis-Tempels und wohl auch der vielbrüstigen [oder -stierhodigen] Statue der Göttin hergestellt wurden, legte den Rückgang seines Geschäftes statt dem Erlöschen der alten Geistesströmung der erfolgreichen christlichen Konkurrenz zur Last und wußte im Volk eine wütende Erregung gegen Paulus zu entfesseln. Es kam zu einer riesenhaften Szene im Amphitheater. Paulus selbst hielt sich auf die dringenden Bitten der Freunde völlig zurück. Das Ganze verlief in nichts, als die Menschen zur Besinnung kamen und erkannten, daß sich tatsächlich keine vernünftigen Gründe gegen Paulus geltend machen ließen. Aber Paulus konnte nicht umhin, in dem Ereignis ein Zeichen und Signal zu empfinden. Es wird ihm nun ganz deutlich, was er schon eine Zeitlang geahnt hat: etwas ruft ihn, dem er gehorchen muß.
S.184f
Die Siebenheit der Gemeinden, denen die neun Gemeindebriefe des Paulus gelten, läßt uns an die sieben urbildlichen Gemeinden denken, an welche die sieben Sendschreiben der Apokalypse gerichtet sind. Die Gemeinden Ephesus, Smyrna, Pergamos, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodicea waren als eng verbundene Menschenkreise im Wirkensbereich des greisen Johannes irdisch vorhanden. In der Apokalypse werden sie jedoch durchsichtig, und es erscheint durch sie hindurch eine Skala von Werdestufen, die von dem geistig vorwärtsstrebenden Teil der Menschheit durchlaufen werden muß. Die innere Kurve führt da von den Nachklängen der noch himmelsnahen alten Geistigkeit zunächst in den Abstieg der Erdenverarmung und dann wieder empor zur schrittweisen Erringung einer neuen, mit der menschlichen Freiheit verbundenen Geistigkeit. Wie die sieben physischen Orte, an denen die sieben johanneischen Gemeinden entstanden sind, miteinander einen halbkreis-artigen Bogen bilden von der ionischen Meeresküste hinauf in das kleinasiatische Hochland, so ordnen sich auch die darin sichtbar werdenden geistigen Urbilder zu der Figur eines menschheitlichen Stationenweges.
S.227f
In Ephesus und in Rom begegnete und durchdrang sich das Wirkensfeld des Paulus mit dem des Johannes und des Petrus. Und, als ob das noch hervorgehoben werden sollte, richteten sich zwei wichtige Paulus-Briefe dahin, wo zugleich das Zentrum für die Wirksamkeit der beiden großen Urapostel ist: der Epheserbrief geht dahin, wo auch Johannes, der Römerbrief dahin, wo auch Petrus wirkt. Man hat es als sehr rätselhaft empfunden, daß Paulus in diesen Briefen des anderen, jeweils in Betracht kommenden Apostels mit keinem einzigen Wort Erwähnung tut. Gewiß, die paulinischen Briefe, die auf der einen Seite erste ganz und gar persönliche Dokumente sind, haben doch vor allem eine überpersönliche Bestimmung: Sie sind verkündigende und lenkende Worte an die Gemeinde und sollen als kultische Texte vorgelesen werden. Aber ganz löst sich dadurch das erwähnte Rätsel noch nicht. Es löst sich eher, wenn wir uns vorstellen, daß Paulus mit Petrus und Johannes auf innerliche Art einen Zusammenhang und Erkenntnis-Austausch zu pflegen vermochte, der mehr war als jede äußere Korrespondenz.
Und so entsteht vor uns eine von der großen Vorsehung gezeichnete Figur des apostolischen Lebens: Jakobus, der »Bruder des Herrn«, bleibt in Jerusalem und stirbt auch dort; er bewahrt den Zusammenhang des Neuen mit dem Alten. Petrus wird von seinem Schicksal in den Westen, nach Rom, geführt: Er muß, wenn auch mehr mit willens- und wesenhaften Kräften der Seele als mit gedanklichem Bewußtsein, das Werdende impulsieren. Johannes geht in den Osten und entfaltet von Ephesus aus sein segnendes Liebewalten: Er wandelt die alte Weisheit um in das neue Herzenswissen, das er für ein Zukunftszeitalter des Christentums vorbereitet und aufbewahrt. Paulus geht durch alle Gegensätze hindurch: Er faßt Osten und Westen zusammen und macht einem Bewußtseins-Christentum den Weg frei.
S.234f
aus «Paulus»