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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu
DIONYSIOS dem AREOPAGITEN
In Wirklichkeit hat die Areopag-Rede des Paulus [Apg.17,22-31] die Einmündung der edelsten in Europa gereiften Mysterienweisheit in den Strom des christlichen Denkens herbeigeführt. Statt zu einer Gemeindegründung führte sie zur Entstehung einer Schule, die durch viele Jahrhunderte die Pflegestätte einer wichtigen Strömung esoterischen Christentums war.
Unter den ganz Wenigen, die Paulus auf dem Areopag gewann, [Apg.17,34] war derjenige, der geradezu als die Verkörperung des esoterisch-geistigen Europa bezeichnet werden kann. Aus dem Text der Luther-Bibel ist das allerdings nicht zu entnehmen, denn da heißt es: »Unter ihnen war Dionysius, einer aus dem Rat.« Im Griechischen heißt dieser Dionysius »der Areopagite«. Er war nicht nur führend im »Rat der Weisen«, der auf dem Areopag seine Beschlüsse verkündete. Er war noch wirklich in die eleusinischen Mysterien eingeweiht. Ihm war das Geheimnis von Sterben und Auferstehen im Bilde des Samenkornes aus der Ähre vertraut - die Demeter in Händen hält -, und zwar nicht nur wie es gelehrt wurde, sondern vor allem, wie es praktiziert wurde: im Seelenprüfungs-Wege der Mysten. Es kann sehr wohl sein, daß der Name Dionysius nicht der Privatname des großen Areopagiten ist, sondern durch die Einweihung in die Mysterien des Dionysos erst erworben worden war.
So wurde in Athen ein Mann zum Schüler des Paulus, den eine ganze Welt bereits als hohen Lehrer anerkannte und verehrte. Im Damaskus-Licht, das sich ihm durch die Worte des Apostels erschloß, blühten ihm die Erwartungs-Mysterien, die er kannte, in die Erfüllungs-Mysterien hinein auf. Er fand als auf Erden gegenwärtig und nahe, den er noch auf der Sonne gesucht hatte.
Dionysius Areopagita hat auf die Entwicklung des Christentums, nicht nur in den urchristlichen Zeiten, sondern bis ins hohe Mittelalter hinein einen bedeutenden Einfluß ausgeübt. Er übertraf darin die meisten von den zwölf Aposteln. Das ist von den Gefühlstraditionen noch stärker wahrgenommen worden als von dem direkten historischen Wissen. So erblicken wir in den malerischen und plastischen Darstellungen vom Tode der Maria, die es im Mittelalter in großer Zahl gab, neben den Aposteln, die aus der ganzen Welt an das Sterbelager der heiligen Mutter geeilt sind, fast immer auch die Gestalt des Dionysius Areopagita.
Dionysius hat unmittelbar in die Geschichte des christlichen Denkens eingegriffen. Vom 6.Jahrhundert an tauchte eine Reihe von Griechisch geschriebenen Schriften auf, die als von ihm herrührend galten. Die wichtigsten handeln »Von den himmlischen Hierarchien« und »Von den göttlichen Namen«. An keinem anderen Buche außer der Bibel haben sich die großen theologischen Denker des Mittelalters wie Albertus Magnus und Thomas von Aquino mehr geschult und innerlich gebildet, als an diesen dionysischen Schriften. Und solange die Theologie sich aus diesem Brunnen nährte und befruchtete, trug sie noch den Mantel göttlicher Weisheit und war von einer Substanz durchströmt und durchwärmt, als wäre es das Blut Christi selbst. Es war ja weit mehr, als bloß ein gedanklicher Wissensstoff, mit den neun Engelreichen und ihren unterschiedlichen Aufgaben im Kosmos und für den Menschen vertraut zu sein. Es gab Klarheit und Sicherheit im Umgang des eigenen Herzens mit den konkret-individuellen Wesenheiten einer höheren Welt.
In der neueren Zeit mußten selbstverständlich Zweifel an der Echtheit der dionysischen Schriften auftauchen, denn an vielen Einzelheiten ist erkennbar, daß sie in dieser Form nicht im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung niedergeschrieben sein können. Wir haben es hier aber mit einem Schulbeispiel dafür zu tun, daß angesichts solcher Schriften, die aus esoterischen Zusammenhängen stammen, die Maßstäbe der üblichen Literarkritik versagen müssen. Wie fast alles esoterisches Schriftgut sind auch die Lehren des Dionysius Areopagita zuerst jahrhundertelang mündlich fortgepflanzt worden - Rudolf Steiner hat darauf eingehend hingewiesen. Sie entstanden nicht erst, als sie, dann allerdings in den Gedankenformen der Zeit, niedergeschrieben wurden. Im Gegenteil: daß man sie niederschrieb, geschah, um ihren Verlust zu vermeiden, der bei der Ablösung alter gemüthafter Gedächtnisbegabungen durch intellektuellere Bewußtseinsformen unvermeidlich gewesen wäre.
Es hat seit den Tagen des Paulus und seines großen athenischen Schülers immer eine im Geiste des Dionysius geführte Lehrschule gegeben, in der wohl auch dem jeweils führenden Leher wie eine Art Titel der Name Dionysius Areopagita zukam. Und es ist wichtig, daß diese Pflanzstätte paulinischen Geistes noch viel weiter nach Westen in Europa lag als Athen. Das ist St.Denis, das ebenso in der Nähe von Paris liegt wie Eleusis in der Nähe von Athen. Das Stadtbild von Paris ist mit dem von Athen durch Geschichts- und Schicksalsgeheimnisse eng verknüpft, die sich in den Bildern der Legende teils offenbaren, teils verhüllen. Es heißt, Dionysius Areopagita sei nach Paris gekommen und habe dort schließlich den Märtyrertod gefunden. Wie Paulus in Rom, so sei er hier mit dem Schwerte enthauptet worden, und zwar auf dem Gipfel des Montmartre, der sich als Stadthügel hoch über die Landschaft erhebt. Der ursprüngliche Name dieser Anhöhe lautete Mons Martis, der Berg des Mars. Das ist aber die genaue lateinische Übersetzung des griechischen »Areopagos«. Es gab also auch in Paris einen Areopag, und auf diesem soll nach der Legende der Richtspruch über Dionysius Areopagita verhängt und an ihm vollzogen worden sein. Später erst wurde aus dem »Berg des Mars« der »Berg der Märtyrer« Mons Martyrum: Montmartre. - Nun erzählt die Legende weiterhin den wunderbaren Vorgang: Dionysius habe noch die Kraft gehabt, sein abgeschlagenes Haupt zu nehmen und sich damit aufs Pferd zu schwingen. Dann sei er nordwärts geritten, und an dem Punkte, bis zu dem er kam, sei ihm zu Ehren ein Gotteshaus errichtet worden: Sanct Dionysius = St.Denis. Man sieht, wenn man heute am Nordrande des alten Stadtkernes von Paris auf dem Montmartre steht, unten in der Stadtfläche eine breite schnurgerade Straße nach Norden führen, nach St.Denis, dessen Kathedrale für Frankreich, ähnlich wie Westminster Abbey in London für England, ein zentrales Nationalheiligtum ist. Außer der Kathedrale jedoch mit ihrer nach außen gekehrten Geschichtsbedeutung gab es in St.Denis - nicht weniger wichtig für die Geistesgeschichte der Menschheit - die sozusagen westwärts verlegte »Schule von Athen«, in welcher die verbündete und vereinte griechische und christliche Mysterienweisheit Jahrhunderte hindurch gepflegt worden ist. Die Legende, die man später gelegentlich, um der Rätsel, die sie aufgibt, besser Herr zu werden, auf einen anderen, jüngeren Dionysius bezog, ist ein drastisch-bildhafter Ausdruck für ein Zeitalter-langes, nachtodlich-inspirierendes Weiterwirken des Genius, dem die Rede des Paulus auf dem Areopag in Athen den Weg zu Christus gewiesen hatte.
aus «Paulus»; S.167ff