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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu den
ESSÄERN
Philo kann sich, als schildere er die inneren Zielsetzungen der pythagoreïsch-platonischen Mysterienschulen, denen gleicherweise seine begeisterte Verehrung gehörte, gar nicht genug darin tun, die seelischen Ergebnisse des Essäer-Weges zu umschreiben: »Die Gemeinschaft der Therapeuten schreitet auf dem Pfade des Schauens unablässig fort und strebt nach der Anschauung des Wahrhaft-Seienden. Über die sichtbare Sonne* strebt sie hinaus und verläßt nie diesen wohlgeordneten Pfad, der zur vollkommenen Glückseligkeit führt. Diejenigen, die nach dem Ziel des Heiles streben, empfangen ihren Antrieb nicht aus der Sitte, auch nicht aus der Berufung oder Ermahnung durch einen Menschen, sondern sie sind von der himmlischen Liebe mitfortgerissen und sind von Begeisterung erfüllt, gleich den Bacchanten und Korybanten und lassen nicht nach, bis sie das Ersehnte schauen.«⁴° Und auch der mehr römisch gesinnte Josephus weiß davon zu berichten, daß es auf den vier Stufen, die nach der endgültigen Aufnahme in den Orden durchschritten werden⁴¹, immer solche gibt, »die die Zukunft voraussehen erlernen, indem sie sich an den heiligen Schriften, durch allerlei Reinigungen und an den Sprüchen der Propheten üben; und es ist selten, daß sie mit ihren Weissagungen fehlgehen.«⁴²
Die Entwicklung des hellseherischen Schauens bedeutete aber auch da, wo sie nicht zum vollen Durchbruch führte, ein reales Hineinwachsen in die Geheimnisse der Lehre, die im Orden gepflegt wurde. Die Andeutungen des Josephus darüber lassen uns, obwohl sie dürftig genug und aus unrechtmäßigen Gerüchten zusammengesetzt sind, erkennen, daß unter den Essäern vor allem ein Wissen über den pneumatischen Menschen*, den unsterblichen, geistig-seelischen Kern des Menschenwesens und sein Verhältnis zur physischen Leibeshülle, lebendig war. Was für einen Sinn hätte alles Streben nach Reinigung von der harten Dunkelheit des Irdischen gehabt, wäre der gläubige Blick nicht ausschließlich und unaufhörlich auf den vom Himmel* stammenden, ursprünglich aus reinem Geist gewobenen Teil des eignen Wesens gerichtet gewesen. Josephus hebt, und wird darin nicht Unrecht haben, an der essenischen Anschauung vom Weiterleben nach dem Tode einen leisen Zug erdfremder Himmelssehnsucht hervor, indem er sie in Gegensatz stellt zu der bei den Sadduzäern üblichen materialistischen Leugnung der persönlichen Unsterblichkeit und zu der eschatologischen Auferstehungslehre der Pharisäer: »Sie sind des festen Glaubens, daß zwar die Leiber vergänglich und ihr Stoff nicht bleibend, daß aber die Seelen unsterblich, von ewiger Dauer seien, aus dem feinsten Äther gewoben, von den Leibern durch einen natürlichen Zauberreiz herabgezogen, so daß sie darin wie in einem Käfig eingeschlossen seien. Aus den Banden des Fleisches befreit, schwingen sie sich freudig in die Höhen empor, wie von langer Knechtschaft erlöst.« Wir erfahren dann noch, die Essäer hätten ähnlich wie die Griechen die Vorstellung von einer paradiesischen Insel der Seligen gehabt, wo die Guten, und von einer dunklen Hadeshöhle, wo die Frevler nach dem Tod weilen. Und schließlich muß Josephus gestehen: »Durch diese ihre Lehre von der Seele üben die Essäer auf alle, die einmal von ihrer Weisheit gekostet haben, einen unwiderstehlichen Zauber aus.«⁴³
Bei der Wiedergabe des Eides, den die in den Orden Eintretenden nach dreijähriger Vorbereitung schwören mußten, erwähnt Josephus besonders die Verpflichtung, die Namen* der Engel* streng geheimzuhalten.⁴⁴ Daraus erkennen wir, daß die Essäer-Lehre vom pneumatischen Menschen ihre Fortsetzung gehabt hat in einer Hierarchienlehre. Der Mensch erscheint dann nicht nur als das oberste Glied der Naturreiche, sondern zugleich als das unterste Glied in der Stufenfolge höherer Wesenheiten von den Engeln und Erzengeln bis hinauf zu den Cherubim und Seraphim. Und wenn er seine Seele durch Läuterung und Gebet in die rechte Verfassung bringt, so hat er in bestimmten »Namen der Engel« das Mittel, sich mit der Welt, die über ihm ist, in einen realen Verkehr zu setzen.
Das Herzstück aber der Essäer-Lehre betraf das Kommen des Messias*, der, auf der Himmelsleiter der hierarchischen Wesensstufen zur Erde hin unterwegs, nun bald bei der untersten Hierarchie, dem Menschen, anlangen sollte. Wenn uns die äußeren Überlieferungen über den messianischen Charakter des essenischen Lehrens und Lebens nichts sagen, so ist das nur ein Beweis dafür, daß der Messiasgedanke, der im Grunde alles beherrschte, für die Essäer die heiligste und verschwiegenste Mitte des Mysteriums bildete, zu der weder Josephus noch Philo einen Zugang fand und von der sie, wären sie damit wirklich in Berührung gekommen, auch geschwiegen hätten.
Schon das Nasireat war gestiftet worden, damit, trotz der ins Gedanklich-Irdische gehenden Bewußtseinsentwicklung des Volkes*, irgendwo der Blick und das sehende Verständnis für das Messias-Mysterium lebendig bliebe. Es seien hier die Worte Rudolf Steiners wiederholt [...]: »So wurden ... im ganzen hebräischen Altertum ... einzelne Menschen darauf vorbereitet, ein Verständnis zu gewinnen für das Christus-Ereignis. Diese Menschen ..., welche vorbereitet wurden, hellseherisch wissen und erkennen zu können, was der Christus eigentlich bedeutet, nennt man Nasiräer. Diese konnten hellseherisch einsehen, was sich im alten hebräischen Volke vorbereitete, damit aus diesem Volke heraus der Christus geboren und verstanden werden konnte.«⁴⁵
Und der ganze Antrieb zu dem intensiven Seelenschulungs- und Frömmigkeitsstreben des Essäer- und Therapeutenordens lag in dem Bewußtsein, daß dem Messias auf Erden eine Stätte der Reinheit und Empfänglichkeit bereitet werden müsse. Aus dem prophetischen Schauen, das die Frucht dieses Strebens war, empfing dann alles innere und äußere Bemühen neue Nahrung und Kraft. Immer wieder wird es Seher unter den Essäern gegeben haben, die nicht nur äußere Ereignisse vorauszusehen und vorherzusagen vermochten, wie Josephus es mehrfach erwähnt, sondern die darüber hinaus den Blick auf die herannahende Christuswesenheit lenken konnten, den Ordensbrüdern verkündend, wo jetzt der Zeiger an der geistigen Uhr der Welt stand.
Von einem messianischen Zug war auch die ganze nach außen gehende Praxis der Essäer und Therapeuten durchpulst. So sehr in den Einsiedeleien und Klöstern die Stimmung einer religiös-egoistischen, unsozialen Welt- und Kulturfremdheit entstehen mußte: der Orden blieb durchaus nicht ohne weittragende soziale Auswirkungen. In gänzlich anderer Art als im Pharisäerorden wurde hier versucht, den Aufgaben gerecht zu werden, die das Aufkommen des Hellenismus dem messianischen Judentum stellte. Hoch erhaben über den engen jüdischen Nationalismus, dem das Pharisäertum Vorschub leistete und verfiel, ließen sich die Essäer und Therapeuten, der von ihnen gepflegten geistigen Kraft vertrauend, auf den Weitentrieb des Hellenismus ein. Und in der Tat gelang es ihnen schon bald, gleich einem Sauerteig alle griechisch sprechenden Gegenden, in denen es Juden-Gemeinden gab, mit ihren geistig-religiösen Wirkungen zu durchdringen.
Eine große Zahl von reisenden Brüdern machte in den Ländern des weiten Umkreises von der Synagogenfreiheit Gebrauch und lehrte auf stille, seelenwarme Art, die mit der Gedankenhelle des griechischen Geistes in schönem Einklang stand, das Volk, mit inniger Frömmigkeit der Ankunft des Messias entgegenzusehen. Es war ihr Werk, daß es, als das Christus-Ereignis wirklich herannahte, allenthalben »Stille im Lande« gab, deren Herz für die Christusbotschaft aufgeschlossen war. Der Ausstrahlungsbereich, den der Orden gewann, war von menschlicher Weite, da den Essäerbrüdern bald aus allen Volksschichten und Berufen, und so auch aus dem Schriftgelehrtentum der Diaspora, Freunde und Helfershelfer erwuchsen. Einer der wichtigsten und schönsten Spuren davon begegnen wir in der neutestamentlichen Pfingstgeschichte, die von der großen Schar »gottesfürchtiger Männer aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist«, spricht (Apostelgeschichte 2,5).
Die durchseelte Weisheit der Therapeuten und Essäer bezog sich aber doch nicht nur auf die höheren geistigen Sphären des Daseins. Es lebte unter ihnen auch eine intime Vertrautheit mit dem Wesen und den Kräften der Steine und Pflanzen. Das von ihnen gepflegte Naturwissen machte sie, wie uns berichtet wird, zu Meistern des Ackerbaus und der Pflanzenzucht, setzte sie aber vor allem imstand zur Ausübung jener Heilkunst, nach der die Therapeuten sich ihren Namen gegeben haben. Josephus sagt: »Sie widmen sich dem Studium uralter Schriften, um herauszufinden, was für Leib und Seele heilsam ist. So sind sie bemüht, die heilbringende Kraft von allerlei Wurzeln und die Eigenschaften der Mineralien zu erforschen, um dadurch Krankheiten zu heilen.«⁴⁶ Und nach Philo nennen sie sich »Heiler und Heilerinnen«, weil sie ihre Heilkunst für besser halten als die in den Städten ausgeübte; diese nämlich diene nur zur Heilung der Leiber, die ihrige aber heile auch die Seele von tödlich schweren und unheilbaren Krankheiten, hervorgerufen durch Begierden und Leidenschaften, Kümmernisse und Ängste, Selbstsucht und Unvernunft und durch die unzähligen anderen Schwächen und Übel.«⁴⁷
[...]
In einen besonderen Zweig essenischer Wirksamkeit gewinnen wir einen Einblick durch die Angabe des Josephus, daß die Ordensmitglieder, obwohl sie selbst ehelos lebten, »fremde Kinder, solange sie noch zart und für das lernen empfänglich waren, aufnahmen, wie ihre Blutsverwandten behandelten und ihnen ihre Sitten einprägten«.⁴⁸ Damit gehört wohl die andere Notiz zusammen, es habe neben der strengen Ordensobservanz auch Gruppen verheirateter Essäer gegeben.⁴⁹ Es entsteht vor uns das Bild von dorfähnlichen Siedlungen und Kolonien, die zwar unter der Leitung der geweihten Ordensmönche stehen, sich aber doch in der Hauptsache aus Familien zusammensetzen, die einer wesentlich erleichterten Ordensregel folgen, gewissermaßen Essäer niederen Grades, ähnlich wie die den Franziskanern oder anderen katholischen Orden angeschlossenen Laien-Organisationen der Tertiarier [oder zuvor die Braunmäntel der Templer]. Die Anwendung der therapeutischen Gesinnung und Seelenkunst auf das Gebiet der der Kindererziehung muß diesen sozialen Gebilden einen besonderen Reiz und harmonischen Zusammenklang verliehen haben. Aber auch hier ist die soziale Betätigung nicht Selbstzweck. Aus weisheitsvollen, stillgepflegten messianischen Einsichten und Absichten fließt die Brüderlichkeit dieser Gemeinschaftsbildung und pädagogischen Kunst hervor. Es gilt ja nicht nur, die Menschwerdung des Messias zu verkünden und die Seelen der Frommen darauf vorzubereiten. Es muß auch ganz real ein Familienmilieu entstehen, ein Zueinanderführen der Geschlechter, ein weisheitsvolles eugenetisch-soziales Wirken muß stattfinden, damit dem nahenden Gotteswesen aus der rechten Schicksals- und Vererbungsströmung heraus der reine kindliche Leib gebildet werden kann. Nazareth [abgeleitet von Sprössling*], wo dann der Jesusknabe aufwuchs, war in der Tat eine solche stille Essäerkolonie. [...]
S.148ff
40 [Philo v.Alexandrien :] De vita contemplativa § 2.
41 Jüdischer Krieg II, 8, 10.
42 Jüdischer Krieg II, 8, 12.
43 Jüdischer Krieg II, 8, 11.
44 Jüdischer Krieg II, 8, 7.
45 »Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien«, Vortrag vom 23. November 1909, GA 117.
46 Jüdischer Krieg II, 8, 6.
47 De vita contemplativa § 1.
48 Jüdischer Krieg II, 8, 2.
49 Jüdischer Krieg II, 8, 13.
S.360
aus «Cäsaren und Apostel»
* zu den entsprechenden hebräischen Begriffen siehe Deutsch-Hebräisch