zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zum
MYTHOS JERUSALEM
Schon zu jener Zeit rief jeder Blick auf Jerusalem die Erinnerung an unvordenkliche Vergangenheiten wach. Wir haben unbezweifelbare historische Dokumente aus einer Zeit, die in Davids Tagen bereits vier Jahrhunderte zurücklag. Die Briefsammlung, die sich in Tell-el-Amarna, der Stadt des ägyptischen Reformators Echnaton, gefunden hat, enthält Briefe, in welchen Abdi-Cheba, ein König von Urusalim, dem Pharao »sieben und siebenmal zu Füßen fällt« und ihn um kriegerische Hilfe anfleht. Davids Gedanken sind aber, wenn er den uralten Weg auf der Wasserscheide von Bethlehem nach Gibea ging und dabei nach Westen zu einen Bogen um die Hügel der geheimnisvollen Stadt schlug, in noch weit ältere Zeiten zurückgetaucht. Da mag das Bild des erhabenen Priesterkönigs Melchisedek durch seine Seele gezogen sein, der einst aus dem Schweigen seiner Mysterienstätte in Salem hervortrat, um Abraham, dem König, Brot und Wein zu spenden. Und auch bei Melchisedek blieb der rückwärtssinnende Gedanke nicht stehen. Aus den letzten Urtiefen der Zeit woben sich Sagen und Erinnerungen um die Höhen Jerusalems. Waren sie nicht zum Mittelpunkt und Nabel der ganzen Schöpfung geworden, als Gott die Welt erschuf? Die heiligen Felsen waren der Grundstein, von dem aus sich die Erde nach allen Seiten hin aus der Urflut verdichtet hatte. Und sie waren auch zum Schlußstein geworden, der die Gewässer der Urflut verschlossen hielt. In ihnen war das Wunder des schwebenden Steines enthalten, der ohne festen Untergrund sich gleich der ganzen Erde im Weltall schwebend hält.*
* In späteren Zeiten sind diese an Jerusalem haftenden urmythologischen Vorstellungen aufgezeichnet worden. Aber sie haben sich zweifellos schon in uralten Zeiten mit dem Anblick der Stadt verknüpft und ihr den ehrfurchtsgebietenden Nimbus gegeben, der sie aus allen Städten der Welt heraushob: »Gott schuf die Welt wie einen Embryo. So wie dieser sich vom Nabel [ómphalos] aus entwickelt, so begann Gott die Welt vom Nabel aus zu erschaffen, von dem aus sie sich dann nach allen Seiten ausbreitete. Wo ist der Nabel? Das ist Jerusalem. Der Nabel selbst ist der Altar. Und warum heißt er ›Grundstein‹? Weil von ihm aus die Welt gegründet wurde.« (Midrasch der göttlichen Weisheit. Jellinik, Beth hamidrasch V, 63f., Wien 1873). - »Was tat der Heilige, gepriesen sei er? Mit seinem rechten Fuß senkte er den Stein ein bis zu den Tiefen der Urflut und machte ihn zum Schlußstein der Welt, wie ein Mensch, der einen Schlußstein in ein Gewölbe setzt. Deshalb heißt er der ›Grundstein‹, denn dort ist der Nabel der Erde, und von dort wurde die ganze Welt ausgedehnt, und auf ihm steht der Tempel« (Jalkut zu Gen.28,22).
Noch heute ist trotz der Veränderungen, die der Boden durch planvolle Arbeit von Menschenhand oder durch den oft turmhohen Schutt der vielen über die Stadt dahingegangenen Zerstörungsstürme erfahren hat, auf den ersten Blick zu erkennen, daß Jerusalem im wesentlichen auf zwei Hügelzügen erbaut ist, die in nord-südlicher Richtung parallel zueinander verlaufen. Wie das alte Rom eine Siebenhügel-Stadt war, so war und ist Jerusalem eine Zweihügel-Stadt. Die beiden Höhen schmiegen sich in den spitzen Winkel hinein, der zwischen dem Kidronbach und dem Hinnomtal im Süden entsteht. Der Kidron kommt auf der Ostseite der Stadt zu Füßen der steilen Höhe von Norden nach Süden geflossen. Das Hinnomtal kommt vom Nordwesten südwärts, biegt dann nach Osten um und mündet am Südende der beiden Hügelzüge in das Kidrontal ein. So ist das Stadtgebiet im Westen, Süden und Osten durch die herandringenden Täler steil abgeschnitten und hat nur nach Norden zu einen Anschluß an das wellenförmig sich ausbreitende benachbarte Hügelland. Der höhere westliche Stadthügel wird von der Tradition, die wir für echt und uralt halten, der Berg Zion genannt. Sein charakteristischstes Gepräge hat er mehr in seinem südlichen Teile. Der östliche Höhenzug trägt auf seinem nördlichen, breiteren Abschnitt die ihn charakterisierende erhabene Fläche des Tempelplatzes.
Es ist verständlich, daß der Tempelberg mit seinem breiten Felsplateau zumeist das ausschließliche Interesse derer auf sich gezogen hat, die sich ein Bild des alten Jerusalem machen wollten. Obwohl er der niedrigere der beiden Hügel ist, ist er der Wohnplatz einer gebieterischen Größe, die jeden in ihren Bann ziehen muß. Das ist sicherlich durch alle Epochen hindurch der Fall gewesen, mindestens seit Salomo dort seinen Tempel erbaute. Heute trägt der Osthügel den mohammedanischen Felsendom mit seiner arabischen Schönheit des äußeren Glanzes; aber jene strenge Größe atmet uns besonders auf dem weiten freien Raum und der breiten steinernen Fläche des Tempelplatzes entgegen. Dieser östliche Stadthügel hat sogar die Wissenschaft des letzten Jahrhunderts in seinen Bann zu schlagen vermocht, indem viele Gelehrte, der lokalen Tradition mißtrauend, die den Westhügel als Zion bezeichnet, den heiligen Berg Zion, die Urhöhe von Jerusalem, auf dem schmalen südlichen Ausläufer des Tempelberges gesucht haben.
[...]
Daß um die Zeitenwende gelegentlich ein Sprachgebrauch geherrscht hat, der die alte Tradition undeutlich machte, ist in den Makkabäerbüchern zu sehen, die die ganze Anhöhe von Jerusalem, einschließlich des Tempelplatzes, als Zion bezeichnen. Die älteren alttestamentlichen Schriften, darunter auch die Psalmen, unterscheiden den Zion und den Tempelberg. Besonders deutlich ist das im Buche des Propheten Micha zu erkennen: »Darum wird Zion um euretwillen wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem wird ein Steinhaufen werden, und der Berg des Tempels zu einer wilden Höhe« (3,12).
Der traditionelle Zionsberg beherbergt nicht weniger ein Wunder als der Tempelfelsen. Man kann diesem Wunder heute noch* begegnen. Verläßt man den Bereich der eigentlichen Altstadt, die in ihren engen und steilen Gassen überquillt von dem bunten, lärmenden Leben des Orientes, und wendet man sich dem südwestlichen Teile der Stadt zu, so taucht man in einen Bezirk der Stille und des Schweigens ein, als sei man nicht nur aus dem lauten Treiben der arabisch-jüdischen Basarquartiere, sondern aus einer ganzen Diesseitswelt entrückt. Ganz alte, stille Straßen führen zwischen hohen Mauern einher und bieten sicherlich, da dieser Stadtteil bei der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 verschont geblieben ist, vielfach noch einen ähnlichen Anblick dar wie zur Zeit der Apostel. Die dunklen Säulen der Zypressen, die Wipfel großer, uralter Zedern, die über die Mauern herüberschauen, verstärken die dichte Atmosphäre gefüllten Schweigens, die dort wohnt und die auch bis in die Siedlungen hinein wirksam ist, die sich wie das Armenierviertel statt großer Gärten, wie man vermuten möchte, hinter den Mauern verbergen. Keine in die Augen springende Sehenswürdigkeit lenkt, wie auf dem Tempelberg, die Schaulust des Reisenden auf sich. Und dennoch kann sich, was dem aufgeschlossenen Gemüt auf dem Zionsberge begegnet, fast tiefer und strahelnder in die Erinnerung einprägen als selbst der Tempelplatz. Auch der christliche Pilger, der durch den Streit der Konfessionen, den Händlergeist und den Ungeschmack an der Stätte der Kreuzigung und des Heiligen Grabes enttäuscht worden ist, wird vielfach im Zurückdenken bemerken, daß er auf dem stillen Zionsberge doch dem Geiste, den er im Heiligen Lande suchte, nahe gewesen ist. Was man z.B. vor den Toren Roms in Trefontane, jener wundervoll durchseelten Oase, an der Paulus den Märtyrertod starb, empfinden kann als eine aus dem Jenseitigen hereinstrahlende Seelenspur höheren Friedens, das wohnt in gesteigerter Art auf dem Zionsberge in Jerusalem.
* Es sei erlaubt, an dieser Stelle auch in der Neuauflage von 1953 den 1936 geschriebenen Text unverändert zu lassen, obwohl kein Zweifel darüber bestehen kann, daß vieles von den in den dreißiger Jahren noch anzutreffenden atmosphärischen Wundern in Jerusalem wie im ganzen Lande den Zeitenschicksalen zum Opfer gefallen ist. Übrigens haben auch in Itelien viele einstmals aurischen Stätten wie das hier zum Vergleich herangezogene Trefontane bei Rom ihren Seelenzauber weitgehend eingebüßt.
Der Sinn des Namens »Salem«, den die Stadt zur Melchisedek-Zeit trug und der auch noch in dem Namen Jerusalem [JIRUSCHALAJIM], die »Stadt des Friedens«, enthalten ist, ist heute noch im deutlichen Nachklang anzutreffen auf diesem Westhügel der Stadt. Der traditionelle Zionsberg ist eine »Wohnung des Friedens«, der Segenshauch einer höheren Sphäre ragt dort in das Irdische herein.
[...]
Durch den Kontrast wird man sich erst richtig bewußt, ein wie anders geartetes Erlebnis der Tempelplatz auslöst. Es waltet dort auch Heiligkeit, aber nicht im Sinne des Friedens und der göttlichen Güte. Die strenge Größe, die einen dort umfängt, scheint ausschließlich Gerechtigkeit zu fordern und zu üben. Die strenge richterliche Jahvegottheit wohnt dort, die den Menschen nicht in verzeihende Gnade einhüllt, sondern ihn aller seiner Verkleidungen beraubt und ihn vor ihren durchdringenden, unerbittlich prüfenden Blick stellt. Der Tempelberg mit seinem harten Felsenantlitz beherbergt weniger die Liebe Gottes als seinen Zorn.
Man meint immer, das Alte Testament kenne und verehre überall nur die strenge mondenhafte Jahvegottheit. Das trifft aber doch erst für die nachsalomonisch-prophetische Zeit zu, in welcher aus dem gesamtisraelitischen Wesen das spezielle Judentum in den Vordergrund rückte. So lange die zwölf Stämme noch eine Einheit bildeten, ahnte die israelitische Frömmigkeit, die sich noch an die Naturheiligtümer des Landes anschloß, vielfach über die Jahvesphäre hinaus. Es drangen in die Seelen des Volkes noch Strahlen aus der Sphäre jener höheren sonnenhaften Gottheit ein, deren Diener Melchisedek, »der Priester des höchsten Gottes« war. War vielleicht der Zionsberg, von dem Raunen eines heiligen Haines umwoben, als die »Stätte des Friedens« die Wohnung dieses höchsten Gottes, des »El-eljôn«, des sonnenhaften Gottes der Liebe? Und stand dem vielleicht im Tempelberg, der ein nackter Fels war, als »Stätte der Gerechtigkeit« die Wohnung der mondhafteren Gottheit gegenüber, die das Gesetz gegeben hatte und richterlich über die Menschheit wachte? Der neutestamentliche Hebräerbrief deutet uns an, daß sich in der Gestalt des Urweisen und Priesterkönigs Melchisedek die Zweiheit von »Frieden« und »Gerechtigkeit« zusammenfaßte. »Sein Name heißt verdolmetscht ›König der Gerechtigkeit‹, aber er ist auch ein König von Salem, das heißt ›König des Friedens‹« (7,2). Jerusalem mag also im äußeren Raum ein Abbild der Zweiheit gewesen sein, die Melchisedek geistig umspannte.
aus «Könige und Propheten»; S.67+70ff