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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zu den
PHILISTERN
Wer waren die Philister [פלשתים]? Ihr Auftreten im Jordangebiet, das sogar durch sie erst die Bezeichnung Palästina (= Philisterland) erhielt, war das Symptom eines weltgeschichtlich überaus bedeutungsvollen Vorganges. Im 14. und 13. vorchristlichen Jahrhundert ist durch alle Völker, die um das östliche Mittelmeer herum wohnten, eine aus rätselhaften Tiefen aufsteigende Erregung hindurchgegangen, die sich allenthalben in großen Wanderungen - man nennt sie die ägäischen Völkerwanderungen - einen Ausdruck gab. Man wird wohl vergeblich nach ausreichend äußeren, politisch-wirtschaftlichen Motiven zu diesen Völkerbewegungen suchen. Was geschah, glich einem weitausgedehnten Erdbeben; nur bewegte es nicht Erd-, sondern Völkermassen. Ein Völker- und Seelenbeben war es. Die alten Kulturen Asiens mit Einschluß Ägyptens waren innerlich an ihr Ende gekommen. Die Stunde Asiens hatte geschlagen. Nun war es, als ob sich eine neue Welt, dem Aufwachen nahe, im Schlafe regte und streckte. Der Schwerpunkt der Geschichte rückte langsam dorthin vor, wo dann in Griechenland Europa geboren werden sollte. Das führte dazu, daß die Mittelmeer-Welt zwischen Griechenland, Kleinasien und Palästina mit Kreta und den anderen ägäischen Inseln in Unruhe und Bewegung geriet. Eine Welt schüttelte sich zurecht für eine neue Menschheitsepoche.
In die frühe griechische Geschichte wirkt jenes Seelenbeben hinein durch die sogenannten ionischen und dorischen Wanderungen, an deren Abschluß die ersten Quellstätten griechischen Lebens um das Ägäische Meer herum entstanden. In den mythisch-historischen Überlieferungen der Griechen lebt aber auch die Erinnerung an jenes Regen und Bewegen fort in den Sagen vom Zug der Argonauten nach Kolchis, dem Lande des goldenen Vlieses, und vom Zug der Griechenkönige gegen Troja.
Einen Bestandteil jener vielfältigen Völkerbewegungen bildet auch die Wanderung der Israeliten unter der Führung des Moses [משה] durch das Sinaigebiet in das Jordanland. Israel [ישראל] ist nicht ein Stück der Alten Welt; es ist ein Glied der neuen, eben sich aus dem Schlafe rüttelnden Menschheit. In der gleichen Zeit, als das junge Griechenland sich vor Troja aus der Bevormundung Asiens loskämpfte, löste sich Israel, von Moses geführt, von Ägypten los.
Im Verlaufe der gleichen Wanderungswelle kam auch das Volk der Philister in die palästinensischen Küstengebiete am Mittelmeer. Wenige Jahrzehnte bevor Josua [יהושע] sein Volk über den Jordan führte, hatten sie den Fuß auf palästinensischen Boden gesetzt. Sie waren vom Norden hergekommen, so wie die Israeliten vom Süden herkamen. Man nimmt an, daß sie vorher auf Kreta und den kleinasiatischen Küsten ihre Sitze hatten und daß sie ein Seefahrervolk waren ähnlich wie die Wikinger und Normannen des Nordens. Sie müssen, nicht der semitischen Rasse angehörig, von vornherein etwas den phönizischen Völkern Verwandtes gehabt haben; denn sofort, als sie von dem fruchtbaren Küstenstreifen im südlichen Palästina Besitz ergriffen hatten, waren sie bereits in die Sprache und Kultur der kanaanitisch-phönizischen Welt untergetaucht. Nicht kulturlos-barbarisch darf man sie sich vorstellen, wie es vielfach üblich ist im Anschluß an die imaginative Schilderung der Bibel von den plumpen Goliath-Leuten. Sie müssen wie die Phönizier zu den Zwischenträgern der alten überreifen Kulturen des vorderen Orients gehört haben und deshalb auch so schnell in Sprache und Sitten des Jordanlandes hineingewachsen sein.
Selber ein Volk des Meeres und der fruchtbaren flachen Küstengebiete, waren die Philister doch bestrebt, sich zu Gebietern der im angrenzenden Bergland sitzenden Völkerschaften zu machen. Zumal seit bald nach ihnen die israelitischen Stämme ins Land gekommen waren mit ihrer deutlich spürbaren kulturellen und geistigen Andersartigkeit und sich in dem Mittelgebirge östlich von ihnen festsetzten, verstärkten sie ihre Angriffe auf das Hinterland. Mit sehr wechselndem Glück erwehrten sich die Israeliten der immer wieder herandringenden Philister. Gelang es ihnen, sie zurückzuweisen, so fühlten sie, daß sie den Erfolg ihrer Hingabe an die zu ihren Häuptern waltende göttliche Macht verdankten. Wurden sie geschlagen, so mußten sie das Unglück darauf zurückführen, daß in ihnen das Bewußtsein ihrer geistigen Aufgabe erlahmt sei.
Schließlich, im ersten Drittel des 11. Jahrhunderts, gelang es den Anstrengungen der Philister, die über ein wohlgewappnetes und durch Kriegswagen verstärktes Heer verfügten, dem mehr zufällig zusammengesetzten israelitischen Scharen eine schwere Niederlage beizubringen. Der alte heilige Altar, der dem Volk während der Sinai-Wanderungen die Gewißheit der Anwesenheit seines Gottes gegeben hatte, die Bundeslade, war, als sie den streitenden Truppen vorangetragen wurde, dem siegenden Feind in die Hände gefallen. Als Trophäe stand nun die heilige Lade im Haupttempel des Dagon unten am Mittelmeerstrand in Asdod, einer der Hauptstädte der Philister.
aus «Könige und Propheten»; S.20ff