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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zum
BRENNENDEN DORNBUSCH
Moses [משה] befindet sich auf einer heiligen Bergeshöhe, wird doch der Horeb [חרבה] auch im biblischen Bericht von vornherein als ein »Gottesberg« bezeichnet. Er ist das zentrale Höhen-Opfer-Heiligtum im Gebiete des Jethro[יתרו]-Mysteriums von Kadesch [קדש]. Hier war der feurige Erdenwerde-Prozeß noch rege. Das saturnische Urfeuer [אש], aus dem einst die Erde sich zu bilden begonnen hatte, lohte hier noch in feurigem Rauch aus dem Erdinnern hervor. Der Horeb-Sinai[סיני]-Gipfel war ein steinerner Altar, auf dem das Opferfeuer noch nicht von Menschenhänden angezündet zu werden brauchte. Es brannte dort noch das Urfeuer der Schöpfung selbst. Am Anblick der physischen Waberlohe entzündet sich in der Seele des Moses eine übersinnliche Schau. Das physische Feuer wird ihm durchsichtig für ein geistig-ätherisches Feuerelement, das ihm nunmehr aus der ganzen mineralischen Umwelt und auch aus der spärlichen mineralhaften Dornstrauch-Vegetation [סנה] entgegenflammt. Durch die Sinnesbilder schaut er in die geistig-ätherischen Urbilder hinein, die Weltschöpfung nach rückwärts durchlaufend. Er sieht »die äußeren Gegenstände ... so, daß sie durchwoben erscheinen auf dem Hintergrunde von den Urbildern, aus denen sie hervorsprossen«.⁶¹
Philo führt in der Schilderung, die er von dem brennenden Dornbusch gibt, nahe an den geistig-physischen Tatbestand heran: »Ein Dornstrauch war da, ein stachliches, sehr schwaches Gewächs. Ohne daß einer Feuer angelegt hätte, flammt dieser plötzlich auf, bleibt aber, obwohl von der Wurzel bis zur Spitze von ganz hellen Flammen [בלבת־אש] ergriffen, völlig unversehrt ... als wäre er eine unempfindliche Substanz und nicht selbst Stoff für Feuer, sondern als diente ihm das Feuer zur Nahrung.«⁶² Physisches Feuer braucht Erdenstoffe zur Nahrung, es gibt aber ein geistiges Flammenelement in allem Lebendigen, das selber den Erdenstoff ernährt und zum Wachsen bringt. Das ist der Ätherleib in Pflanze, Tier und Mensch, der zugleich das geistige Urbild, das Urphänomen des Wesens trägt, das er belebt. Eine Schau der Ätherwelt ist es, die das Horeb-Sinai-Feuer in der Moses-Seele auslöst.
Aber dieses Schauen ist bereits grundlegend verschieden von dem ätherischen Hellsehen, das bis in die ägyptische Zeit hinein die alte Menschheit besessen hatte. Das alte Hellsehen nahm die geistige Weltenvielheit wahr. In Moses war das hellseherische Vermögen im Übergang begriffen in die Verstandeserkenntnis und daher begleitet und dirigiert von dem ordnenden Denken, das in der Vielheit die Einheit sucht. Das in Moses lebendige denkerische Schauen und seherische Denken hat zwar nicht mehr die Farbe und Helligkeit des alten Bewußtseins, aber es dringt tiefer in die Wesenheit des Geistes ein; dem ichhaft werdenden Menschengeist offenbart sich hinter den vielen Wesenheiten des Geistgebietes das Welten-Ich. »Während die früheren Völker zu der Mehrheit der Weltenkräfte so aufgeschaut haben, daß diese hereinwirken in die menschliche Seele in der Weise, daß die einzelnen Seelenkräfte nicht eine Einheit, sondern eine Mannigfaltigkeit darstellen und die Menschenseele nur ihr Schauplatz ist, - so sollte Moses nun einen solchen Weltengeist erkennen, der sich nicht bloß für eine einzelne Seelenkraft offenbart, der nicht neben Geistern gleichen Wertes steht, die in andere Seelenkräfte hereinwirken; sondern jenen Weltengeist sollte Moses erkennen, der sich nur offenbaren kann im tiefsten, allerheiligsten Mittelpunkte des Seelenlebens, der sich nur auslebt in dem Ich selber, wo die menschliche Seele sich ihres Zentrums bewußt wird, ... den man mit dem Verstande, der die Erscheinungen der Welt kombiniert, begreifen kann als das, was als eine Einheitlichkeit der Welt zugrunde liegt.«⁶³ Wie in der Schau der sieben Töchter [des Jethro] am Brunnen, so wird Moses auch durch das Erlebnis am brennenden Dornbusch auf bedeutsame Art von der Vielheit zur Einheit hingeführt. Wir erkennen das in den drei Namen, mit denen die sich offenbarende göttliche Wesenheit sich selbst bezeichnet.
Zuerst ertönt dem Moses der Gottesname der Elohim [אלהים]. Der Reigen der sieben Schöpfergeister, zu denen sich die Frömmigkeit der hebräischen Vorzeit erhoben hatte, tut sich ihm hinter der Feuerflamme und hinter dem Engelsantlitz, das darin aufleuchtet, kund: »Ich bin die [Ehrfurcht gebietende] Götterwesenheit (Elohim) Abrahams [אברהם], Isaaks [יצחק] und Jakobs [יעקב]« (2. Mos. 3, 6). Wie in einer weitzurückreichenden Rückschau nimmt Moses wahr, was sich in alter Zeit als siebenfältige Göttervielheit geoffenbart hat.
Moses kann sich nicht mit dem, was sich ihm zeigt, begnügen. Er muß nach dem gegenwärtigen Namen der Gottheit fragen: »Wenn ich vor das Volk hintrete im göttlichen Auftrag, und sie mich nach dem Namen des Gottes fragen, der mich sendet, was soll ich ihnen antworten?« Da wird ihm die urgewaltige Antwort zuteil, die zugleich der Fanfarenruf eines neu hereinbrechenden Zeitalters ist: »Ich bin der ICH-BIN [אהיה אשר אהיה]! So sollst du zu dem Volk Israel [ישראל] sprechen: Der ICH-BIN hat mich zu euch gesandt!« (2. Mos. 3, 13 und 14). Das eine Mittelpunktswesen alles Seins, das Welten-Ich, wird sichtbar hinter dem Schleier der irdischen und himmlischen Vielheit. Und das im Seelen-Innern kraft des Kopfgedankens aufkeimende Menschen-Ich ist das Organ für das göttliche Welten-Ich. Die Zeit der Ichheit bricht herein im Himmel und auf der Erde, und Moses mit der königlichen Stirn ist ihr großer Menschen-Erstling und Verkündiger.
Man hat Moses immer abstrakt als den Stifter des Monotheismus bezeichnet, als den, der von einer noch barbarischen Stufe des Polytheismus zu einer geläuterten Gottesvorstellung hingeführt habe. Aber vor Moses entsprach die Anschauung einer Göttervielfalt der Wirklichkeit der Welt. Der Polytheismus hatte recht. Der Monotheismus ist keine ewige, absolute Wahrheit. Erst dadurch, daß in einer wichtigen Weltenwendezeit das göttliche Mittelpunktswesen des Weltalls, das die heilige Einheit des Weltengrundes zur Offenbarung bringen kann, sich aus den fernen Höhen des Daseins in die Erdennähe begab und sich selbst als Samen und Kraft der Ichheit mitzuteilen begann, konnte der Gedanke des Einen Gottes geboren werden.
Dadurch aber, daß sich der Ich-Bin, das Welten-Ich, der Herr, zu offenbaren anfängt, ist die Vielheit der Wesenheiten in den Geisteswelten nicht ausgelöscht. Es tritt vielmehr nur eine Scheidung der Geister ein. Die einen Wesenheiten machen sich durchsichtig für den Einen, werden seine Diener und Organe und dadurch zu Trägern des Fortschrittes und der Zukunft. Die anderen dagegen hören auf, Gefäß und Offenbarer der höheren Führermächte zu sein, sie werden zu Trugwesen und Nichtsheiten.*
* Gerade das hebräische Alte Testament hat für diese unzeitgemäß gewordenen Geister eine überaus treffende Bezeichnung, die durch ihren Anklang an den Götternamen der Elohim eine besondere Kraft besitzt: es nennt sie die Elilim [אלילם], die Nichtse [~ Götzen - Darin steckt auch das Wort Lailah (לילה) ~ Nacht].
Moses empfängt den Auftrag, die Seelen der Israeliten auf eine Wesenheit zu lenken, die für diesen Zeitraum in besonderem Maße Träger und Offenbarer des Welten-Ich, des Herrn, ist. Das ist der Sinn des dritten Namens, mit dem sich ihm aus dem Feuer des Dornbusches die Gottheit bezeichnet: »Sprich zu dem Volk: Jahve[יהוה]-Elohim hat mich zu euch gesandt« (2. Mos. 3, 15 f.).
Der Jahve-Name enthält ein Geheimnis, das ihn für die Israeliten unaussprechbar machte. Sprachlich ganz nahe verwandt mit der heiligen Urformel: Ich bin der ICH-BIN (Ehjeh ascher ehjeh), trägt er den Ich-Namen [im Unterschied zu ani (אני) ~ ich] in sich. Mit dem Jahve-Namen wird einer der höchsten Ich-Diener und Ich-Spender der geistigen Reiche bezeichnet. Wie aber kann der Mensch es wagen, zu Gott »ich« zu sagen? Den Ich-Namen kann kein Wesen auf etwas anderes anwenden als auf sich selbst. Im Menschenwesen wohnt das Welten-Ich noch nicht. Es wirft, sich der Erde nahend, nur seinen Schatten voraus durch das Aufdämmern des Selbstbewußtseins in der denkenden Menschenseele. So machte sich die israelitische Menschheit den Namen ihres Gottes aussprechbar, indem sie in die Konsonanten des Jahve-Namens die Vokale des alten Gottesnamens Adonai [אדני] hineinflocht. Adonai bedeutet »der Herr [mein Herr]« und ist gleichbedeutend mit dem phönizischen »Adonis« und dem griechischen »Kyrios« [ὁ κύριος]. So entstand das Wort Jehova, ein Rätselwort, das auf ein Weltgeheimnis deutet. Alles Konsonantische ist leib- und hüllenartig, alles Vokalische ist seelenhaft. Der Jehova-Name besagt daher im Grunde, daß der Weltenherr, den die alten Völker als Osiris oder Adonis zuerst verehrten und dann betrauerten, nunmehr die Jahve-Wesenheit zur Hülle erkoren hat und sich durch sie offenbart.
S.92ff
61 [R.Steiner:] Vortrag vom 9. März 1911 [in «GA 60»].
62 Philo, Vita Mosis 12.
63 [R.Steiner:] Vortrag vom 9. März 1911.
aus «Moses und sein Zeitalter»