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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Gerschom SCHOLEM zur
SEELENWANDERUNGSTHEORIE
Hier spielt auch die Idee der Seelenwanderung, Gilgul [גלגול von גלגל ~ Rad, Rundung], eine Rolle. Diese Idee taucht schon im Buch Bahir auf¹³³. Wenn sie nicht dessen literarischen Quellen angehört, was nicht zu entscheiden ist, müßte man annehmen, daß sie den Kabbalisten in der Provence, die das Buch Bahir redigiert haben, aus den Kreisen der Katharer zugekommen ist, die bis 1220, also gerade während des Aufkommens der Kabbala, den entscheidenden religiösen Einfluß in dieser Gegend ausübten. Die Religion der Katharer, die erst durch einen blutigen Kreuzzug der katholischen Kirche ausgerottet wurden, stellt eine verdünnte Spätform des Manichäismus dar und lehrte in dessen Sinn die - von der katholischen Kirche mit Entschiedenheit als häretisch verworfene - Seelenwanderung¹³⁴. Die alten Kabbalisten freilich kennen die Seelenwanderung als allgemeines Gesetz aller Seelen nicht, sondern sie tritt, dem Sohar zufolge, nur in bestimmten Fällen, vor allem im Zusammenhang mit Vergehen gegen die Fortpflanzung, ein¹³⁵. Wer das erste Gebot der Tora nicht erfüllt hat, erhält, sei es als Strafe, sei es als Chance zu weiterer Bewährung, ein neues Dasein in einem anderen Körper. So wird die Institution der Leviratsehe durch die Theorie der Seelenwanderung erklärt: wenn der Bruder des Verstorbenen dessen Witwe heiratet, zieht er die Seele des verstorbenen Gatten zurück. Er baut sie wieder auf, und sie erhält einen neuen Geist in einem neuen Körper¹³⁶. Moses de Leon scheint im Gegensatz zu anderen frühen Kabbalisten die Theorie der Seelenwanderung in nichtmenschliche Existenzformen abgelehnt zu haben. Eine solche Seelenwanderung wird als Strafe für besondere Sünden bei Menachem Recanati (1300) erwähnt, der sich auf verschiedene Einzelheiten darüber bei den «modernen Kabbalisten» bezieht. Wie dem auch sei, der Gedanke der Seelenwanderung als einer Form der Vergeltung liegt auch der ältesten kabbalistischen Tradition nicht fern¹³⁷. Der fundamentale Widerstreit zwischen der Höllenstrafe und der Seelenwanderung als zwei verschiedenen Formen der Vergeltung, die, radikal angewandt, sich eigentlich ausschließen, wird im Sohar dadurch verwischt, daß als eigentlicher Prozeß der Strafe nur die Vergeltung in der Hölle auftritt.
S.264f
133. Vgl. hiezu die ausführliche Untersuchung in meinem Aufsatz: Seelenwanderung und Sympathie der Seelen in der jüdischen Mystik, im «Eranos-Jahrbuch», vol. 24 (1956), wo auf p. 56-67 die einschlägigen Stellen des Buchs Bahir besprochen werden. Der Kunstausdruck Gilgul für die Seelenwanderung kam erst nach der Veröffentlichung des Buchs Bahir auf und dürfte von den Kabbalisten aus der philosophischen Literatur übernommen worden sein. Vgl. meine Untersuchungen über die Geschichte dieses Begriffs in «Tarbiz», vol. 16 (1945), p. 135-139.
134. Über die Katharer vgl. vor allem Jean Giraud, Histoire de l'Inquisition au Moyen Age, vol. I (1935), sowie Hans Söderberg, La Religion des Cathares (1949), und Arno Borst, Die Katharer (1953). Das Problem eines möglichen Zusammenhanges zwischen dem Katharismus und der provenzalischen Kabbala, über das ich in meinem hebräischen Buch über die Anfänge der Kabbala ausführlich gehandelt habe, ist diesen Autoren ganz unbekannt geblieben.
135. Sohar I. 186b; III, 7a. Vgl. meinen Aufsatz le-cheker torath ha-gilgul in «Tarbiz», vol. 16 (1945), p. 139-150, wo ein wichtiger Text des katalanischen Kabbalisten Schescheth des Mercadell aus dem Ende des 13. Jahrhunderts mitgeteilt und besprochen wird.
136. Ibid. II, 99b; III, 177a.
137. Das System des Josef ben Schalom aus Barcelona, des Autors eines dem Abraham ben David zugeschriebenen Jezira-Kommentars, beruht auf dieser Vorstellung. Über die Entwicklung der Lehre von der Seelenwanderung im Sohar und der alten spanischen Kabbala vgl. in meinem in Anmerkung 133 zitierten Eranos Aufsatz, p. 67-94. Die Anschauungen Menachem Recanatis stehen in seinem kabbalistischen Tora-Kommentar zu den Wochenabschnitten Mezora' und Kedoschim.
Die Erfüllung der dem Menschen gesetzten Aufgabe steht bei Luria, wie bei allen anderen Kabbalisten von Safed, in Beziehung zur Lehre von der Metempsychose, der Wanderung der Seele. In der späteren Kabbala von Safed hat sich diese Lehre außerordentlich entwickelt, und das Sefer ha-Gilgulim, das «Buch von den Transmigrationen der Seelen», in dem Chajim Vital die Lehre seines Meisters Luria über diesen Punkt in systematischer Form niedergelegt hat, stellt den Schlußstein einer langen und sehr bemerkenswerten Entwicklung dieser Ideen in der Kabbala dar¹¹⁵. [...] Die ältere und die spätere Kabbala glaubten bestimmt an die Existenz der Seelenwanderung, und zwar ursprünglich zweifellos aus den Motiven, aus denen heraus stets und überall dieser Glaube sich entwickelt hat, wie etwa aus den Leiden unschuldiger Kinder, aus dem Glück der Bösen und dergleichen, sowie aus bestimmten seelischen Erlebnissen. Diese Dinge verlangten nach einer natürlichen Erklärung, um der göttlichen Gerechtigkeit auch im natürlichen Geschehen Ausdruck zu geben. Denn es ist wahr, daß die Lösung solcher Unbegreiflichkeiten durch die Hoffnung auf Vergeltung im Jenseits und überhaupt durch eschatologische Gedankengänge stets für viele religiöse Menschen etwas Unbefriedigendes gehabt hat. Aber die alten Kabbalisten kennen Gilgul, wie der hebräische Ausdruck für «Seelenwanderung» bei ihnen heißt, nur für ganz bestimmte Vergehen, vorwiegend sexueller Natur. Sie wissen nichts von einem universellen Gesetz der Seelenwanderung, in dem eine innere moralische Kausalität der menschlichen Handlungen sich auswirkt, das, was die Inder im Sanskrit mit dem Worte Karma bezeichnen. Dem entspricht auch, daß die ganze Lehre, die anfangs offenbar mit ziemlicher Gegnerschaft zu kämpfen hatte, als besonders geheimes Mysterium angesehen wurde und keine Verbreitung in weiten Kreisen gefunden hat. [...] Ganz anders steht es mit der Kabbala des 16. Jahrhunderts. Hier drückt die Lehre vom Gilgul in neuer und eindringlicher Weise die Wirklichkeit des Exils aus. Sie erhebt gewissermaßen die Erfahrung des Juden vom Galuth [גלות], vom Exil und von den Wanderungen der Körper, zum Symbol eines allgemeinen Vorganges, nämlich des Exils der Seelen¹¹⁷. Auch diese innerliche Exil schreibt sich vom Sündenfall her. Wenn Adam die Seele der ganzen Menschheit enthielt, die nun in unendlich vielen Verzweigungen und Verästelungen und in individuellen Gestaltungen sich auf das ganze Menschengeschlecht verteilt, so sind alle Wanderungen der Seelen letzten Endes nur Wanderungen der einen Urseele, die ihren Abfall durch das Exil zu sühnen hat. Zusätzlich kommen noch bei jedem Einzelnen zahllose Anlässe immer erneuten Exils, die sein eigenes Verhalten bietet, hinzu. Der Gilgul tritt hier in umfassender Weise als Weltgesetz auf, und die Idee einer jenseitigen Vergeltung durch Strafen in der Hölle tritt demgegenüber stark in den Hintergrund. [...]
Diese Lehre wird nun mit der von der Aufgabe des Menschen in enge Verbindung gebracht. Jede individuelle Seele hat nämlich nur so lange ein individuelles Dasein, bis sie ihre geistige Wiederherstellung vollzogen hat. Die Seelen, die die göttlichen Gebote erfüllt haben, seien es die der ganzen Menschheit - den Söhnen Noahs - gegebenen, oder seien es wie bei den Juden die 613 Gebote der Tora, sind vom Gesetz der Wanderung befreit und erwarten an ihrem seligen Ort, bei der allgemeinen Wiederherstellung aller Dinge, ihre Einfügung in die Urseele Adams. Solange die Seele aber diese Aufgabe nicht erfüllt hat, ist sie dem Gesetz der Wanderung unterworfen. Solche Wanderung ist dann nicht nur bloße Vergeltung, sie ist zugleich auch eine Gelegenheit, Gebote die ihr früher zu erfüllen nicht vergönnt waren, nunmehr auszuführen und dadurch am Werk der Selbstgestaltung weiterzuarbeiten. Reinen Vergeltungscharakter trägt vor allem die Vorstellung von einer Wanderung in andere Bereiche der Natur, in Tiere, Pflanzen und Steine. Solche Verbannung von Seelen oder Seelenfunken in den Kerker fremder Existenzformen, [...], stellt eine besonders schauervolle Art des Exils dar. Wie können sie aus solchem Exil erlöst werden? Luria antwortet hierauf mit der Lehre von der Verwandtschaft gewisser Seelen, je nach dem Ort, an dem sie ursprünglich in dem geistigen Leib Adams, des Vaters der Menschheit, lokalisiert waren. Es gibt - nach ihm - Seelenverwandschaften und sogar Seelenfamilien, die in gewisser Weise eine dynamische Einheit bilden und miteinander zusammenhängen¹¹⁹. Diese Seelen vermögen in besonderer Weise einander zu helfen und sich in ihren Taten gegenseitig zu ergänzen. Sie vermögen auch Funken aus ihrer Gruppe oder Familie, die in den Abgrund niederer Existenzen gefallen sind, durch fromme Taten wieder heraufzuheben und ihnen den Wiederaufstieg zu höheren Daseinsformen zu ermöglichen. Die Lehre von der geheimen Verwandtschaft und daraus resultierenden Sympathie der Seelen wirft für Luria ein Licht auf viele Erzählungen der Bibel. Die wahre Weltgeschichte wäre hiernach also die, die die Geschichte der Wanderungen und der Zusammenhänge der Seelen und Seelenfamilien zu schreiben vermöchte. [...]
Die Seelenwanderung ist also ein Stück des Prozesses der Restitution, des Tikkun [תקן]. Infolge der Kraft des Bösen im Menschen zieht sich diese Wanderung unsagbar lange hin und schiebt dadurch die Erlösung immer weiter hinaus. Luria fand nun - und diese Lehre übte eine außerordentliche Anziehungskraft aus -, daß durch geeignete religiöse Handlungen, wie Riten, Bußübungen und Meditationen, dieser Prozeß der Wanderung wesentlich abgekürzt werden kann¹²°. Jeder Mensch trägt die geheimen Spuren der Wanderung seiner Seele in den Lineamenten seiner Stirn und seiner Hand mit sich¹²¹, sowie in der Aura, die von seinem Körper ausstrahlt¹²². Und wem es gegeben ist, diese Schrift der Seele zu entziffern - und das sind freilich nach Cordovero und Luria nur die großen Mystiker -, der vermag in das Schicksal der Seelen helfend einzugreifen¹²³.
S.308ff
115. Zu dieser lurianischen Gestalt der Lehre von der Seelenwanderung vgl. auch in meinem Aufsatz Seelenwanderung und Sympathie der Seelen, im «Eranos-Jahrbuch», vol. 24 (1956), p. 94-107. Der wichtigste Vorläufer der lurianischen Lehre ist in diesem Punkt das umfangreiche anonyme Werk Galli Rasaja, das 1552-1554 verfaßt wurde.
117. Der Ausdruck «Exil der Seele» wurde für den Gilgul schon im 13. Jahrhundert von dem anonymen Autor des Buches Temuna gebraucht (vgl. ed. Lemberg 1892), Bl. 56b.
119. Sefer ha-gilgulim, Kap. 5.
120. Ibid., Kap. 8; Vitals Bußvorschriften im Scha'ar ha-jichudim (Koretz 1783), Bl. 30-39, sowie in 'Emek ha-melech (1648), Bl. 15-21. Andere Bußvorschriften aus diesem Kreis am Ende des Werkes Reschith chochma ha-kazer und am Ende von Menachem Asaria Fanos Me'a kessita (Munkacz 1892), Bl. 58-69.
121. Schemtob ben Schemtob, Sefer 'Emunoth (Ferrara 1556), Bl. 78a.
122. Abraham Gallante, Sohare chamma über die Sohar-Stelle II, 105b. Von Isaak dem Blinden wird berichtet, daß er dank seiner Wahrnehmung der Aura, hargaschath ha-'awir, entscheiden konnte, ob jemand eine alte oder eine neue Seele habe, das heißt eine, die noch nicht im gilgul war; vgl. in meinem Buch Reschith ha-kabbala (1948), p. 103.
124. Vgl. Cordovero, Schi'ur koma, Bl. 83d; Vital, Scha'ar ruach ha-kodesch (Jerusalem 1912), Bl. 3a-5b; Elijahu ha-Kohen, Midrasch Talpijoth (Czernowitz 1860), Bl. 108a.
aus «Die jüdische Mystik»