zum IMPRESSUM
Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Gerschom SCHOLEM zur
MERKABA-MYSTIK
1
Die erste Epoche der jüdischen Mystik vor ihrer Kristallisation in der mittelalterlichen Kabbala ist zugleich auch ihre längste. Ihre literarischen Denkmäler und wichtigen Überreste erstrecken sich über fast ein Jahrtausend, vom ersten vorchristlichen Jahrhundert bis ins zehnte hinein. Aber dennoch ist die Einheitlichkeit dieser frühen jüdischen Mystik bei aller Entwicklung und Verschiedenheit im einzelnen sehr beträchtlich; ihre Physiognomie hebt sich deutlich und unverwechselbar von der der mittelalterlichen Kabbala ab.
S.43
Wir wissen, daß noch während des Bestandes des zweiten Tempels eine esoterische Disziplin auch in pharisäischen Kreisen gepflegt wurde. Hier wurde besonders das erste Kapitel der Genesis, die Schöpfungsgeschichte, Ma'asse Bereschith [מעשה בראשית], und das erste Kapitel aus Ezechiel, die Vision des göttlichen Thronwagens, der «Merkaba» [מרכבה], zum Gegenstand von Erörterungen gemacht, die öffentlich mitzuteilen jedenfalls als äußerst unratsam empfunden wurde. Ursprünglich bildeten diese Disziplinen nichts anderes als Erklärungen der betreffenden Bibelabschnitte⁴. Auch der heilige Hieronymus spricht in einem seiner Briefe von einer jüdischen Tradition, die das Studium des Anfangs und Endes des Buches Ezechiel vor dem vollendeten dreißigsten Jahr⁵ verbietet. An die Kommentierung des Bibeltextes schlossen sich hier wohl aber weitere Spekulationen an. Die Chajoth [חייות] zum Beispiel, die «lebenden Geschöpfe», und andere Wesen in Ezechiels Visionen wurden als Engel aufgefaßt, die eine Engelhierarchie des himmlischen Hofstaates bildeten. Wir werden wohl nie erfahren, wieviel hiervon im eigentlichen Sinne mystische und theosophische Gedanken gewesen sein mögen, solange uns nur das spärliche in Talmud und in den Midraschim versprengte Fragmentenmaterial zur Hand ist. [...]
[...] Aber sei dem, wie dem wolle, und mag man selbst in manchen dieser Schriften Reste der vielberufenen Literatur der Essäer finden wollen, sicher bleibt in der Tat dies: die wesentlichen Gegenstände der Merkaba-Mystik der späteren Zeit standen wirklich schon in dieser ältesten Literatur jüdischer Esoterik, wie sie das Buch Henoch am besten repräsentiert, im Zentrum. Die Verbindung der Apokalyptik mit Theosophie und Kosmogonie ist durch die erhaltene Literatur eindeutig und fast bis zum Überdruß nachgewiesen. «Nicht bloß die himmlischen Heerscharen, den Engelstaat, haben die Späher wahrgenommen, sondern durch die ganze apokalyptische und pseudepigraphische Literatur zieht es sich wie eine neue Offenbarungskette, betreffend die verborgene Herrlichkeit der ,großen Majestät', ihren Thron, ihren Palast ..., die übereinander aufgetürmten Himmelsräume, das Paradies, die Hölle und die Behälter der Seelen⁷.» Dies ist völlig wahr und beweist eben die Kontinuität der Spekulation über die Merkaba in allen ihren drei Stadien: in den anonymen Konventikeln der alten Apokalyptiker, in der Merkaba-Spekulation der uns mit Namen bekannten Mischna-Lehrer und der Merkaba-Mystik der spät- und nachtalmudischen Zeit, wie sie in der auf uns gekommenen Literatur ihren Niederschlag gefunden hat. Hier liegt eine wesentlich einheitliche religiöse Bewegung vor, die bündig das alte, in der Literatur bis heute spukende Vorurteil widerlegt, wonach die Apokalyptik mit dem Aufkommen des Christentums ihre produktiven religiösen Kräfte alle dorthin abgegeben hätte.
S.45ff
2
Was war der eigentliche Gegenstand schon jener ältesten mystischen Ideen im Kreis des Judentums? Darüber kann kein Zweifel sein: die älteste jüdische Mystik ist Thronmystik. Nicht um Versenkung in das eigentliche Wesen Gottes handelt es sich hier, sondern um die Schau seiner Erscheinung auf dem Thron, von der Ezechiel spricht, und um die Erkenntnis der Mysterien dieser himmlischen Thronwelt selber. Die Thronwelt bedeutet für den jüdischen Mystiker, was für die hellenistischen und frühchristlichen Mystiker dieser Epoche, die die Religionsgeschichte als Gnostiker und Hermetiker kennt, das «Pleroma» ([το πλήρωμα] die «Fülle»), die Lichtwelt der Gottheit mit ihren Potenzen, Äonen und Herrschaften ist. Der jüdische Mystiker schöpft, wenn auch von verwandten Antrieben geleitet, seine Sprache aus der ihm gemäßen religiösen Begriffswelt. Der präexistente Thron Gottes, der alle Schöpfungsformen beispielhaft in sich enthält⁸, ist Ziel und Gegenstand der mystischen Entrückung und der mystischen Schau.
Vom 14. Kapitel des äthiopischen Buches Henoch, das uns die älteste Schilderung des Thrones in dieser Literatur erhalten hat, führt eine ganze Zahl von Zeugnissen mannigfaltigsten Charakters⁹ bis zu den ekstatischen Schilderungen der Thronwelt in den Traktaten der Merkaba-Visionäre, [...] Aus der Auffassung der Thronwelt als des eigentlichen Zentrums aller mystischen Betrachtung lassen sich die meisten Lehrstücke und Interessengebiete dieser alten Mystiker ableiten.
47
4. Siehe Sh. Spiegel, «Journal of Biblical Literature», vol. LIV, 3. Teil (1935), p. 164/65.
5. Nach S. Liebermann, midresche teman (1940), p. 16, hat schon im 3. Jahrhundert Origenes in seinem Vorwort zum Kommentar über das Hohelied denselben Sachverhalt bezeugt.
7. W. Baldensperger, Die messianisch-apokalyptischen Hoffnungen des Judentums, p.68.
8. So heißt es etwa im Midrasch Mischle zu Prov. 20,2: «Alles, was er in seiner Welt erschaffen hat, dem hat er seinen Platz am Thron bestimmt.» In der Tat spielen solche Entsprechungen wie zwischen dem Thron und der Schöpfung eine große Rolle in den mehr der Mystik zuneigenden Midraschim. Beispiele dafür wären etwa die Parallelen zwischen der Welt und dem Menschen (Makrokosmos und Mikrokosmos) oder etwa die zwischen dem Stiftszelt und der Welt. Das Mikrokosmosmotiv ist am klarsten in einem Passus der 'Aboth de-Rabbi Nathan (Kap. 31) ausgedrückt, wo es heißt: «Alles, was Gott geschaffen hat, hat er auch im Menschen erschaffen.» Die Auffassung des Stiftszelts als einer Parallele zur ganzen Schöpfung, wie sie sich im Kapitel 2 des Midrasch tadsche findet, scheint der spätesten Periode der Midrasch-Literatur anzugehören und aus Südfrankreich zu kommen.
9. Viel Material über die Thronmystik aus den Pseudepigraphen und den Midraschim (aber bezeichnenderweise nicht aus den Schriften der Merkaba-Mystik) findet sich bei Strack und Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, vol. I (1922), p. 974-978.
aus «Die jüdische Mystik»