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Zitatensammlung
Teil 2
Zitate von Emil BOCK zum
EMMAUSWEG
Im Lukas-Evangelium atmet und webt im Gegensatz zur Matthäus-Dramatik eine große wunderbare Innerlichkeit. Hier wird der Übergang von draußen nach drinnen, der sich vom ersten zum zweiten Evangelium hin vollzieht, vertieft. Schon in der Geschichte von den beiden Jüngern, die nach Emmaus gehen, die nach der Grabesszene eingeschaltet wird, ist dieser Übergang ausschlaggebend. Vollzieht sich doch auch für diese beiden Jünger die eigentliche erkennende Begegnung mit dem Auferstandenen erst in dem Augenblicke, als sie am Ende ihres Weges in das Innere des Hauses eingetreten sind und sich in der Dämmerung des Sonnenuntergangs in der Stille des Hauses zu Tisch gesetzt haben. Das Motiv des Übergangs von draußen nach drinnen setzt sich fort. Eilenden Fußes kehren wir mit den beiden Jüngern noch am gleichen Abend nach Jerusalem zurück und treten mit ihnen in das Coenaculum [den Abendmahlssaal] ein, in welchem die Jünger versammelt sind. Und wir werden Zeugen davon, wie der Auferstandene in diesem Raume plötzlich im Kreise der Jünger erscheint und, um sich im heiligen Mahle mit ihnen zu vereinigen, vor ihren Augen Speise und Trank zu sich nimmt.
S.376
Ähnlich ist es bei den beiden Jüngern auf dem Wege nach Emmaus. Die Erinnerung brennt in ihren Seelen. Von heißem Schmerz sind die Bilder durchblutet, mit denen sie auf die bestürzenden, rätselhaften Geschehnisse der letzten Tage zurückschauen. Da gewinnt auch in ihnen die Erinnerung den Charakter der unmittelbaren Gegenwartswahrnehmung. Ihnen ist, als gehe einer neben ihnen her und spreche mit ihnen. Das Sprechen des Dritten fügt zu ihren Schmerz-Erinnerungen andere, hellere hinzu: Worte aus den heiligen Schriften, Worte des Christus selbst kommen ihnen in den Sinn, und es fällt ihnen wie Schuppen von den Augen. Bei Tisch schließlich werden sie für einen Augenblick ganz sehend: sie schauen den Auferstandenen selbst.
In der Kraft der Erinnerung ist das Auge eines inneren Schauvermögens wirksam. So wie diese Kraft heute zunächst ist, ist sie das Schrumpfprodukt des einstigen Hellsehens. Sie ist aber zugleich auch der Keim für ein neues Schauen. Pflegen und üben wir sie recht, so können wir sehend werden für die übersinnliche Welt. [...] Die Erinnerung kann zur Kraft der geistigen Herbeiholung werden.
Das ist der Schlüssel zu den wichtigsten Ostererlebnissen der Jünger in den vierzig Tagen. Als die Jünger im Coenaculum versammelt waren, in den großen Erinnerungen der drei Jahre webend und lebend, waren es immer wieder bestimmte Worte und Handlungen des Herrn, die ihnen so neu, so bestürzend unmittelbar zum Bewußtsein kamen, als würden sie eben jetzt erst zu ihnen gesprochen und vor ihnen getan. Damals hatten sie so gut wie alles verschlafen, jetzt war jede einzelne Erinnerung wie ein Erwachen, das blitzartig durch ihre Seele zog. Und eben dadurch gingen ihnen die Augen auf für den Auferstandenen. Die Kraft der realen Erinnerung hatte ihn in ihre Mitte gerufen. Er war es, der die erinnerten Worte in erhöhtem Licht zu ihnen sprach und der die erinnerten Handlungen in gesteigerter Geisteskraft vor ihnen vollzog. Durch ihn wuchs der Schatz der jetzt erst zu gegenwärtigem Besitz werdenden Erinnerungen zu einer ganzen Welt von Offenbarungen an.
Für die Sphäre der erleuchteten Erinnerung ist ein Motiv von besonderer Wichtigkeit, dem wir in der Emmaus-Erzählung begegnen: als nämlich die beiden Jünger das Erlebnis haben, es gehe einer neben ihnen her. Dieses Erlebnis, eine begleitende Gestalt an seiner Seite zu haben, die aus dem Geistgebiet hervortritt, wird einmal eine allgemeinere menschliche Bedeutung gewinnen.
S.393f
Die beiden Jünger, die auf dem Weg nach Emmaus sind, kommen mit den Eindrücken der letzten Tage nicht zurecht. Ratlos stehen sie vor den überwältigenden Schicksalen, die über sie hereingebrochen sind. Die Erinnerung an das, was geschehen ist, verbrennt ihre Seelen. Aber gerade das Ringen um Klarheit über die Bilder, die sich ihrer Erinnerung so flammenmächtig aufdrängen, führt das Erlebnis herbei, als ginge einer neben ihnen her und spräche zu ihnen. Was spricht dieser Dritte? Er geht mit ihnen durch die Bücher des Moses und der Propheten hindurch und ruft ihnen eine Kette von Schriftworten ins Gedächtnis, die ihnen mit einem Mal, indem sie sich daran erinnern, in einem ganz neuen Lichte erstrahlen. Am Ostersonntag findet also eine übersinnliche Unterweisung statt, deren Struktur durch Worte aus dem Alten Testament bestimmt ist. Von diesen wohlbekannten Schriftworten fällt plötzlich ein Licht auf das rätselhafte Geschehen, um dessen Sinn die Seelen ringen.
Es ist das, wie wir gesehen haben, ein ähnlicher Seelenvorgang, wie er in den Frauen ausgelöst wurde, als die beiden Männer in weißen Kleidern zu ihnen sprachen: »Erinnert euch an die Worte, die er zu euch sprach, als er noch mit euch in Galiläa war.« Aus Engelsmund wird ein Wort Jesu, ein »Schriftwort«, zitiert. Es geht den Frauen am Morgen ähnlich wie am Abend den Jüngern auf dem Wege nach Emmaus: Indem sie ein früher gesprochenes Wort erinnern und plötzlich neu verstehen, fangen sie zugleich an, das rätselhafte Geschehen zu begreifen, das über sie hereingebrochen ist. Auch in diesen Szenen ist nicht äußerlich gesprochen worden. Die Worte tauchen innerlich auf, ohne daß sie deswegen als bloß subjektive Einfälle gewertet werden dürften. Diesem inneren Hören kommt mindestens die gleiche Objektivität zu wie dem äußeren Hören mit dem physischen Ohr. Das erste Ergebnis des übersinnlichen Sprechens, das am Grabe die Frauen und auf dem Wege nach Emmaus die beiden Jünger vernehmen, ist, daß den Frauen und den Jüngern Worte aus den heiligen Schriften oder solche, die Jesus einmal zu ihnen gesprochen hat, einfallen. Die Engel, die am Grabe wachen, der Dritte, der mit den beiden Jüngern geht, sie bedienen sich der Erinnerungsfähigkeit der Menschen, zu denen sie sprechen. Der Mund, mit dem sie ihre Worte kundtun, ist nicht außerhalb derer, die hören. Die Erinnerung spricht im Seelenraum, und Christus und die Engel bedienen sich der sprechenden Erinnerung, um auf diese Weise zu den Seelen der Menschen zu sprechen.
S.423f
aus «Die drei Jahre»