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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Emil BOCK zum
WUNDER von KANA
Daß sich das Wunder von Kana ereignete, zeigt uns, daß es in dieser ersten Zeit [der Wirksamkeit Jesu Christi] gar nicht möglich war, die Wirkungen völlig hintanzuhalten, die von der göttlichen Kraft des Christuswesens ausgingen. Es liegt nicht in der Absicht Jesu, daß diese Wirkungen entstehen. Er spricht sogar: »Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Der Wille zur Zurückhaltung beherrscht seine Seele ganz. Und doch erleben die Menschen in seinem Umkreis bis in die physischen Stoffe hinein die Ausstrahlung seines Wesens. Es ist nicht zu verheimlichen, was in ihm lebt.
Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen, daß die Verwandlung von Wasser in Wein, die als das erste der sieben johanneischen Wunder [oder Zeichentaten] berichtet wird, nicht eigentlich nur auf den Christus zurückzuführen ist, sondern aus einem Geheimnis hervorgeht, das zwischen Jesus und seiner Mutter waltet. Das Wort, mit welchem Jesus seiner Mutter Antwort gibt, deutet auf dieses Geheimnis hin. Es ist nicht nur mißverstanden, sondern völlig entstellt worden, wenn man es übersetzt mit »Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?« Die griechischen Worte τί εμοι και σοι (ti emoi kai soi) sind keine barsche Abweisung. Sie deuten als eine Mysterienformel auf einen überaus positiven Zusammenhang hin und können etwa übersetzt werden: »Was webt da zwischen mir und dir?« Dieselbe Formel kehrt noch einmal im Evangelium wieder. Lukas berichtet, daß Jesus am Beginn seiner Wirksamkeit in der Synagoge zu Kapernaum mit diesen Worten angesprochen worden sei von den Dämonen, die sich aus der Seele des Besessenen heraus geltend machten: τί ήμιν και σοι (ti hemin kai soi), »was webt da zwischen uns und dir?« Die dämonischen Geister sprechen so, weil sie bereits die überlegene Geistesmacht verspüren, die sie in Bann schlägt.
Das seelische Zusammenwirken zwischen Jesus und seiner Mutter bei der Hochzeit zu Kana ist eine offenbarende Frucht des großen biographischen Augenblicks. Nicht nur Jesus, sondern auch Maria ist durch eine bedeutsame Seelenumwandlung hindurchgegangen. Wir haben in früheren Betrachtungen im Anschluß an Darlegungen Rudolf Steiners davon gesprochen, daß in die Seele der Maria eine höhere geistige Kraft und Wesenheit eingezogen ist, als Jesus, bevor er zu Johannes dem Täufer ging, in dem Abschiedsgespräch die Mutter an seinem Seelenringen teilnehmen ließ. Die Erschütterung über den Menschheitsnullpunkt, den Jesus zwischen seinem zwölften und dreißigsten Jahre erlebt und erlitten hatte, und auf der anderen Seite die tief aufsteigende Ahnung von der unendlichen Schicksalsaufgabe des Sohnes hatten die Seele der Maria aufgeschlossen. Durch die geistige Wesenheit, die fortan in ihrer Seele wohnte, wurde sie zu einer Trägerin der jungfräulich-mütterlichen Weltseele selbst. Bei der Hochzeit zu Kana sah sie den Sohn wieder. Aber wie verwandelt war er! Nicht mehr spiegelte sich wie bei jenem Abschiedsgespräch bis zum physischen Versagen der ganze Jammer der Menschheit in seinem Angesicht. Jetzt ist in der Seele Jesu das sonnenhafte Gottes-Ich eingezogen. Die mütterliche Weltenseele in Maria ahnt das. Zwei hohe Himmelswesen finden sich auf Erden wieder. Noch hält der Christus zurück. Er spricht zu Maria: »Meine Stunde ist noch nicht gekommen.« Zwar ist er in die Inkarnation eingetreten, als der Himmel sich auftat und die göttliche Stimme sprach: »Dies ist mein geliebter Sohn.« Aber seine Geburt auf Erden ist noch nicht vollendet. Indem er sich in sich selbst zurückhält, behält er um sich herum eine kosmische Mutterhülle, aus der er erst dann hervortreten wird, wenn er offen seine Wirksamkeit unter den Menschen beginnt. Maria ist nicht die leibliche Mutter Jesu von Nazareth.⁵ Dennoch webt in dieser Stunde der Wiederbegegnung zwischen den beiden Verwandelten etwas, was man als die göttliche Oktave des menschlichen Mutter-Sohn-Verhältnisses bezeichnen könnte. Im Lichtglanz der ihr Wesen beseelenden Einwohnung erkennt Maria in dem so gänzlich verwandelten Sohn ahnend die Sonnenmächtigkeit des Christuswesens. Diese ist es, die das Wunder von Kana herbeiführt. Was zwischen Jesus und Maria in dieser Stunde des Sichwiederfindens seelisch-atmosphärisch hin und her webt, gibt der nicht zu verheimlichenden Wesensausstrahlung des Christus eine besondere Seelenfarbe und Naturgewalt. Das Wasser in den Krügen verwandelt sich den Menschen, als sie es trinken, in den köstlichsten Wein als edelste Gabe der Sonne an die Erde.
Das Gespräch zwischen Jesus und Maria dreht sich zunächst um scheinbar nebensächliche Dinge. Die Mutter weist darauf hin, daß beim Fest der Wein ausgegangen ist. Daß Jesus dadurch doch auf das kosmische Weben zwischen ihm und der Marienseele aufmerksam wird, liegt vielleicht nicht zuletzt an der unterirdischen Anknüpfung, die das gegenwärtige Gespräch an jenes bedeutsame Abschiedsgespräch besitzt. Damals hatte Jesus zu seiner Mutter gesagt: Die Menschen haben keine Verbindung mehr mit dem Göttlichen. Jetzt sagt die Mutter zu Jesus: Die Menschen haben keinen Wein mehr. In dem zweiten schwingt das erste mit. Der konkrete Mangel, auf den Maria hinweist, wird transparent für die große Menschheitsnot. Indem Maria Jesus ein Helfen im Augenblick nahelegt, gibt sie zu erkennen, daß sie weiß: jetzt ist er zu der großen Hilfe und Erlösung fähig. Der aktive Teil, den Jesus daran nimmt, für den gegenwärtigen Mangel Abhilfe zu schaffen, besteht nur darin, daß er die Diener anweist, in den Krügen Wasser zu schöpfen. Dadurch daß sich ein reales kosmisches Symbolisieren in das Sprechen und Tun des Augenblickes webt, kommt aber ein ätherischer Vorgang zustande, in den hinein sich das Wandlungsgeheimnis an den Seelen der Mutter und des Sohnes fortsetzt.
S.73ff
5 Seite 75: Siehe »Kindheit und Jugend Jesu«
aus «Die drei Jahre»