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Zitatensammlung
Teil 2
Zitat von Walther BÜHLER zu
REGENBOGEN und MENSCH
Wenn man den Lichtstrahl der Sonne, der das Haupt des Regenbogenbetrachters von rückwärts trifft, verlängert, also dem Schattenwurf des eigenen Hauptes folgt, trifft der Blick in den unsichtbaren Mittelpunkt des Regenbogenkreises. Dieses Zentrum liegt - im Gegenpunkt der Sonne - meist unter dem Horizont. Der Beobachter befindet sich also stets in der Linie, die Sonne und Mittelpunkt des Bogens verbindet (Regenbogenachse). Die Art wie der Regenbogen in Erscheinung tritt, ist also nicht nur abhängig von der Beziehung, welche Sonne und Regenstrom eingehen, sondern auch von einer bestimmten Mittlerstellung des Menschen selbst zwischen Kosmos und Erde.
Wenn der Regenbogen lange genug steht, wandert er in horizontaler Richtung und steigt und sinkt mit der Bewegung der Sonne; eine zweite Bewegung aber entsteht, wenn der Mensch sich in Bewegung setzt! Geht der Beobachter etwa nach links um 50 m weiter, so wandert der Auftreffpunkt des Bogens an einem bestimmten Baume - und damit der ganze Bogen - mit nach links. Ein zweiter Beobachter, der an des ersten Stelle tritt, sieht jedoch den Regenbogen nach wie vor am Baume niedergehen in seiner alten Stellung. Mit andern Worten: Der Regenbogen wandert mit dem Menschen und offenbart auch hier jene rätselvolle Eigenschaft, die Goethe so treffend «des bunten Bogens Wechseldauer» genannt hat. Jeder Mensch sieht einen andern, nur ihm zukommenden Farbenkreis! Ein Wesen, das die Fähigkeit besitzen würde, gleichzeitig in die Augenpaare der tausend Menschen einer Stadt hineinzuschlüpfen, die einen Regenbogen beobachten, würde tausend Regenbögen auf einmal wahrnehmen. Ihm käme blitzartig zum Bewusstsein, dass dort, wo der imponderable Lichtstrom der Sonne und der der Schwere folgende Tropfenstrom des Regens sich kreuzen, ein flutendes Meer siebenfachen Farbenwebens sich bildet, auf das wir bereits hingewiesen haben.
Daraus ergibt sich, dass der Regenbogen einen andern Wirklichkeitscharakter besitzt als die sonstigen irdischen Dinge, die wir im Raume erblicken. Ähnlich wie das blaue Himmelsgewölbe ist er kein dreidimensionaler Gegenstand wie eine Rose, die mehrere Beobachter gleichzeitig ins Auge fassen können, sondern eine Er-Scheinung im eigentlichen Sinne dieses Wortes. Er gleicht in dieser Beziehung eher dem subjektiven Erinnerungsbilde, das jeder Rosenbeobachter nachträglich in sich erzeugen kann. Er hat Bildcharakter. Aber dieses Bild gewinnt wiederum den Anschein der Objektivität, da es nicht in der Seele selbst entsteht, wie die Erinnerung, sondern sich im realen Geschehen der Elemente und ihrer Begegnung mit dem Menschenauge entwickelt und offenbart.
[...]
Es ist der gleiche Lichtstrom, der bei der Entstehung eines Regenbogens während der Begegnung mit Millionen Regentropfen von diesen teilweise eingefangen, gebrochen und tausendfältig zurückgeworfen wird und sich dadurch in ein vielfältiges Farbenfluten verwandelt. Die Regenwand wirkt dabei [...] als vielgliedriger, komplizierter, jedoch aufgelockerter, luftdurchwobener Spiegel.
Wie wir gesehen haben, gliedert jeder Mensch durch die Art, wie er sich zwischen Himmel und Erde hineinstellt und durch die Tätigkeit seiner Wahrnehmungsorganisation aus diesem universellen Farbenmeer eine ihm zukommende individuelle Gestalt - den Regenbogen - heraus. Dies ist nur möglich, weil dieses Farbenmeer kein wogendes Chaos, sondern ein wohlgeordnetes Gewebe sich gesetzmässig durchdringender Farbenfluten ist, [...]. Der Regenbogen ist demnach eine vom Menschen geschaffene Form, in der er den objektiven Farbengehalt einer Lichtsphäre zur Erscheinung und sich zu Bewusstsein bringt. Diese subjektive Form des Bogens aber wird ihrerseits durch den Menschen zu einer objektiven Tatsache, um die er den Kosmos bereichert.
[...]
Wenn der Blitz zu dem Menschen in engere Beziehung tritt, wirkt er vernichtend. Das Nordlicht schadet uns zwar nie, spielt sich aber auch ganz unbekümmert um uns in unerreichbaren Höhen ab. Die ausgleichende Wesenheit der Regenbogenfarbigkeit jedoch ist so beschaffen, dass sie den Menschen aktiv in ihre vermittelnde Funktion zwischen Sonne und den Elementen einbezieht, wenn er überhaupt eine Beziehung zu ihr eingehen will. Tut er das, so verbindet sie sich mit uns als Regenbogen und bedrängt uns trotzdem keineswegs. Der Farbenkreis begleitet uns dann Schritt für Schritt und tritt uns dennoch nie zu nahe. Er lässt uns frei.
Es wird so ersichtlich, warum die stille Majestät seiner hamonischen Bildgestalt, die die siebenfache Farbenpracht in ausgewogenen Rhythmen offenbart, einen solche eigentümlichen, wohltuenden Reiz auf das Gemüt ausübt. Ein Mensch, der ihm gegenüber sein Herz nicht öffnen kann, ist in Gefahr, seelisch zu erkranken; seine Stellung als Mensch zum Kosmos dürfte von Grund auf in ihrem Gleichgewicht gefährdet sein.
aus «Nordlicht, Blitz und Regenbogen»; S.36ff