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Vortragssammlung
Teil 1
oser la rose
Vortrag von Rudolf STEINER
DIE MISSION DES CHRISTIAN ROSENKREUTZ,
DEREN CHARAKTER UND AUFGABE
DIE MISSION DES GAUTAMA BUDDHA AUF DEM MARS
gehalten in Neuchâtel, am 18.Dez.1912/ME
1] Unsere Freunde hier haben gewünscht, daß heute eine Betrachtung von mir angeknüpft werde an dasjenige, was wir im vorigen Jahre hier besprochen haben. Wir haben dazumal hervorgehoben, daß die Initiation des Christian Rosenkreutz auf eine ganz besondere Art im dreizehnten Jahrhundert erfolgt ist und daß seither die Individualität des Christian Rosenkreutz immerfort gewirkt hat und immerfort wirkt durch die Jahrhunderte hindurch. Wir wollen heute wiederum etwas von dem Charakter und der Wesenheit von Christian Rosenkreutz kennen lernen, indem wir die große Aufgabe ins Auge fassen, die er hatte in der ersten Morgenröte unserer dem Intellektualismus zugewendeten Zeit, um für die Zukunft der Menschheit zu sorgen.
2] Derjenige, der wie Christian Rosenkreutz als ein führender Okkultist vor die Welt hintritt, hat zu rechnen mit der Eigentümlichkeit seines Zeitalters. Das Geistesleben, in dem wir jetzt stehen, hat in seinem eigentlichen Charakter doch den Anfang genommen, als die neuere Naturwissenschaft heraufkam mit Kopernikus, Giordano Bruno, Galilei und anderen. Die Menschen der Gegenwart lernen das Weltsystem des Kopernikus schon in der frühen Schulzeit kennen und nehmen die dadurch gewonnenen Eindrücke für das ganze Leben mit. In früheren Zeiten empfand die Seele etwas anderes: fühlen Sie, welch großer Unterschied besteht zwischen einem Menschen der Gegenwart und einem, der da lebte vor Jahrhunderten. Vor dem Zeitalter des Kopernikus glaubte jede Seele der Erdenmenschen, die Erde ruhe im Weltenraum und die Sonne und die Sterne drehten sich um sie. Der Boden schwand den Menschen unter den Füßen weg, als Kopernikus die Lehre aufstellte, daß die Erde mit riesiger Schnelligkeit unter ihnen sich im Weltall bewegt. Wir dürfen eine solche Revolution des Denkens nicht unterschätzen, die eine entsprechende Umwandlung des Fühlens mit sich brachte. Alle Ideen und Vorstellungen der Menschen wurden anders als sie vor Kopernikus waren. Wir wollen uns nun die Frage stellen: Was hat der Okkultismus zu dieser Revolution des Denkens zu sagen?
3] Derjenige, der als Okkultist die Frage aufwirft, wie man mit den modernen Ideen des Kopernikus die Welt begreifen kann, der muß sich sagen: Man kann mit den Ideen des Kopernikus vieles schaffen, was naturwissenschaftlich zu großen Triumphen im äußeren Leben führt, aber nichts begreifen von dem geistigen Untergrund der Welt und der Dinge, denn die kopernikanischen Ideen sind das schlechteste Instrument, das jemals in der Menschheitsentwickelung da war, um die geistigen Untergründe zu begreifen. Dies rührt davon her, daß alle diese Begriffe und Ideen des Kopernikus von Luzifer inspiriert sind. Denn der Kopernikanismus ist eine der letzten Attacken, der letzten großen Angriffe, die Luzifer auf die menschliche Entwickelung gemacht hat. In der älteren, vorkopernikanischen Weltanschauung hatte man außen die Maja; aber man hatte vielfach in dem, was man verstand, was überliefertes Weisheitsgut war, die Wahrheit der Dinge und der Welt. Seit Kopernikus aber hat der Mensch nicht nur in der sinnlichen Anschauung um sich die Maja, sondern die Begriffe und Ideen sind selbst Maja. Heute ist es dem Menschen wie selbstverständlich, daß die Sonne in der Mitte feststeht und die Planeten sich da in Ellipsen herumdrehen. Nicht lange wird es in die Zukunft hinein dauern, und man wird einsehen, daß die Anschauung des Kopernikus von der Sternenwelt viel unrichtiger ist als die vorhergehende des Ptolemäus. Die kopernikanisch-keplersche Weltanschauung ist eine sehr bequeme Weltanschauung. Um aber dasjenige zu erklären, was der Makrokosmos ist, ist sie nicht die Wahrheit.
4] Christian Rosenkreutz stand so vor der Tatsache einer Weltanschauung, die selber eine Maja ist, und er hatte Stellung dazu zu nehmen. Christian Rosenkreutz mußte den Okkultismus retten zu einer Zeit, in der alle wissenschaftlichen Begriffe selbst eine Maja waren. In der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts erschien das grundlegende Werk des Kopernikus°¹ über die «Umdrehung der Weltkörper». Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts war an die Rosenkreuzer die Notwendigkeit herangetreten, aus dem Okkultismus heraus das Welt-System zu begreifen, da das kopernikanische Weltensystem mit seinen materiell gedachten Kugeln im Räume schon im Begriff Maja war. Gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts fand daher eine jener Konferenzen statt, wie wir sie hier vor einem Jahre kennen gelernt haben, als nämlich im dreizehnten Jahrhundert Christian Rosenkreutz selbst eingeweiht wurde. Diese okkulte Konferenz der führenden Individualitäten vereinigte Christian Rosenkreutz mit jenen zwölf Individualitäten von damals und noch einigen anderen bedeutsamen Individualitäten der Menschheitsführung. Es waren dabei anwesend nicht nur Persönlichkeiten, die auf dem physischen Plan inkarniert waren, sondern auch solche, die sich in den geistigen Welten befanden. Anwesend war bei jener Konferenz auch dieselbe Individualität, die im sechsten Jahrhundert vor Christus verkörpert war als der Gautama Buddha.
5] Die orientalischen Okkultisten glauben mit Recht - denn sie wissen es als eine Wahrheit -, daß Buddha, der im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens als Gautama Buddha von einem Bodhisattva zu einem Buddha wurde, zum letzten Male damals im physischen Körper inkarniert war. Es ist durchaus richtig, daß die Individualität, die von einem Bodhisattva zu einem Buddha wird, danach nicht mehr in einer physischen Inkarnation auf Erden erscheint. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit «nicht mehr tätig sein» für die Erde. Der Buddha ist tätig für die Erde auch für die folgende Zeit, wenn er auch nicht mehr im physischen Leibe auf Erden erscheint, sondern von der geistigen Welt aus seine Tätigkeit ausübt. Das Hineinwirken des Buddha mit seinen Kräften aus der geistigen Welt in den Astralleib des Jesus vom Lukas-Evangelium vernehmen wir in dem Gloria-Gesang, der auch den Hirten auf dem Felde hörbar wurde. Diese Worte rühren her von dem Buddha, der wirksam im Astralleibe des Jesusknaben des Lukas-Evangeliums war. Diese schöne, herrliche Botschaft des Friedens und der Liebe ist tatsächlich ein Ergebnis dessen, was Buddha beigesteuert hat zu dem Christentum. Aber auch später wirkt der Buddha - nicht physisch, aber aus der geistigen Welt - in die Taten der Menschen hinein und er arbeitete mit an dem, was zu geschehen hatte für den Fortschritt der Menschheitsentwickelung.
6] Im siebenten und achten Jahrhundert zum Beispiel war in der Nähe des Schwarzen Meeres eine sehr bedeutende Einweihungsschule, in der Buddha im Geistleibe lehrte. In solchen Schulen gibt es Lehrer, die im physischen Leibe lehren; aber für die vorgerückteren Schüler ist es auch möglich, Unterweisungen von einem Lehrer zu bekommen, der nur im ätherischen Leibe lehrt. Und so lehrte dort der Buddha für diejenigen, welche die höheren Erkenntnisse aufzunehmen vermochten. Unter den Schülern des Buddha war damals einer, der dann wenige Jahrhunderte darnach wieder inkarniert wurde. Wir haben es also zu tun mit einer physisch lebenden Persönlichkeit, die Jahrhunderte später wieder im physischen Leibe lebt, in Italien, und die wir als den heiligen Franziskus von Assisi kennen. Die eigentümliche Art des Franz von Assisi, die ja so viel Ähnlichkeit hat, auch in dem Leben seiner Mönche, mit den Schülern des Buddha, ergibt sich aus dem Umstand, daß Franz von Assisi selbst ein Schüler des Buddha war.
7] Man braucht nur ein wenig den Blick hinzuwenden auf die Eigentümlichkeiten solcher nach dem Geistigen strebenden Menschen wie Franz von Assisi, und solcher, die durch die jetzige Kultur in der Industrie, der Technik und den neueren Entdeckungen der Gegenwart stehen. Es gab viele, auch okkulte Persönlichkeiten, die in der Seele viel Leid erlebten, als sie denken mußten, daß es in der Zukunft zwei Arten von Menschen würde geben müssen. Und zwar glaubten sie, die eine Klasse werde ganz dem praktischen Leben zugewandt sein, sie werde in der Erzeugung von Nahrungsmitteln, im Bauen von Maschinen und so weiter ihr Heil sehen, sie werde ganz aufgehen im praktischen Leben. Und die andere Klasse werde diejenige sein, welcher Menschen wie Franz von Assisi angehören, die sich wegen des geistigen Lebens ganz abwenden vom praktischen Leben.
8] Es war daher ein bedeutungsvoller Augenblick, als zur Vorbereitung jener erwähnten Konferenz Christian Rosenkreutz im sechzehnten Jahrhundert eine Anzahl von Okkultisten, einen größeren Kreis von Menschen zusammenberief, denen er die zwei Arten von Menschen vor Augen stellte, die es in der Zukunft geben müßte. Zuerst berief er einen größeren Kreis, später einen kleineren, um den Menschen dieses Bedeutsame zu sagen. Christian Rosenkreutz hielt diese Vorversammlung eine Anzahl von Jahren vorher, nicht weil es ihm unklar war, was zu geschehen hatte, sondern weil er die Menschen zum Nachdenken bringen wollte über die Perspektive der Zukunft. Er sagte ungefähr folgendes zur Anregung des Denkens: Man sehe hin auf die Zukunft der Welt. Die Welt drängt nach Praxis, nach Industrie, nach Eisenbahnen und so weiter. Die Menschen werden sein wie Lasttiere. Und diejenigen, die das nicht wollen, werden sein wie Franz von Assisi, unpraktisch für das Leben, sie werden nur der inneren Entwickelung leben. - Christian Rosenkreutz machte damals seinen Zuhörern klar, daß es auf Erden kein Mittel gebe, um die Bildung dieser zwei Menschenklassen zu verhindern. Alles was man für die Menschen tun könne zwischen Geburt und Tod, könne nicht verhindern, daß die Menschen in diese zwei Klassen geteilt würden. Soweit die Verhältnisse auf der Erde in Betracht kommen, ist es unmöglich, Abhilfe zu schaffen für die zwei Klassen von Menschen. Hilfe könne nur kommen, wenn eine Art von Erziehung geschaffen würde, die sich nicht abspiele zwischen Geburt und Tod, sondern zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
9] Bedenken wir also, daß die Rosenkreuzer vor die Aufgabe gestellt waren, zu wirken aus der übersinnlichen Welt in die einzelnen Menschen hinein. Um zu verstehen, was zu geschehen hatte, müssen wir das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt von einer gewissen Seite her betrachten.
10] Auf der Erde leben wir zwischen Geburt und Tod. Zwischen Tod und neuer Geburt steht der Mensch in einer gewissen Verbindung mit den anderen Planeten. Sie finden in meiner «Theosophie» beschrieben das Kamaloka. Dieser Aufenthalt des Menschen in der Seelenwelt ist eine Zeit, während welcher der Mensch ein Mondbewohner wird. Dann wird er ein Merkurbewohner, dann ein Venusbewohner, dann ein Sonnen-, Mars-, Jupiter-, Saturnbewohner und dann ein Bewohner des weiteren Himmels- oder Weltenraumes. Man redet nicht unrichtig, wenn man sagt, daß zwischen zwei Inkarnationen auf der Erde Verkörperungen auf anderen Planeten liegen, geistige Verleiblichungen. Der Mensch ist heute noch nicht so weit in seiner Entwickelung, daß er sich in seiner Inkarnation erinnern kann an das, was er erlebt hat zwischen Tod und neuer Geburt, aber in der Zukunft wird das möglich sein. Wenn er auch jetzt sich nicht erinnern kann an das, was er zum Beispiel auf dem Mars erlebt hat, so hat er aber doch die Kräfte des Mars in sich, wenn er auch nichts davon weiß. Man kann durchaus sagen: Jetzt bin ich ein Erdenbewohner, aber die Kräfte in mir schließen in sich etwas, was ich mir auf dem Mars angeeignet habe. - Betrachten wir einmal einen Menschen, der auf der Erde lebte, nachdem sich die kopernikanische Weltanschauung ausgebreitet hatte. Woher haben Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno und andere die Fähigkeiten in dieser Inkarnation? Bedenken Sie, daß die Individualität des Kopernikus kurz vorher, 1401-1464, in Nikolaus Cusanus, der ein tiefer Mystiker war, verkörpert war.°² Bedenken Sie seine «Docta ignorantia», wie ganz anders ist da die Seelenverfassung. Wie sind die Kräfte in diese Individualität hineingekommen, die den Kopernikus so ganz anders gemacht haben als den Nikolaus Cusanus? Aus den Kräften des Mars ist das eingeflossen, was ihn dann zu dem Astronomen Kopernikus gemacht hat. So ist es auch bei Galilei, auch er hat Kräfte vom Mars aufgenommen, die ihm die besondere Konfiguration des modernen Naturdenkers verliehen haben. Auch Giordano Bruno hat seine Kräfte vom Mars mitgebracht, und so ist es mit der ganzen Menschheit. Daß die Menschen denken wie Kopernikus oder Giordano Bruno, bekommen sie aus den Kräften des Mars, die sie sich zwischen Tod und neuer Geburt aneignen.
11] Aber daß man solche Kräfte bekommt, die von Triumph zu Triumph führen, rührt davon her, daß der Mars damals anders wirkte als vorher. Früher waren es andere Kräfte, die vom Mars ausgingen. Die Marskultur, die die Menschen durchleben zwischen Tod und neuer Geburt, hat eine große Krise durchgemacht im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert der Erde. So einschneidend, so katastrophal war es im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert auf dem Mars, wie es auf der Erde war zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Wie zur Zeit des Mysteriums von Golgatha das eigentliche Ich des Menschen geboren wurde, so wurde auf dem Mars geboren diejenige Geistesrichtung, die, wenn sie sich dem Menschen einpflanzte, sich zeigt im Kopernikanismus. Nachdem diese Zustände auf dem Mars herrschten, wäre es die ganz natürliche Folge gewesen, daß der Mars immer Menschen auf die Erde geschickt hätte, die nur Ideen wie Kopernikus mitgebracht hätten, die doch eigentlich Maja sind. Wir blicken also auf eine Dekadenz, auf einen Niedergang der Marskultur. Vorher waren es gute Kräfte gewesen, die vom Mars ausgeströmt waren. Jetzt aber strömten von dort immer mehr Kräfte aus, die den Menschen immer tiefer in die Maja hineingeführt hätten. Geistreich zwar waren die Errungenschaften, die vom Mars stammten in jener Zeit, aber doch eben Maja.
12] Sie sehen also, daß man im fünfzehnten Jahrhundert hat sagen können: Das Heil des Mars und damit der Erde hängt davon ab, daß auf dem Mars die niedergehende Kultur wieder einen Impuls nach aufwärts erhält. So etwa war es auf dem Mars, wie auf der Erde bis zum Mysterium von Golgatha, wo die Menschheit von spirituellen Höhen in die Tiefe des Materiellen versunken war und der Christus-Impuls dann einen Aufstieg für sie bedeutete. Auf dem Mars war im fünfzehnten Jahrhundert die Notwendigkeit eingetreten, der Marskultur einen Impuls nach aufwärts zu geben. Das war die große Frage, die vor Christian Rosenkreutz und seinen Schülern stand, wie der Marskultur dieser Impuls zum Aufstieg zu geben sei, denn von der Marskultur hing auch das Heil der Erde ab. Die große Aufgabe stand vor dem Rosenkreuzertum, die Frage zu beantworten: Was hat zu geschehen, daß zum Heile der Erde die Marskultur zu einem Aufstieg gelangt? Die Marswesen hätten gar nicht wissen können, was zu ihrem Heile dienen kann, denn nur auf der Erde konnte man wissen, wie es um den Mars stand. Auf dem Mars empfand man den Niedergang gar nicht. Einer praktischen Antwort wegen trat daher jene Konferenz am Ende des sechzehnten Jahrhunderts zusammen, von der gesprochen wurde. Wohlvorbereitet war diese Konferenz von Christian Rosenkreutz dadurch, daß der intimste Schüler und Freund des Christian Rosenkreutz der im Geistleib lebende Gautama Buddha war. Und bei dieser Konferenz ist verkündet worden, daß die Wesenheit, die einst auf Erden inkarniert war als Gautama Buddha, jetzt, als geistige Wesenheit, wie er war, seitdem er «Buddha» geworden, den Schauplatz seiner Tätigkeit auf den Mars verlegen werde. Gleichsam abgeschickt wurde von der Erde auf den Mars die Individualität des Gautama Buddha durch Christian Rosenkreutz. Gautama Buddha verläßt den Schauplatz seiner Tätigkeit und geht nach dem Mars und im Jahre 1604 vollbrachte die Individualität des Gautama Buddha eine ähnliche Tat für den Mars, wie das Mysterium von Golgatha für die Erde war.
13] Christian Rosenkreutz hatte erkannt, was es für das ganze Weltall bedeuten würde, wenn Buddha dort wirkte, und was des Buddha Lehre vom Nirwana, die Lehre, daß sich der Mensch von der Erde loslösen solle, dort auf dem Mars zu bedeuten hätte. Um die auf das Praktische gerichtete Erdenkultur zu fördern, war die Lehre vom Nirwana ungeeignet. Das zeigte sich am Schüler des Buddha, Franz von Assisi, daß diese Lehre ihre Adepten zu weltfremden Menschen macht. Was aber im Buddhismus nicht geeignet war, um das praktische Leben des Menschen zu fördern zwischen Geburt und Tod, das war von hoher Bedeutung für die Förderung seiner Seele zwischen Tod und neuer Geburt. Das sah Christian Rosenkreutz ein, daß für dasjenige, was auf dem Mars als Läuterung zu geschehen hatte, die Lehre des Buddha das Geeignetste sei. Wie einstmals das göttliche Liebewesen, Christus, auf der Erde weilte in einer Zeit und unter einem Volk, das diesem Liebewesen nicht gerade nahestand, so stieg der Friedensfürst Buddha im siebzehnten Jahrhundert auf den Mars hinauf, wo Krieg und Kampf herrschten, um dort seine Mission zu erfüllen. Dort waren die Seelen vor allem kriegerisch gestimmt. Eine große Opfertat vollzog der Buddha, gleich jener des Trägers des göttlichen Liebewesens im Mysterium von Golgatha. Eine kosmische Opfertat war es, Buddha zu sein auf dem Mars. Dort war er gleichsam das Opferlamm, und man kann es als eine Art von Kreuzigung für den Buddha bezeichnen, daß er sich hineinversetzen ließ in diese kriegerische Umgebung. Buddha hat diese Tat auf dem Mars vollbracht im Dienste des Christian Rosenkreutz. So wirken zusammen im Weltenall die großen führenden Wesenheiten, nicht nur auf der Erde, sondern von einem Planeten zum andern hin.
14] Seit jener Zeit, in der das Mysterium des Mars sich vollzogen hat durch Gautama Buddha, nimmt der Mensch vom Mars andere Kräfte auf in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt als früher, zur Zeit des Niederganges der Marskultur. Und nicht nur bringt der Mensch sich ganz andere Kräfte mit vom Mars herein in die neue Geburt, sondern durch den Einfluß, den die geistige Tat des Buddha ausübt, strömen dem Menschen vom Mars auch Kräfte zu, wenn er hier der Meditation obliegt, um in die geistige Welt zu kommen. Wenn der moderne Geistesschüler meditiert in dem von Christian Rosenkreutz angegebenen Sinne, so strömen auch Kräfte herein, die der Buddha als Marserlöser in die Erde hereinschickt.
15] So erscheint uns Christian Rosenkreutz als der große Diener des Christus Jesus. Aber dem Werke, das Christian Rosenkreutz im Dienste des Christus Jesus zu verrichten hatte, mußte zugleich zu Hilfe kommen dasjenige, was der Buddha als der Sendbote des Christian Rosenkreutz zum Werke des Christus Jesus beizutragen hatte. So ist die Seele des Gautama Buddha zwar nicht weiter mehr auf der physischen Erde, aber diese Seele ist ganz zum Helfer geworden des Christus-Impulses. Was ertönte als Friedenswort auf den im Lukas-Evangelium beschriebenen Jesusknaben herab? «Gloria in der Höhe und Friede auf Erden!» Das tönte aus Buddhas Wesen herab, und es tönt dies - geheimnisvoll von Buddha ausgehend - aus dem Planeten des Krieges in die Menschenseelen auf Erden hinein.
16] Dadurch aber, daß dies alles geschehen ist, war es möglich, daß die Teilung der Menschen in zwei Klassen vermieden wurde, die Teilung in Menschen wie Franz von Assisi, und in solche, die nur im Materialismus aufgehen. Wäre Buddha mit der Erde unmittelbar in Verbindung geblieben, so hätte er um die «praktischen» Menschen sich nicht kümmern können, und die andern hätte er zu Mönchen wie Franz von Assisi gemacht. Durch die Erlösertat des Gautama Buddha auf dem Mars ist es möglich geworden, wenn wir einmal in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt durchmachen unsere Entwickelung auf dem Mars, Anhänger des Franz von Assisi zu sein, ohne daß wir der Erde dadurch etwas zu entziehen brauchen. Grotesk klingt es vielleicht, aber richtig ist es, daß jeder Mensch seit dem siebzehnten Jahrhundert innerhalb des Marszustandes Buddhist, Franziskaner, unmittelbarer Folger des Franz von Assisi ist für eine Zeitlang. Franz von Assisi ist seitdem nur einmal als Kind kurz auf der Erde erschienen und in der Kindheit gestorben und war seither nicht mehr verkörpert. Er ist seitdem verbunden mit der Tätigkeit des Buddha und einer der hervorragendsten Folger des Buddha auf dem Mars.
17] So haben wir uns vor die Seele gestellt alles, was geschehen ist durch jene bedeutsame Konferenz am Ende des sechzehnten Jahrhunderts und was ähnlich ist dem, was im dreizehnten Jahrhundert auf Erden geschah, als Christian Rosenkreutz seine Getreuen um sich vereinigt hatte. Nichts Geringeres ist geschehen, als daß die Möglichkeit gegeben wurde, dem drohenden Auseinanderfallen der Menschheit in zwei Klassen vorzubeugen, so daß die Menschheit vereinigt bleiben konnte. Und jene Menschen, die eine esoterische Entwickelung durchmachen wollen trotz ihres Aufgehens im praktischen Leben, können ihr Ziel dadurch erreichen, daß der Buddha von dem Mars aus wirkt und nicht von der Erde aus. So daß auch die Kräfte zu einem gesunden esoterischen Leben von der Wirksamkeit des Buddha herrühren.
18] Wenn der Mensch heute Meditant wird - was das heißt, habe ich schon behandelt in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» -, so ist es gerade das Wesentliche, daß bei der Rosenkreuzerschulung die Entwickelung so ist, daß der Mensch nicht herausgerissen wird aus der Tätigkeit, die sein Karma auf Erden von ihm verlangt. Rosenkreuzerische esoterische Entwickelung ist vereinbar mit jeder Art von Lebenslage und Beschäftigung. Dadurch, daß Christian Rosenkreutz es verstanden hat, die Tätigkeit des Buddha von der Erde auf den Mars zu verlegen, ist es möglich, daß Buddha auch außerhalb der Erde auf die Menschen richtig einwirken kann.
19] So haben wir wieder eine der spirituellen Taten des Christian Rosenkreutz kennen gelernt und wir müssen uns schon auf den esoterischen Inhalt einlassen, wenn wir seine Taten vom dreizehnten Jahrhundert und die vom sechzehnten Jahrhundert verstehen wollen. Es wäre gut, wenn allgemein begriffen würde, wie unsere abendländische Theosophie konsequent verfuhr seit der Begründung der mitteleuropäischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft.°³ Wir haben hier in der Schweiz Vortragszyklen gehabt über die vier Evangelien.°⁴ Alle die Evangelien-Zyklen sind im Keime enthalten in meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache»°⁵, die vor zwölf Jahren geschrieben worden ist. In dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ist der Weg der abendländischen Entwickelung in der Weise geschildert, wie er bei jeder Art von praktischer Betätigung erlebt werden kann. Heute habe ich Ihnen den Grund dieser Tatsache angegeben in der Mission des Gautama Buddha, die ihm durch Christian Rosenkreutz übertragen wurde, indem ich Ihnen von der Bedeutung gesprochen habe, die seine Entsendung auf den Mars für unser Sonnensystem erhalten hat. So fügt sich und muß sich fügen Baustein auf Baustein in unserer abendländischen Theosophie, die konsequent und folgerichtig aufgebaut worden ist, und bei der alles Spätere auch im Einklang mit dem Früheren sein wird. Innere Folgerichtigkeit ist eine der Eigenschaften, die eine Weltanschauung haben muß, wenn sie auf Wahrhaftigkeit aufgebaut sein soll. Und derjenige, der Christian Rosenkreutz nahestehen darf, blickt voll bewundernder Ehrfurcht darauf hin, wie folgerichtig Christian Rosenkreutz selber die große, ihm auferlegte Mission erfüllt hat, die für unsere Zeit als die rosenkreuzerisch-christliche ihm zugewiesen worden ist. Daß der große Lehrer des Nirwana eine Mission außerhalb der Erde auf dem Mars erfüllt, das ist eine der ungeheuren Folgerichtigkeiten, ist eine der Taten des Christian Rosenkreutz.
20] An diese Betrachtungen sei noch eine kurze praktische angeschlossen. Wer Schüler des Christian Rosenkreutz werden will, beachte folgendes: Wir haben im vorigen Jahr davon gesprochen, wie man unwillkürlich eine Erkenntnis davon bekommen kann, daß man in einer gewissen Beziehung zu Christian Rosenkreutz stehen kann. Man kann aber auch etwas wie eine Frage an das Schicksal stellen: Kann ich die Eignung erlangen, ein Schüler des Christian Rosenkreutz zu werden? - Es kann auf folgende Weise geschehen: Man versuche, sich das Bild des großen Lehrers der Neuzeit, Christian Rosenkreutz inmitten seiner Zwölf, vor die Seele zu stellen, hinaussendend in den Weltenraum den Gautama Buddha im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts, in der Konsequenz erfüllend dasjenige, was ungefähr geschehen ist im sechsten Jahrhundert vor Christus durch die Predigt von Benares°⁶.
21] Wenn dieses Bild vor der Seele steht mit seiner ganzen Bedeutung, wenn man fühlt, wie von dem Bilde, das einen erschütternden Eindruck macht, etwas ausgeht, so daß sich aus der Seele die Worte herausringen: O Mensch, du bist nicht bloß ein irdisches, du bist ein kosmisches Wesen! -, dann darf man getrost glauben: Ich kann ein dem Christian Rosenkreutz nachstrebender Schüler werden. - Ein wichtiger Meditationsstoff ist dieses Bild, welches das Verhältnis des Christian Rosenkreutz zu Gautama Buddha schildert.
22] Und das wollte ich als ein aus dieser Betrachtung resultierendes Streben in Ihren Seelen erwecken. Denn das sollen wir uns immer vorhalten: Wir sollen Interesse haben für die Betrachtung der Welt, dann aber daraus die Mittel gewinnen, durch die wir selbst unsere Entwickelung in die höheren Welten hinein vollziehen können.
°¹ grundlegende Werk des Kopernikus: «De Revolutionibus Orbium Coelestium Libri VI», Nürnberg 1543.
°² daß die Individualität des Kopernikus kurz vorher in Nikolaus Cusanus verkörpert war: Der Zusammenhang dieser beiden Individualitäten wurde genauer dargestellt in den Vorträgen vom Jahre 1909 «Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen. Ein Aspekt der geistigen Führung der Menschheit», GA 109.
°³ seit der Begründung der mitteleuropäischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft: Siehe Rudolf Steiner «Die Geschichte und Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft» (8 Vorträge, Dornach Juni 1923), GA 258.
°⁴ in der Schweiz Vortragszyklen über die vier Evangelien: «Das Johannes-Evangelium» (8 Vorträge, Basel November 1907) in «Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis», GA 100. «Das Lukas-Evangelium» (10 Vorträge, Basel September 1909), GA 114. «Das Matthäus-Evangelium» (12 Vorträge, Bern September 1910), GA 123. «Das Markus-Evangelium» (10 Vorträge, Basel September 1912), GA 139.
°⁵ «Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums»: (1902), GA 8.
°⁶ die Predigt von Benares: Die erste Predigt des Buddha nach seiner Erleuchtung: «Über den achtgliedrigen Pfad, die Ursache des Leidens und die Aufhebung des Leidens.»
aus «GA 130»; S.314ff