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Vortragssammlung
Teil 1
Vortrag von Rudolf STEINER
WO UND WIE FINDET MAN DEN GEIST?
gehalten in Berlin, am 15.Okt.1908/JU
1] Wir haben hier mehrere Jahre hindurch über Tatsachen des geistigen Lebens gesprochen. Heute beginnt eine neue Serie von Vorträgen. Wer ein Programm in die Hand genommen hat, wird schon wissen, daß sich die Gegenstände der diesjährigen geisteswissenschaftlichen Vorträge in einem weiten Umkreis bewegen. Auf einer Seite finden Sie Vorträge, die tief eingreifen in unser Geistesleben; es soll aber auch gezeigt werden, wie gerade die Geisteswissenschaft berufen ist, tief in die Gegenstände des weiteren praktischen Lebens einzugreifen. Heute aber, das sei in der Einleitung ausdrücklich betont, soll der Gesichtspunkt fixiert werden; heute wollen wir uns besonders über den Geist als solchen orientieren. Der heutige Vortrag soll also ein einleitender, programmatischer, orientierender sein.
2] Wenn das Wort «Geist» ausgesprochen wird, so ist damit hingewiesen auf etwas, das, solange es ein menschliches Sehnen und menschliches Hoffen gibt, das Ziel aller Menschen ist, sowohl des primitiven Menschen als auch des höchstentwickelten Menschen. Dennoch kann man nicht sagen, daß gerade das, was das Wort Geist bedeutet, in unseren Tagen auf ein tieferes Verständnis stößt. Die Wissenschaft vom Geist erscheint heute sowohl als das Begehrteste wie als das Verwirrendste, denn der Mensch kann der geistigen Forschung nicht kühl und objektiv gegenüberstehen. Was wird durch diese Frage nicht alles aufgerührt in unserer Seele, die tiefsten Affekte, die intensivsten Leidenschaften! Nicht von vornherein sind den Menschen die Antworten auf diese Fragen gleichgültig. Wenn der Mensch nur etwas tiefer in seine Seele hineinsieht, so wird er merken, daß er eine, wenn auch unausgesprochene Ansicht darüber hat, wie nach seiner Meinung die Antwort ausfallen sollte. Alle hierher gehörenden Fragen berühren den Menschen so, daß man sagen kann: die eine Antwort kann den Menschen so, die andere so beleidigen. Der eine fühlt sich gerade durch eine nüchterne Betrachtung verletzt, während der andere die Freiheit der Forschung, der Wissenschaft angefeindet glaubt, wenn man nur etwas über die exakte Forschung hinausgeht.
3] Die Eigenart der menschlichen Entwickelung hat es besonders seit dem Aufschwung der Naturwissenschaften mit sich gebracht, daß heute über die Auffassung des Geistes die denkbar höchste Verwirrung herrscht, und besonders in den Kreisen, die gerade so etwas pflegen sollten wie die Wissenschaft des Geistes. Will man über den Geist etwas erkennen, so ist eine solche Summe feiner und intimer Begriffe notwendig, daß hier eine Begriffsverwirrung höchst bedeutsam ist und zum Schaden gereicht. Der heutige Mensch tut recht, wenn er sich zuerst an die Grundlegung der Wissenschaft wendet, auch wenn er über den Geist etwas wissen will. Dann muß er sich zunächst an die Psychologie wenden. Sie sollte sein «die Wissenschaft von der Seele». Gerade demjenigen, der sich vorurteilsfrei heranmacht an das, was man die Lehre vom Geist nennt, wird es bald klarwerden, was man heute unter der Wissenschaft vom Geist versteht. Es gibt heute kaum jemand, der über diese Dinge spricht und nicht verwechselt Seele und Geist. Ich will da anknüpfen an wirkliche Erscheinungen.
4] Da ist vor einiger Zeit eine «Psychologie» erschienen°¹ von einem Menschen, der in seinem Fache für bedeutend gilt. Sie ist ein Beispiel dafür, wie heute die Seelenwissenschaft betrieben wird. Aber das ist es nicht, wovon ich jetzt ausgehen will, um zu zeigen, welche Verwirrung in den Begriffen von Seele und Geist eingetreten ist. Wir lesen dort auf einer der ersten Seiten: Wenn Blutleere im Gehirn eintritt, so ist die Folge eine Ohnmacht, denn dann hört die geistige Fähigkeit auf oder wird wenigstens herabgemindert. Eine geistige Anstrengung dagegen bewirkt ein Zuströmen von Blut zum Gehirn. Reizmittel wirken auf das Gehirn vermittelst des Nervensystems, und so weiter. - Zunächst muß nun darauf hingewiesen werden, daß einer, der doch hier eine «Seelenwissenschaft» bringen will, die Ausdrücke «Seele» und «Geist» als wesentlich gleichbedeutend braucht, und kein Bewußtsein davon hat, daß sie verschiedene Dinge sind. Daher kommt gerade das Unheil. Die Geistesforscher würden sagen, bei Blutleere und Ohnmacht wird nur die seelische Tätigkeit gelähmt, es findet aber keine Verminderung der Geistestätigkeit statt. Ebenso wird ein Zuströmen des Blutes zum Gehirn nur durch Seelentätigkeit bewirkt. Hier gilt das Wort Goethes: Keine Materie ohne Geist.°² - Bei Ohnmächten ist nun eine andere geistige Tätigkeit vorhanden, so daß gleichsam da die Seele sich aus dem Gehirn zurückzieht und einer anderen geistigen Tätigkeit das Feld läßt, als wenn sie dabei ist.
5] Die heutige Psychologie macht also keinen Unterschied zwischen Seele und Geist. Deshalb ist es wichtig, sich erst einen deutlichen Begriff darüber zu bilden, was Geist ist. Das ist sehr schwierig. Die Menschen, wie durch eine Macht getrieben, glauben heute in materiellen Prozessen alles gegeben und wollen den Geist nur ansehen als eine Wirkung, eine Konsequenz des Stoffes. Der Geistesforscher sucht den Geist nicht nur im Menschen, sondern überall um uns herum. In allem erscheint er wie eine innere Physiognomie. Er ist überall im Weltenall ausgebreitet. Kein Mensch, kein Tier, keine Pflanze, kein Stein kann sein, ohne daß der Geist die Grundlage dieses Wesens ist. Hierfür gebrauche ich gerne ein Bild. Wir denken uns einen Wasserbehälter, in dem das Wasser allmählich abgekühlt wird. Dadurch möge etwas entstehen wie ein teilweiser Einschlag von Eisbrocken, so daß wir schwimmend darin haben einige Eisbrocken. Nehmen wir nun an, irgendein Wesen habe nicht die Fähigkeit, Wasser wahrzunehmen, sondern nur Eis. Da würde eben nur aus dem Wasser heraus das Eis auftauchen, das Wasser selbst aber würde dieses Wesen leugnen. «Überall ist nur Eis vorhanden, Wasser aber nicht», würde dieses Wesen sagen.
6] Ähnlich verhalten sich nun die Menschen zu Geist und Stoff. So wie in unserem Bilde das Eis aus dem Wasser sich verhärtet, so entsteht die Materie aus dem Ursprünglichen, aus dem Geist. Materie ist nichts anderes als verdichteter Geist. Sie taucht für den Sehenden auf aus dem Geist, dagegen für den, der nicht sehen kann, aus dem Nichts. Alles im Weltenraum ist verdichteter Geist. Wenn nun der Materialist kommt und sagt: «Das, was du Geist nennst, ist nicht vorhanden», so steht es mit seiner Logik schlecht, denn er dürfte eigentlich nur zugeben, daß er den Geist nicht wahrnehmen könne. Und einer, der eine gesunde Logik hat, sollte mit einer solchen nur reden von etwas, dessen Existenz er zugegeben hat, also von der Materie. Sprechen wir von der Seele, so dürfen wir davon nie trennen den Begriff der Innerlichkeit, den wir am besten sehen an der Seele des Menschen.
7] Der Unterschied zwischen Geist und Seele wird am besten an einem Beispiel gezeigt. Denken wir uns, wir sehen ein Ereignis vor uns, das uns erzittern macht, das uns Angst und Schrecken einjagt, zum Beispiel das Abschießen einer Flinte auf uns. Ein Dritter, der dieses Gefühl der Angst in uns sieht, kann nur sagen, daß der andere dieses Gesicht hat, daß es aber abhängig ist von der Beschaffenheit des Menschen. Ein Mensch, der vielleicht das Fürchten verlernt hat, würde der Gefahr furchtlos ins Auge sehen. Jener aber steht dem Ereignis mit Furcht und Schrecken gegenüber. Als ein Seelisches bezeichnen wir das, was so in unserem Innern durch eine äußere Wahrnehmung angeregt wird. Für das Geistige aber gibt es kein außen und kein innen. Was außen ist, das ist auch innen. Wenn Sie Ihr Inneres prüfen, werden Sie merken, daß es einen Übergang gibt vom Seelischen zum Geistigen, daß aber wohl ein Unterschied besteht zwischen dem, was wir als Seelisches und als Geistiges ansprechen. Über die Empfindungen, die in uns aufgehen, läßt sich nicht streiten, denn sie sind bei den einzelnen Menschen verschieden. In dem einen würde beim Anblick eines Raffaelischen Bildes eine Welt von Gefühlen aufgehen, während ein primitiver Mensch nichts dabei empfindet. Dazwischen gibt es noch alle möglichen Abstufungen. Hier haben wir es mit etwas Seelischem zu tun. Etwas Geistiges aber ist uns zum Beispiel in der Mathematik gegeben. Niemand kann durch Erfahrung begreifen, was ein Kreis ist. Dazu ist eine innere Anschauung nötig. Das ist so einfach, aber die Menschen begreifen es nicht. Von dem, was Geistiges ist, wissen wir, daß es jeder so erleben kann, wie wir, wenn er nur die nötigen Vorbedingungen dazu schafft. In demselben Maße, in dem wir uns klarmachen, daß wir von einem inneren Erleben aufrücken zu einem, das allen zugänglich ist, in demselben Maße sollen wir uns klarmachen, daß wir dann übergehen von Seelischem zu Geistigem.
8] Nehmen wir an, der Mensch erhebt sich zu einer solchen Höhe, daß er wirklich über ein Ding der Außenwelt etwas zu sagen vermag, worüber die Menschen einig sein können, so erhebt er sich zu dem Begriff, zu der Idee der Sache. Dann sollen wir uns bewußt werden, daß das genau dasselbe ist, was vor der Sache da war, wonach die Sache geschaffen ist. Nur der kann glauben, daß er Geistiges aus einer Welt gewinnen könne, in der kein Geist ist, der vermeint, aus einem Glase Wasser zu gewinnen, in dem kein Wasser ist. Wenn wir einen Stein, eine Pflanze, irgendein Wesen der Außenwelt betrachten, so daß wir nicht nur das Erhebende, Schöne, Herrliche, sondern auch das Traurige auf uns wirken lassen, wenn wir das eigentliche Wesen der Dinge auf uns wirken lassen, so müssen wir uns klarwerden, daß wir in uns aufleuchten lassen das, was vor der Sache da war, woraus sie entstanden ist. So kommt uns das Körperliche vor wie eine Verdichtung des Geistigen.
9] Manches Vorurteil hat seinen Ursprung in der Gewohnheit, die Außenwelt als etwas Geistloses vorzustellen und das Geistige als etwas darzustellen, das der Mensch hinzubringt. Der Mensch kann nur das in seinem Bewußtsein haben, was die Wirkung der Außenwelt auf ihn ist. Erinnern wir uns daran, was so häufig gesagt wird bei der Gelegenheit: Man könne nur wissen, daß ein Tisch vorhanden sei, eben der Tisch an sich, der die gegebenen Wirkungen auf einen ausübt. - Daß ein solches Urteil gefaßt werden kann, ist ein Beispiel dafür, daß in weiten Kreisen kein Verständnis ist für das Wesen des Geistes. Ein einfaches Bild gibt es, das uns zeigen kann, über was jahrhundertelange Forschung einfach hinwegdenkt, wenn behauptet wird, über das Ding an sich wisse der Mensch nichts. Wenn so etwas gesagt wird, so erscheint es durchaus einleuchtend. Die Physik, die Wissenschaft überhaupt, wird immer wieder darauf hinweisen, daß du zum Beispiel «gelb» eigentlich gar nicht wahrnimmst, sondern nur Bewegungen des Äthers. Die lösen aus in dir die gelbe Farbe, ebenso wie die Bewegungen der Luft den Ton. Aus dir kommst du nicht heraus, du siehst nur, was in dir ist. - Diese ganze Schlußfolgerung wird durch ein einfaches Bild ganz ausgelöscht. Denken Sie, Sie haben ein Petschaft und Siegellack. Der Name Müller wird hineingedrückt. Nicht eine Spur von Messing des Petschafts ist in den Siegellack übergegangen. Aber das, worauf es ankommt, der Name, ist ganz und gar übergegangen in den Siegellack. Nun könnte der Siegellack auch sagen: Ich weiß nichts vom Petschaft, denn von außen kann nichts auf mich übergehen. - Ganz genau so ist es mit der Wissenschaft. Der Name Müller geht restlos auf den Siegellack über. Wer behauptet, solche Einwirkung wäre nicht möglich, der hat kein Verständnis davon, daß es keine Grenze gibt zwischen Materiellem und Geistigem, daß eins in das andere übergeht. Und so müssen wir uns immer klarer und klarer darüber werden, daß der Geist nichts zu tun hat mit dem, was in uns ist, sondern daß er äußerlich und in uns ist. Wir müssen Seele und Geist wohl voneinander unterscheiden. Dann haben wir eine Grundlage geschaffen, zu wissen, daß alle Grundlagen des Lebens Grundlagen des Geistes sind. Immer mehr und mehr sucht die Psychologie das Geistige auf ein rein Physisches zurückzuführen. Mußten wir es doch sogar erleben, daß Geistiges abgeleitet wurde aus physischen und rein mechanischen Vorgängen! Die Wissenschaften, die heute nicht bewußt materialistisch sind, sind es unbewußt.
10] Gehen wir noch einmal zurück! Denken wir, wie durch die Blutleere im Gehirn eine Ohnmacht entsteht und dadurch die Seele lahmgelegt wird. Wir müssen an diesen Vorgang mit der Geisteswissenschaft herantreten. Diese zeigt uns, daß der Mensch nicht nur dieses materielle Wesen ist, das wir mit den äußeren Sinnen wahrnehmen können, sondern daß er ein kompliziertes Wesen ist. Der physische Leib ist eine Verdichtung, eine Vergröberung eines Geistigeren, eines Feineren, das zugrunde liegt, zunächst eine Vergröberung des Äther- oder Lebensleibes. Wir sehen den Menschen förmlich als Wasserkugel, die sich teilweise zu Eis verdichtet hat, so daß der Eisklumpen schwimmt im Wasser, aus dem er sich als aus feiner Muttersubstanz heraus gebildet hat. So ist es mit dem physischen und Ätherleib. Materie ist eine andere Form des Geistes als der Geist selber, wie das Eis eine andere Form ist des Wassers. Der Ätherleib aber ist noch nicht das Feinste. Er ist die Verdichtung des Astralleibes. Nun haben wir den Menschen schon als dreigliedrige Wesenheit. Den physischen Leib hat der Mensch mit allen Wesen der physischen Welt gemeinsam. Der Ätherleib ist zunächst rein logisch in folgender Form zu erkennen. Nehmen wir einen Bergkristall, so bleibt die Form erhalten, bis sie von außen zerstört wird. Das ist das Wesentliche des Minerals. So ist es nicht bei Pflanze, Tier und Mensch. Wir haben wohl dieselben Stoffe im Menschen, aber diese sind hier so kompliziert zusammengesetzt, daß der menschliche Leib sofort auseinanderfallen würde, wenn er nicht einen Kämpfer gegen den Zerfall des physischen Leibes in sich trüge: das ist der Äther- oder Lebensleib. Ist der Ätherleib draußen, wie nach dem Tode, dann erst zerfällt der physische Leib. Was aber zwischen Geburt und Tod den Zerfall verhindert, das ist der Äther- oder Lebensleib. Ihn hat der Mensch mit Pflanze und Tier gemeinsam, den astralischen Leib nur mit dem Tiere. Hier bei dem Astralleib kommen wir schon zu immer feineren geistigen Gliedern, wir kommen schon ins Seelische.
11] Die Geisteswissenschaft konnte sprechen von drei Gliedern des Menschen, von Leib, Seele und Geist. Wenn wir diese aber genauer verfolgen, so zergliedern wir in physischen Leib, Ätherleib und Astralleib. Denken wir, wir haben einen Menschen vor uns stehen, so haben wir zunächst den physischen Leib, insofern man ihn physisch sehen kann. Aber wir haben auch den Ätherleib, den Kämpfer gegen den Zerfall. Das ist aber noch nicht das Ganze des Menschen. Schon der primitivste Mensch weiß, daß Freude und Leid, Lust und Schmerz in ihm leben. Der Träger von alledem, was da abläuft im Innern, wird von uns astralischer Leib genannt. Von Materialisten könnte eingewendet werden: Das ist ja aber nur eine Wirkung der physischen Vorgänge, das ist nichts Wirkliches. - Wenn das der Fall wäre, wenn diese Vorgänge nur ein Ausfluß der physischen Vorgänge wären, zum Beispiel des Blutumlaufes, dann wäre es eine bloße Wortklauberei, wenn man von einem Astralleibe spräche. Aber das sind eben nicht Folgen der physischen Vorgänge, was wir Astralisches nennen, sondern umgekehrt: die Nerven Vorgänge sind Folgen des Astralischen. Dasjenige, was Freude und Leid, Lust und Schmerz erregt, das war früher da als der physische Leib. Wir sehen ja, wie in uns heute sozusagen die letzten Reste der unmittelbaren Wirkung des Geistigen auf körperliche Vorgänge sich äußern. Auf das Schamgefühl und das Angstgefühl ist früher schon öfter hingewiesen worden. Ein Mensch erblaßt, wegen Furcht und Angst. Was ist da geschehen? Oder wenn der Mensch fühlt: In mir ist etwas, was ich verbergen möchte - und er errötet. Scham- und Schreckgefühle sind seelische Vorgänge, seelische Erlebnisse. Sie drücken sich aber aus in körperlichen Vorgängen. Bei der Angst möchte man alle Kräfte im Innern zusammennehmen, sich behaupten; das Blut zieht sich gleichsam im Innern zusammen. Da können wir es handgreiflich finden: eine Richtung, die unbewußt materialistisch ist, hat den ganzen Vorgang verkehrt.
12] Der von Amerika ausgegangene Pragmatismus°³ hat die Ansicht ausgesprochen: Wenn wir einer geladenen Flinte gegenüberstehen, so macht uns nicht die Angst erzittern, sondern irgend etwas, was von der Flinte ausgeht, macht einen zunächst erzittern. Die Folge davon ist das Auftreten der Furcht. Der Mensch weint nicht, weil er traurig ist, sondern er ist traurig, weil er weint. Solche Streiche spielt Ihnen der Materialismus. Die Geisteswissenschaft aber zeigt uns, daß alles, was geschieht, das Rinnen des Wassers, oder ein Vorgang, den wir im Mikroskop besehen, oder ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze, ebenso ein Ausfluß eines Geistigen ist, wie ein Seelisch-Geistiges die Ursache ist bei Furcht- und Angstgefühlen. So finden wir den Geist überall um uns herum, wenn wir nur gewöhnt sind, alles als Physiognomie des Geistes anzusehen. Das ist die Art und Weise, wie jeder zum Geiste gelangen kann. Oder man könnte sagen: Da sieht der Mensch durch den Schleier des Materiellen den Geist. Ist es aber auch möglich, den Geist unmittelbar zu sehen? Dazu gehört, daß der Mensch das Wort «Einweihung» ganz ernst nimmt. Goethe hat so viele für die Geisteswissenschaft wichtige Aussprüche getan, so zum Beispiel: «So bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht.»°⁴ Aus gleichgültigen Organen haben sich nach und nach die Augen des Menschen entwickelt. Die Gewißheit hat Goethe mit allen Geisteswissenschaftlern gemein, daß der Mensch auf eine lange, lange Entwickelung zurücksieht. Hätte es kein Licht gegeben, so würde es niemals Augen gegeben haben. Wie die Tiere in dunklen Höhlen das Augenlicht verlieren, so hat das Licht das Auge gebildet.
13] Ebenso wahr, wie ohne das Auge die Welt dunkel und finster für den Menschen ist, so wahr ist es auch, daß das Auge am Lichte für das Licht gebildet ist, daß es ohne das Licht keine Augen gäbe. Ebenso zaubern die Töne die Fähigkeit des Hörens, die Gerüche die Fähigkeit des Riechens heraus, und so weiter. So ist es in der Vergangenheit gewesen, und so ist es in bezug auf die physischen Organe des Menschen noch jetzt. So ist es aber auch für die geistigen Organe. Man kann erst von Licht und Farbe sprechen, wenn die Organe dazu da sind; aber das Licht ist schon lange vorher da. Ebenso ist es mit dem Geist. Er ist auch schon vorher da und ist geeignet, im Menschen die schlummernden geistigen Fähigkeiten zu wecken, die dann ebenso den Geist wahrnehmen, wie die Augen das Licht wahrnehmen. Der Geist bildet die geistigen Organe, wie das Licht die Augen. So kann der Mensch die geistigen Organe ausbilden, die vom Geist für den Geist gebildet werden.
14] Wenn uns etwas als die Physiognomie des Geistes erscheint, so können wir da in eine geistige Welt hineinwachsen, wenn wir die Geduld haben, uns zu entwickeln und zu bilden. So spricht die Geisteswissenschaft noch in einer anderen Art vom Geiste. Und ebenso, wie wir erfahren durch den Botaniker, den Physiker und so weiter, was sie über die Geheimnisse der physischen Welt ergründen, so gibt es und hat es immer gegeben eine Geisteswissenschaft. Nur wissen heute die Mehrzahl der Menschen nichts von den verborgenen Welten dieser Geisteswissenschaft. Zunächst wurde diese Wissenschaft gepflegt unbemerkt von der übrigen Welt, wurde gepflegt in den Mysterien. Heute muß die Geisteswissenschaft heraustreten und öffentlich verkünden, was sie zu sagen hat, wie die physische Wissenschaft ihre Resultate öffentlich verkündet. Wie die physische Wissenschaft aber äußere Werkzeuge gebraucht, so muß der Geistesforscher sich selbst ein Werkzeug sein. Solche Forscher hat es immer gegeben. Nur wer die Organe entwickelt, kann erzählen, wie es in der Geisteswelt ist. Wenn es aber ausgesprochen ist, so reicht der einfache, gesunde Menschenverstand aus, um es zu verstehen. Nur zur Forschung ist eine andere Entwickelung nötig. Nur ein Beispiel sei angegeben, wie durch intime Vorgänge geistige Entwickelung vor sich geht. Nicht tumultuarisch ist dieser Weg. Gar mancher wird ein Bürger der geistigen Welt, ohne daß seine Mitmenschen etwas davon ahnen. Aber weit, weit ist das Gebiet, das uns erkennen läßt, wie wir an uns arbeiten müssen, wenn wir einen Einblick gewinnen wollen in die geistige Welt. Ein Beispiel soll gegeben werden, wie intim dieses Arbeiten ist.
15] Es gibt drei Stufen der Erkenntnis: zunächst die Erkenntnis der physischen Welt, dann die Imagination, die aber nichts mit Phantastik zu tun hat; sie führt in einer gewissen Weise in die geistige Welt. Die dritte Stufe bilden die inspirierte und intuitive Welt. Die imaginative Erkenntnisstufe erlangt man dadurch, daß man die Geduld hat, lange, lange gewisse innere Übungen zu machen, die einen nicht abziehen von der äußeren Welt, sondern einen nur tüchtiger und praktischer machen. Aber zugleich führen sie hinein in die höheren Welten. Da ist zum Beispiel eine solche Anleitung des Lehrers an den Schüler: Sieh dir einmal eine Pflanze an. Sie wächst aus dem Boden heraus, entwickelt Blätter, Blüten, Früchte; sieh dir diese ganze Entwickelung der Pflanze an, wie sie Chlorophyll entwickelt, und so weiter. Die Pflanze kann ein Vorbild für den Menschen sein. Wie die Pflanze von dem grünen Farbstoff, so ist der Mensch vom roten Blute durchzogen. Obwohl die Pflanze auf einer niedereren Stufe steht als der Mensch, so hat sie doch etwas vor ihm voraus. Sie ist in ihrer Substanz, in ihrer Materie, im Chlorophyll, nicht durchsetzt von niederen Trieben, Begierden und Leidenschaften. Der Mensch ist nicht mehr keusch und rein, sondern er hat seine höhere Entwickelung damit zahlen müssen, daß er Triebe, Begierden und Leidenschaften in sich aufnahm. Der Ausdruck dafür ist das rote Blut. Stelle dir diese beiden nebeneinander vor, und dann denke an das Goethesche Wort, welches das Wort ist aller Geisteslehrer zu allen Zeiten:
Und solang du das nicht hast,°⁵
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
16] Das heißt, die von Begierden und Leidenschaften durchwühlte Substanz muß wieder geläutert und gereinigt werden, so daß sie über sich selbst gehoben, obwohl sie auf einer höheren Stufe steht, wieder keusch und rein wird. Das Blut muß wieder der Ausdruck sein dieser Keuschheit und Reinheit. Stelle dir vor die rote Rose, da hast du den keuschen Pflanzensaft vor dir rot. Freilich ist er da noch Pflanzensaft, aber du magst in dem roten Pflanzensaft etwas vor dir sehen, was dir sein kann wie die Morgenröte einer höheren Entwickelung des Menschen, dies dargestellt in einem Symbolum: Das schwarze Kreuz mit roten Rosen. Vertiefe dich in dieses Symbolum mit Ausschluß jeden anderen Gedankens, erlebe darin, wie die Menschen sich wieder hinaufentwickeln müssen zu der Reinheit des roten Rosenblattes. Erlebst du das, dann erlebst du eine erste Spur des Geistes.
17] So ist dies ein Bild, zu dem immer andere und andere gefügt werden. Diese Bilder sind dazu da, daß sie so im Innern der Seele die geistigen Organe hervorzaubern. Dann erfüllt sich für den Menschen das, daß er in der geistigen Welt alle Ruhe und Hilfe findet. Deshalb ist die Geisteswissenschaft von so ungeheurer Bedeutung auch für die äußere Welt. Wahr ist es, was Novalis sagt:°⁶ Der Mensch ist das vollkommenste Werkzeug; wenn er es nur sein will. Und: Der Mensch lebt in einer geistigen Welt, die er wahrnehmen kann, wenn er nur elastisch genug ist, die nötigen Organe in sich zu entwickeln. Und wahr ist es, was Goethe den Faust sagen läßt:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;°⁷
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die irdsche Brust im Morgenrot!
18] So sprach einer, der aus Geistesorganen heraus den Geist erkannt hatte, und so sprach er, als er das Motto aufstellen wollte für alle Geistesforscher.
°¹ Da ist vor einiger Zeit eine «Psychologie» erschienen: Der «Abriß der Psychologie» von Prof. Hermann Ebbinghaus, Leipzig 1908. Die angeführte Stelle steht im Wortlaut auf Seite 18.
°² Hier gilt das Wort Goethes: Keine Materie ohne Geist: Aus Goethes Brief an den Kanzler von Müller, Weimar 24. Mai 1828, abgedruckt in Band II, Seite 64 von Goethes «Naturwissenschaftliche Schriften», herausgegeben und kommentiert von Rudolf Steiner in Kürschners «Deutsche National-Litteratur» (1883-97), 5 Bände, Nachdruck Dornach 1975, GA Bibl.-Nr. 1a - e. Rudolf Steiner hatte sich schon früher dagegen gewendet, wie dieses Goethe-Wort mißverstanden und aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wurde, insbesondere von Bruno Wille in dessen Schrift «Materie nie ohne Geist»; siehe hierzu «Mein Lebensgang», GA Bibl.-Nr. 28, Seite 386.
°³ Der von Amerika ausgegangene Pragmatismus . . . Wenn wir einer geladenen Flinte gegenüberstehen . . . Der Mensch weint nicht, weil er traurig ist . . .: In dem vorerwähnten Buch von H. Ebbinghaus «Abriß der Psychologie» wird hierüber berichtet. Es handelt sich um eine Theorie von William James, Professor der Psychologie und Philosophie an der Harvard Universität, dargestellt in seinem Buch «Principles of Psychology», 1890, deutsch 1909.
°⁴ Goethe . . . «So bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht»: In «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», Band III, Seite 88, Entwurf einer Farbenlehre, Einleitung.
°⁵ Goethe «Und solang du das nicht hast. . .»: Aus «Der Westöstliche Divan», Buch des Sängers. Selige Sehnsucht, 5. Strophe.
°⁶ Wahr ist es, was Novalis sagt: Wörtlich: «Der Mensch soll ein vollkommnes und totales Selbstwerkzeug sein», Schriften, hrsg. von Paul Kluckhohn, Leipzig o.J., Das allgemeine Brouillon 1798/99, Nr. 291. - «Die Geisterwelt ist uns in der Tat schon aufgeschlossen - sie ist immer offenbar - würden wir plötzlich so elastisch, als es nötig wäre, so sähen wir uns mitten unter ihr», a.a..O. Nr. 311.
°⁷ Goethe . . . «Die Geisterwelt ist nicht verschlossen»: «Faust» I, Nacht, 443.
aus «GA 57»; S.9ff