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Zitatensammlung
Teil 3: Lexikon
Sheila-na-gig
Sheila-na-gig nennt man eine groteske, weibliche Figur, die ihr Geschlecht unzweideutig zur Schau stellt. Oft auf einen grossen Kopf mit ebensolchen Augen und manchmal auch großem Mund auf einem angedeuteten Körper reduziert, wird die überdimensionale Vulva zum Blickfang, besonders wenn die Skulptur wie beim berühmten Beispiel der Kirche von Kilpeck im county Hertfordshire, unter den Schenkeln durchfassend, die Schamlippen auseinanderhält.
Andere nehmen „Buddhahaltung” ein wie der Cernunnos und weisen mit beiden Händen auf ihren geöffneten Schoss (Niederkauern ist übrigens eine urzeitliche Gebärstellung). Ihr Gesichtsausdruck ist dabei nie lasziv. Hier wird die Muttergöttin als Gebärerin/Zerstörerin dargestellt (vgl. Durga und Lilith).
Eigentlich stellt die Sheila ganz konkret das Füllhorn dar.
Es ist erstaunlich, dass etwas über einhundert dieser Steinmetzarbeiten auf den britischen Inseln und in Irland - da übrigens mit einem Anteil von zwei Dritteln - überlebt haben, obschon sie vom christlichen Klerus nachdrücklich als obszön verketzert wurden. Auch in Frankreich sind verschiedene Beispiele gefunden worden.
Die meisten Exemplare stammen zwar aus dem Mittelalter, doch ist die gängige Theorie, die Normannen hätten die Sheila in Irland eingeführt, Unsinn. Wegen des dichten Tabus um diese Figur steht ihre Erforschung erst am Anfang. An abgelegenen Orten Irlands, zB. auf White Island in Lough Erne, im Kloster Saighir in den Ausläufern der Slieve Bloom Mountains (county Offaly), einem christianisierten, heidnischen Feuerheiligtum, haben vorromanische Sheilas überlebt (heute im Dubliner National Museum zu finden). Offenbar konnten mittelalterliche Bildhauer auf vorchristliche Modelle zurückgreifen. Warum genau sie dies taten, ist nicht geklärt. Die Erklärung, Äbte hätten die Figuren zur Warnung ihrer Mönche vor Fleischeslust an Kirchen anbringen lassen, zäumt mit Sicherheit das Pferd vom Schwanz auf. Eher lebte die Vorstellung der Sheila als Verkörperung der lebensspendenden Kräfte trotz Christianisierung ungebrochen weiter, sodass man sie an gefährdeten Orten anbrachte, an Brücken, Kirchen und Burgen, einerseits zur Unheilabwehr und andererseits in der Hoffnung auf ihre fruchtbarkeitssteigernde, segensbringende Wirkung.
nach «Lexikon der keltischen Mythologie»