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Zitatensammlung
Teil 3: Lexikon
Kali
Kali (~ Schwarze) ist eine indische Grosse Mutter in Form der Wandlerin. Sie ist die schreckliche Erscheinungsweise der Durga und somit Bhawani, die Gemahlin des Schiwa-Rudra, auf dem sie als seine Schakti steht oder auf den ihren linken Fuss setzt. Als Kalaratri (~ schwarze Nacht) stellt sie mythisch eine Daseinsmacht dar, die zu Schöpfung oder Weltzerstörung das All verhüllt. Ihr wurden bis ins XX.Jahrhundert vom Raubmörderorden der Thuggees rituelle Menschenopfer dargebracht. In Südindien verbindet sich ihr Kult mit dem der örtlichen Muttergottheiten (siehe auch Aschtarte, Lilith).
ABGEBILDET ist sie schwarzhäutig mit flammendem Haar und heraushängender Zunge.
Ihr ATTRIBUT ist die Halskette aus Menschenschädeln.
nach «Lexikon der Götter und Dämonen»
Kali Im hinduistischen Indien sind alle Göttinnen letztlich nur eine einzige → Devi, deren Name einfach «die Göttin» bedeutet. Aber sie nimmt unterschiedliche Formen an - vielleicht um dem beschränkten menschlichen Geist zu gestatten, sich erst auf die eine, dann auf eine andere ihrer unzähligen Möglichkeiten zu konzentrieren.
Eine der mächtigsten, verbreitetsten und - aus westlicher Sicht - furchterregensten dieser Gestalten ist Kali, die «Schwarze Mutter Zeit», die Leben unaufhörlich in einen faszinierenden Tanz des Todes verwandelt. Ihre Zunge ragt aus ihrem schwarzen Gesicht hervor. Ihre Hände halten Waffen, in ihre Halskette und ihre Ohrringe sind zerstückelte Körper eingeflochten. Bestenfalls erscheint Devi als strenge Herrin, die Gemahlin und → Shakti («Belebende Kraft») des schöpferischen und zugleich zerstörenden Gottes Shiva. Als → Durga ist Devi die gerechte Kriegerin, welche die Welt vom Bösen säubert. Als → Parvati steht dieselbe Energie für leidenschaftliche Hingabe an die Sexualität. Aber als Kali ist die Göttin unzweideutig allein: die Mutter des Todes, der in ihrem Schoß wie ein Baby schwimmt, und die Macht der Zeit, die immer auf die Zerstörung hinführt. Erst dann, wenn sie alles zerstört hat, wird Kali der zeitlose Schlaf sein, aus dem neue Zeitalter erwachen.
Kali manifestierte sich zum ersten Mal, als sich der Dämon Daruka göttliche Macht aneignete und die Götter bedrohte. Die mächtige Parvati runzelte wütend die Stirn, und ihr entsprang die dreiäugige Kali, bereits mit ihrem Dreizack bewaffnet. Diese Emanation von Parvati machte kurzen Prozeß mit dem Dämon, und die Himmel wurden wieder sicher. Da sie nun einmal geboren war, existierte diese Göttin weiter und konnte nicht einmal von Parvati kontrolliert werden, obwohl sie eigentlich eine Ausgeburt von ihr ist.
Eine Reihe von Mythen berichten, wie unkontrollierbar Kalis Energie ist. Einmal, so heißt es, wagte sie es, mit Shiva, dem Fürsten des Tanzes, zu tanzen. Sie bewegten sich immer wilder, wobei sie miteinander wetteiferten, bis die Welt in Stücke zu brechen schien - und das wird sie auch eines Tages, denn hinter allen sichtbaren Erscheinungen verborgen dauert dieser Tanz an. Ferner wird erzählt, daß Kali gegen zwei Dämonen kämpfte, die sie tötete, und dann ihren Sieg feierte, indem sie deren Körpern das Blut aussaugte. Danach, trunken von diesem Blutbad, begann sie zu tanzen. Von dem Gefühl des leblosen Fleisches unter ihren nackten Füßen mehr und mehr erregt, tanzte sie immer wilder - bis sie bemerkte, daß Shiva unter ihr war und sie ihn zu Tode tanzte. Diese List des Gottes bremste Kalis Wildheit aber nur für den Augenblick, und schließlich wird sie diesen Tanz wieder aufnehmen, der zum Ende der Welt führen wird.
Es mag verwunderlich erscheinen, daß Kali immer noch eine der beliebtesten Göttinnen Indiens ist: Ihr Bildnis hängt in vielen Häusern, ihr Name verbirgt sich in »Kalkutta« (anglisiert aus Kali-Ghatt, «Stufen der Kali», die Bezeichnung ihrer Tempelstadt). Früher dienten ihr Mörder, die man thuggee nannte (daher stammt das englische Wort thug für Gewaltverbrecher), und man nahm an, daß Kali als Göttin der Friedhöfe sich von Blut ernährt. Meistens wurde ihr jedoch Ziegen- und nicht Menschenblut geopfert, was auch heute noch in manchen Teilen Indiens geschieht.
Diese blutigen Riten erscheinen so furchteinflößend, daß die spirituelle Bedeutung Kalis schwer zu begreifen ist. Als Symbol des Schlimmsten, was uns zustoßen kann, als das extremste Bild unserer Ängste, bietet sie uns die Möglichkeit, unserer eigenen Angst vor der Vernichtung entgegenzutreten. Ramakrishna und andere große mystische Dichter des modernen Indiens besangen Kali deshalb als segenspendende Gottheit. Wenn man sich einmal stellt und sie versteht, sagen die Eingeweihten, befreie Kali ihre Anhänger von aller Furcht und werde für sie zur größten aller Mütter, zu der am meisten Trost gewährenden von allen Göttinnen.
aus «Lexikon der Göttinnen»; S.150f