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Vortragssammlung
Teil 2
Impulsvortrag von unserem Referenten
DER ALTE BEGLEITER
Erster Teil
gehalten in Wien, am 15.Dez.2017/VE
[dank DI Rudolf Sedlaczek, der diesen Doppelvortrag aufgezeichnet,
und Michael Hopp, der ihn abgetippt hat]
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Guten Abend! Bevor wir uns mit der zu erwartenden Josef-Gestalt auseinandersetzen, möchte ich einen andern Josef ins Gedächtnis, in Erinnerung rufen, um genauer zu sagen, vom kollektiven Gedächtnis in Erinnerung rufen, nämlich den ersten Josef unserer Tradition, den jungen, der allerdings auch charakteristische Josef-Merkmale gezeigt hat. Josef der elfte Sohn Jakobs, der, den die Brüder nicht mochten, weil er der Liebling des Vaters war, den sie dann in eine Zisterne geworfen haben. Nachher sind Kaufleute aus Ägypten gekommen, und dann haben sie ihn wieder raus aus der Zisterne und verkauft als Sklave nach Ägypten; dort ist er dann an den Hof eines reichen Ägypters gekommen, dessen Weib, Potifars, ihm nachgestellt hat - die ganze Geschichte des Josef. Dann wurde er in den Kerker, wegen übler Nachrede ist er in den Kerker geworfen worden und durch seine Begabung, Träume zu deuten, wieder bis zu Pharao aufgestiegen. Und jetzt wird's interessant: dann wurde er der Zweite nach Pharao. - Wir sprechen von einem Mythos. Wir fragen nicht, ob das historisch jetzt genau so nachweisbar ist, sondern wir sprechen von einem Mythos, genauer gesagt, von einer in einen Mythos gekleideten Imagination.
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Denn jetzt kommt der Josef eigentlich erst zu seinem, zu seinem Josef-Gestus, jetzt bereitet er ein weit Zukünftiges vor! Äusserlich, indem er den Traum deutet mit den sieben fetten und sieben mageren Jahren, und dann den Auftrag bekommt, die mageren Jahre vorzubereiten als Landverweser. Er lässt überall Speicher bauen, lässt speichern noch und nöcher in den sieben fetten Jahren und kann daher dann die sieben mageren Jahre nicht nur für Ägypten erträglich gestalten, sondern auch für sein eigenes noch nicht Volk, für seine Sippe. Denn seine Brüder ziehen mit dem alten Vater und dem nachgeborenen Benjamin, also das ist nicht der Netanjahu, sondern der Bruder vom Josef, der zwölfte Sohn Israel Jakobs - der den Beinahmen Israel, der mit Gott gerungen hat, bekommen hat.
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Und die alle können nach Ägypten ziehen - und so beginnt das Zeitalter des israelitischen Volkes in Ägypten, Die berühmten 200 Jahre im Lande Goschen, Nordostägypten, wo sie auch überleben können, denn diese sieben mageren Jahre haben sich ja bis nach Palästina im ganzen Umkreis herum ausgewirkt. Dieser Josef war es, der also ein Gewaltiges vorbereiten konnte, einerseits politisch, äusserlich, dass das Land Ägypten nicht in sieben Jahren komplett herunterkommt, verhungert buchstäblich, und dann natürlich als Verhungertes Feinde anzieht, die es überrollen und dann das ihre draus machen.
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Aber weit mehr und wichtiger in der gesamten Heilsgeschichte des Volkes Israel, damals noch des beginnenden Volkes Israel, wo es noch eine Sippe war, wo es noch gar kein Volk war, nicht? wo sie noch gar nicht in ihrem angestammten Lande Israel waren, zum Überleben zu bringen, es durchhalten zu lassen, sozusagen im Uterus des ägyptischen Volkes, man könnte das so sagen. Also der Keim des israelischen ist in dieses ägyptische hineingesetzt worden, und da steht diese Josef-Gestalt: stark, mächtig, jugendlich im Äusseren, aber weitschauend mit alter Weisheit, mit hellseherischer, mit traumdeuterischer Weisheit begabt, und macht es möglich, dass aus diesem Volk Israel dereinst ein Volk Juda wird, und dereinst sogar in dieses Volk dann hinein geboren werden kann der Messias.
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Der typische Josef-Gestus dabei, und den will ich eben jetzt herausarbeiten, ist: es geht nicht um den Josef, sondern es geht um irgendeine gewaltige Aufgabe, und das ganze Schicksal des betroffenen Menschen ist mehr oder weniger restlos im Dienste der Aufgabe. Und er wird uns überhaupt nur bekannt, er bekommt nur Kontur durch seine Aufgabe. Das sieht man an dieser ersten Josefsgeschichte, man könnte auch sagen der alten Josefsgeschichte. Wenn wir sagen „alter Text”, „neuer Text” (Altes Testament, Neues Testament), können wir sagen: die erste oder alte Geschichte des Josef ist schon eine klassische Josefgeschichte, ein Zurücktreten in den Hintergrund, obwohl er eine imposante Erscheinung gewesen ist, dem Mythos nach.
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Diese edle Ägypterin und ihre Freundinnen haben ihm ja nachgestellt; also er muss ein sehr, für altägyptische Verhältnisse, interessanter junger Mann gewesen sein. Er widersteht dem - das hat mit seiner Aufgabe nichts zu tun -, muss durch einen typischen Mysteriengang, durch den Kerker, durch die Todesdrohung hindurch, und weil er diese Art Einweihung nicht mehr braucht, er hat ja schon die Gabe der Traumdeutung, wird er über die Stufen, man kann's nachlesen, bis an den Hof des Pharaos geholt, nicht um seinetwillen, um seiner Fähigkeiten willen, um seiner Aufgabe willen. Und er meistert sie. Wenn Sie das nachlesen wollen, es ist sehr nett beschrieben, auch die Szenen wie seine Brüder kommen, weil sie nichts mehr haben in Palästina, nach Ägypten ziehen um einzukaufen, und wie er sich nicht zu erkennen gibt, und wie sich das dann alles einrenkt, bis der Stamm Israel, mit dem alten Vater Jakob, dem Israel eben, nach Ägypten zieht, bis das dann alles sozusagen eingerichtet ist, für die Zeiten der Not, man könnte aber genausogut sagen: für die Reifezeit des Keimes Israel, bis der dann zu einem Volk werden kann;
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das dann allerdings raus muss aus dem Ägypterland, weg von den Fleischtöpfen Ägyptens, durch den Wüstenweg geführt von einem ganz andern Eingeweihten, nämlich Mosche, der dann sein Volk bis an den Rand des gelobten Landes führt. Dort stirbt er. Und dann ist es Joschua, der das Volk Israel nun hinein führt.
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Da beginnt eigentlich erst die Geschichte des Volkes Israel, in Israel. Das ist in der heutigen Debatte, seit wann es Israel gibt, und seit wann da Ansprüche bestehen, durchaus wichtig, sich an das zu erinnern, ohne dass wir daraus irgendwelche Schlüsse für die heutige Alltagspolitik ziehen würden. Schon gar nicht als gewiefte Geisteswissenschafter. Also wir haben sehr schön, man würde sagen: technisch präfiguriert, vorgebildet den Josefsmythos schon im alten Text, und zwar ziemlich massiv im alten Text. Nicht in irgendeiner Nebengeschichte, sondern im Hauptstrang des Erzählens, in der Thora, noch dazu im allerersten Bereich der Thora, im sogenannten „Bereschit”, das ist das Buch, das wir griechisch die Genesis nennen oder etwas technisch das erste Buch Mose.
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Also wirklich im Zentrum der judäo-christlichen Aufmerksamkeit gelegen, da taucht dieses Bild auf, und die entsprechenden Erzählungen ranken sich da herum. Es gibt dann in der Mischna und überhaupt im ganzen Talmud, sowohl im Haupttalmud, als auch in seinen Varianten, dann immer wieder Josefsgeschichten dazu, was man so alles erzählen kann, sprich: dieser Josef hat sehr stark im Volksempfinden gelebt, der junge weise Alte.
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Wo alt und jung sich auf eine ganz seltsame Weise mischen: äusserlich jung, jugendlich, kräftig, er wird ja dann auch älter geworden sein, aber auch da mit Macht begabt, nur der Pharao stand über ihm. Viel mehr wird nicht erzählt im eigentlichen Text; es gibt dann apokryphe Texte, die noch von seiner Verheiratung mit einer Pharaostochter und was weiss ich erzählen, das ist dann später. Aber eine Gestalt, die kräftig zupackt, aber restlos im Dienst! Es geht nicht um ihn, es geht zum Beispiel nicht darum, eine Dynastie Josef zu begründen; und wir haben auch im weiteren Verlauf des Volkes Israel keine Josefiten, die dann eine bestimmte Rolle spielen - andre spielen eine Rolle.
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Die Nachkommen Levis werden berufen zur Priesterschaft, die Nachkommen Judas werden überhaupt berufen, das Ganze in verdichteter Form nach der babylonischen Gefangenschaft zu retten und hinüber zu tragen in die römische Zeit. Ruben, Isachar, Ephraim, alle haben sie ihre spezifischen Aufgaben, den Stamm Josef gibt's im weiteren Verlauf nicht, bzw. es wird von ihm gar nichts mehr berichtet. Als ob es mit diesem Josef schon genug wäre! Also ein Zwölftel wird von Israel herausgenommen für eine ganz spezifische Aufgabe.
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Man kann ohne weiteres sagen: opfert sich hinein. Auch wenn das nicht ein Opfer ist im heutigen Sinne, bewusst sich zurückgenommen, sondern einfach sich ergeben hier im alttestamentarischen Sinne in den Willen Gottes. Heute würden wir sagen: in das Karma, in die karmische Führung, die sehr auch natürlich mit der Engelsführung zusammenhängt, mit dem was dann später für uns Heutige Schutzengel geworden ist, und aus dem heraus, Grossartiges, vielleicht könnten wir auch sagen Übermenschliches leisten. Wenn denn menschlich das Bewältigen des kleinen alltäglichen Alltags ist und des hilfreichen Miteinanders, dann wäre es schon eine übermenschliche Kraft, die hier wirkt, aber nicht im Sinne irgendeiner Wunderbarkeit oder naturwissenschaftlichen Nichterklärbarkeit, so[ndern] einfach im Sinne, dass es nicht mehr um den Einzelmenschen Josef ging oder um irgendwelche Verwandte, für die er was getan hat - es ging bereits um etwas, was letztlich menschheitsgeschichtlichen Wert, menschheitsgeschichtliche Auswirkung zeitigte.
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Also diese Josefsgestalt taucht schon in einem ganz bestimmten Moment der sogenannten Heilsgeschichte, die Theologie spricht auch vom „göttlichen Heilsplan”, auf, und im Rahmen dieser Heilsgeschichte auch Weichen stellt, oder durch ihn, durch seine Tätigkeit werden Weichen gestellt. Eben dieses Eingebettetwerden ins Ägyptische - Und das heisst natürlich nicht nur äusserlich an die Fleischtöpfe Ägyptens gebunden sein, sondern heisst auch in das ägyptische Mysterienwesen hineinkommen, an den Pyramiden aufwachen, wenn Sie es populär gesagt bekommen wollen, am Geschehen des Ägyptischen, das ist ja ein Süd-Nord-Geschehen in Ägypten: vom Süden kommt der Nil und verzweigt sich nach Norden hin ins Mittelmehr. Der Handel, die Bewegungen der Menschen waren immer leer hinauf in den Süden, weil der Süden ja angestiegen ist in den Oberlauf des Nils, oder voll beladen herunter in den Norden, für uns eine ganz seltsame Vorstellung hier in Europa, nicht, da sind sie von Norden beladen gekommen, mit Bernstein zum Beispiel, und sind wieder relativ leer wieder hinaufgegangen in den Norden. Dort ist es genau umgekehrt, da ist man vom Süden beladen herunter ins Tiefe und dann zurück in den Süden, um wieder was zu holen, oder mit feineren Waren, womit man das bezahlt hat, was man aus Nubien bezogen hat.
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Achten Sie darauf: durch die ganze Geschichte, ohne Geographie verstehen Sie gar nicht, wie die Menschheitsströme gelaufen sind. Denn die Menschheitsentwicklungsströme bis heute haben sehr viel zu tun mit den Wasser und Luftströmungen unseres Planeten. Das sei nur nebenbei noch angemerkt. Aber auch dieses Nebenbei erleuchtet uns den Josefsaspekt noch einmal, denn dieser Josef ist wie eine Akupunkturnadel in ein Strömen hineingesetzt worden. Da wo dieses Strömen politisch wirtschaftlich gelenkt worden ist, um eine von ihm richtig erkannte schwierige Zeit, die berühmten sieben mageren Jahre, in den Griff zu bekommen und dadurch seiner eigenen Sippe zu ermöglichen, zum Volk zu reifen über die nächsten zweihundert Jahre.
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Josef Ben-Jakow, Josef Sohn Jakobs. Und wenn Sie nun in die jüdische, nicht mehr israelitische natürlich, in die jüdische Tradition hineingehen und in den Volksmärchen, in den Erzählungen Josef suchen, so finden Sie ihn immer dort, wo der einfache Mensch erzählt. Der Handwerker, die Bäuerin, der Kleinstädter, der Wandernde, Handlungsreisende. Die Menschen, die in einer Situation stecken, die wir heute vielleicht prekär nennen würden, nicht wissend, wovon sie am nächsten Tag leben werden, oder ob im nächsten Jahr die Feldfrüchte reifen werden. Ob nicht irgendeine Invasion über sie drüber geht, die Kosaken oder sonstige Leute aus der damaligen Zeit, die mit irgendwelchen prekär lebenden kleinen Juden irgendwo nichts anfangen konnten, dort ist die Josefsgestalt im Volks-, im jüdischen Volksglauben, im jüdischen Volksleben ganz stark verankert.
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Gerade so wie wir den zweiten Josef, den neutestamentarischen Josef könnt' man sagen, den Josef des neuen Textes in der alpinen Bauernschaft, kleinen Handwerkerschaft besonders verehrt finden durch alle Jahrhunderte, seit wir das aus dem Frühmittelalter langsam nachvollziehen können. Selten finden wir eine Kirche, die dem heiligen Josef geweiht ist, aber wenn, dann war das eine Volkskirche, für das kleine Volk, für das niedere Volk. Für den Teil des katholischen Christentums, der sich dem Volke zugewandt hat, und nicht über das Volk fürstlich adelig geherrscht hat. Wenden wir uns nun einmal diesem zweiten Josef zu, damit wir die zweite grosse biblische Imagination zum Thema Josef anschauen.
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Rein in den kanonischen Texten, das sind die vier Evangelien, das sind die Apostelgeschichte, das ist die eine Apokalypse von den vielen, die eine ausgewählte, die des Johannes, und die paar Briefe, die man damals seitens der Kirchenväter im, naja, konsolidiert im ersten, zweiten nachchristlichen Jahrhundert in den Kanon der für alle Christen gültigen sogenannten heiligen Schriften aufgenommen hat. Es gibt viel mehr, wir haben zum Beispiel auf unserm „Text zum Neudenken”, also aus einem apokryphen Text einen Josef-Text herausgenommen, aus dem Protevangelium des Jakobus. Den hat man damals nicht, diesen Text, aufgenommen in den Kanon, sonst hätten wir noch ein Jakobus-Evangelium, ein Petrus-Evangelium, die Paulus-Akten, den Briefwechsel Paulus-Seneca und was es da noch alles gibt.
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Wenn Sie in eine Theologie-Bibliothek gehen an irgendein theologisches Institut, dann machen die Apokryphen ungefähr drei Meter in einer Bücherwand aus. Das sind dann dicke Bücher, grosse, drei Meter voll von Apokryphen, und bei jeder besseren Textfindung findet man wieder neue Apokryphen, ob in Nag Hammadi, ob in Engedi damals, bei den Qumran-Höhlen und so weiter, also Apokryphen gab es unendlich viele, weshalb wir eine reiche Josefsliteratur hätten, wenn die Apokryphen anerkannt wären. Wenn wir rein aber in den anerkannten Biblischen Text gehen, also in den neutestamentarischen, haben wir den Josef eigentlich nur am Beginn der Erzählung rund um die Herkunft Jesu.
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Geisteswissenschaftlich könnten wir sagen: wir haben den Josef noch ohne den Christus; denn der Christus taucht bei Jesus ja erst bei der Jordantaufe auf, und da ist uns der Josef, zumindest neutestamentlich, schon aus den Augen geschwunden. Maria bleibt, die finden wir noch in Kanaa erwähnt, wir finden Sie unter dem Kreuze erwähnt, wir finden sie wenigstens indirekt noch erwähnt nach der Auferstehung; Josef nicht. Josef finden wir erwähnt in dem Kontext, der auch viel plastischer und deutlicher in unserm „Text zum Neudenken” geschildert wird, nämlich in diesem schwierigen Verhältnis in der damaligen jüdischen Tradition wohlgemerkt, enorm schwierigen Verhältnis, dass ihm durch Los, man könnte auch sagen: durch Gottesurteil, eine junge Tempeldienerin zugeführt wird.
20|17:10]
Das wird in der Volkstradition zu wenig beachtet, dass nicht er sich eine Junge angelacht hat, um das einmal salopp mit den heutigen Vorstellungen anzureissen, das Thema, sondern dass er vielmehr gar nicht wusste, wie er zu diesem zweifelhaften Glück kam. Wir dürfen uns also Josef als einen längst verheiratet gewesenen Witwer vorstellen, mit erwachsenen Kindern, der langsam angefangen hat, sein Alter zu planen. Pensionen waren ja damals kein Thema, man hat gearbeitet bis man umgefallen ist. Und er war, da sind sich sämtliche Traditionen einig, einer, der mit Bauen zu tun gehabt hat. Im engeren Sinn dann gibt ihm die Bibel den Zimmermann als Baugewerk zu, aber er wird auch generell als Tischler, als Schreiner geschildert, nicht als einer, der mit Stein baut! Also keiner, der - das ist wichtig für das Bild- , keiner, der zum Beispiel Höhlen ausschlägt für Gräber, Steine metzt, um daraus Häuser oder Tempel bauen zu können, oder auch nur Steine sammelt und schlichtet zu Trockenmauern.
21|18:25]
Er ist einer der mit etwas arbeitet, was gelebt hat und nun nicht mehr lebt: Holz. Denn ein Josef hat immer auch etwas zu tun mit Lebenskräften. Das kommt beim ersten Josef deutlich hervor, ja sogar mit Überlebenskräften [hat er] zu tun; aber auch der zweite hat mit etwas zu tun, was einmal gelebt hat, so wie er, aber eigentlich jetzt noch zu brauchen ist, noch nicht ganz tot ist, aber eigentlich am Ende ist. Sein Holz ist es, als Holz als solches würde es vermodern, würde es verkommen, aber durch seine Kunst hergerichtet und in Häusern eingefügt, kann dieses Holz noch ein paar Jahrhunderte weiterdienen.
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Und auch er hat gelebt, hat ein, wollen wir mal sagen, ein erfülltes Leben hinter sich, und wird nun als Witwer berufen - denn alle Witwer der Umgebung werden berufen -, sich dem Los zu stellen. Denn die Tempeljungfrau Miriam, die Tochter der Anna und des Zacharias, ist zwölf geworden, und dadurch könnte sie ja den Tempel verschmutzen, wenn sie ihre Regel bekommt, sie muss also raus aus dem Tempel. Das ist nichts besonderes, das war üblich in den damaligen Tempelzusammenhängen, generell, nicht nur in Judäa, dass man junge Mädchen in den Tempeldienst nahm; und sobald sie ihre Regel bekommen haben, mussten sie den Tempel verlassen. Und man hat die nicht einfach auf die Strasse gestellt, sondern man hat ihnen dann tempel-, priesterlicherseits einen Mann gesucht, und das musste natürlich nicht irgendein Mann sein, konnte nicht irgendein Mann sein, sondern musste ein Würdiger sein, ein von Gott erwählter.
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Und so ist das Los auf Josef gefallen, und wir hören interessiert, wie das Protevangelium das schildert, in einer sehr bildhaften Sprache aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, also das ist nicht unmittelbar authentisch wie etwa Matthäus, Lukas oder Markus, aber doch noch sehr bildhaft, in dieser klassischen Diktion des weitverbreiteten Hellenismus. Das Los entsteht dadurch, dass der Priester sich Stöcke holt, von jedem einzelnen der Witwer, diese in den Tempel nimmt und dann wieder verteilt und schaut, was mit diesen Holzstecken passiert.
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Auch die Holzstecken haben eine völlig andere Aufgabe nun in den Händen derer, die sich auf sie stützen, als sie hatten, als sie noch Teil von einem Baum waren, von einem Strauch und dem schieren Aufnehmen von Säften und Abgeben der Säfte in Äste und so weiter, also dem reinen Leben Dienen. Nun dienten sie einem höheren Leben, nämlich dem Stützen oder Verwenden durch Menschenhand. Das sind Stöcke im Bild. Und aus einem dieser Stöcke entwindet sich nun eine Taube. Und daran erkennt man, weil es ja Josefs Stock war, aus dem sich eine Taube entwunden hat, daran erkennt man, dass Josef der ist, dem die Miriam zuzusprechen ist.
25|21:34]
Was macht jetzt Josef? - Interessant, was hat der alte Josef gemacht? Der alte Josef ist in tiefstem Gottvertrauen, man könnt' sagen: im jugendlichen, vielleicht sogar noch leicht kindlichen Gottvertrauen, zumindest in ungetrübtem Gottvertrauen, jeden Schritt gegangen, dem ihn seine Biographie gestellt hat. Der hat nicht zurückgeblickt, der hat nicht wehgeklagt, er hat nicht gesagt, das kommt nicht gut, sondern er ist jeden weiteren Schritt, auch den ins Gefängnis, auch den in die Todeszelle, wenn wir heute so sagen würden, ist er gegangen und natürlich dann auch die andern Wege, ohne sich dabei innerlich gross zu verändern. Das macht ja seine Grösse geradezu aus. Weder hat er geklagt, ist verzweifelt, ist er kleingeistig geworden, noch ist er überheblich, arrogant, und irgendwie überfliegend geworden, als er dann in Grösse war; er ist immer Josef geblieben. Eine durchgehende klare Linie, und dadurch konnte er geführt werden, er hat seiner Führung nichts entgegengestellt.
26|22:35]
Keine Zweifel, keine Nachfragen, keine Besserwissereien. Noch sein Urgrossvater Abraham hat mit Gott gerechnet und gerechtet und hat gesagt: „könnt' mer nicht so, könnt' mer nicht so, na, was soll ich noch Kinder kriegen, wo ich doch schon alt bin, meine Frau ist auch alt”; also der hat noch diskutiert mit Gott. Josef hat überhaupt nicht diskutiert. Und er war nicht dumm, wie wir aus seinen Traumdeutungen, aus seinen Handlungen heraus ersehen können in dem Bild, das uns da hingestellt wird von dem jungen Josef in Ägypten. - Ganz anders der Alte, der Einfältige (im Sinne von nicht sehr Gebildete), der gut integrierte in seinem Dorf-, dörflichen Charakter gut integrierte jüdische Handwerker. Der sagt sofort: „Ich? Kann keine ... ich habe ja schon alles hinter mir, ich habe ja schon erwachsene Söhne, was soll ich mit der Tempeljungfau? Auch kann ich keine Kinder mehr weiter in die Welt setzen, ich habe das alles ja schon getan!”
27|23:35]
War ja für Juden enorm wichtig, Kinder in die Welt setzen, aufziehen, damit es weitergeht, nicht? Aber das hat er ja getan, dieser Pflicht, dieser bedingungslosen religiösen Pflicht ist er nachgekommen. Und natürlich, wenn man eine Frau heiratet, jung oder älter, war es eine Pflicht, ihr auch Kinder zu gewähren. Also er hat begründet dankend ablehnen wollen. Und was macht der Priester nach unserm Prot-Evangelium, der oberste Priester? Er redet ihm nicht gut zu, er droht ihm, sagt: „Denk an die in unsern Schriften, wie es denen ergangen ist, die es gewagt haben, sich dem göttlichen Willen entgegen zu stellen. Die Erde hat sich aufgetan und hat sie verschlungen.” Naja, das sieht unser guter Josef ein, und nimmt sie halt mit, die Maria.
28|24:24]
Also unter Druck - er muss erst zum Josef werden sozusagen. Das ist nicht so leicht gewesen für ihn. Und was sollen die andern sagen, nicht? Der soziale Kontext hat eine Rolle gespielt. (Ich habe nur zwei Passagen aus dem viel längeren Text genommen, wenn man das nachliest in den Apokryphen-Sammlungen; es gibt sehr schöne, handliche, etwa die Manesse-Sammlung aus der unser Text genommen ist.) Da muss er noch einige Proben machen, bis er so ganz überzeugt ist, nicht?
29|24:55]
Und auch in der kanonischen Überlieferung hat er so seine Zweifel. Und ein Engel muss auch ihm sagen: „Du Josef, reg' dich nicht auf, was da geschieht mit deiner Miriam, ist schon in Ordnung, das hat Gott alles geregelt, kümmer' dich nicht, nein, frag' nicht lang.” Aber auch nicht, dass ihm erklärt würde, wie und wo. Es wird der Maria mehr erklärt, wenn der Gabriel zu ihr kommt und ihr die Verkündigung macht. Der Josef hat zu spuren, hat zu parieren, drum is er ein Josef, aber er weiss das noch nicht. Das muss er lernen. Der ist, na, er ist schon einige Generationen weiter und daher individualisierter, als es der alte Josef war, der ganz noch ins Sippenhafte eingebettete, elfte Sohn Jakobs. Er muss es lernen, er muss sich durchringen, zu dieser tragenden, helfenden, sich selbst vergessenden Gestalt zu werden. Wir können auch sagen, eine der Hauptaufgaben dieses Josefs in seinem eigenen Leben war es, selbstlos zu werden. Man möcht meinen, dass ein kleiner Handwerker, der Kinder grossgezogen, eine Familie durch- und aufgebracht hat, seine Frau schon verloren hat, alt geworden ist, dass der eigentlich eine gewisse Selbstlosigkeit erreicht haben mag. Aber weit gefehlt! Da sind noch viele in der Seele liegende Keime, wie bei jedem von uns, die werweisswelche Probleme sehen, die kommen könnten, die Zweifel haben und so weiter.
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Da wird uns also dieser Josef viel plastischer geschildert als der Alte. Der Alte hat fast archetypischen Charakter. Und dieser Josef des neuen Testaments, der nun ein neuer ist, aber alt, im Unterschied zum Alten, der ein junger war, der muss einen Entwicklungsprozess durchmachen. Beim andern Josef, bei dem ägyptischen Josef, wollen wir ihn einmal nennen, machen eher all seine Brüder einen Entwicklungsprozess um ihn durch, um ihn herum. Diese Brüder können an diesem Josef wachsen, wie chemisch etwas durch einen Katalysator sich verändern kann, ohne dass der Katalysator selber sich gross ändert.
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Ganz anders unser Josef jetzt, der alte Mann oder der alt gewordene, reif gewordene Mann. Der muss selber einen Entwicklungsprozess durchmachen, der muss seiner Aufgabe erst noch gewachsen werden. Ist sehr interessant, denn wir könnten ja sagen: bitte, die Gottheit hat da ein Orakel spielen lassen, man hat den da durch ein Los gewonnen, na wird ja die Gottheit wohl gewiss gewusst haben, wie entwickelt der gute Mann war, ob man da mit grossen Schwierigkeiten rechnen muss. Und da ist es natürlich interessant, dass da das Los gerade auf jemanden fällt, wo man mit den typischen Schwierigkeiten des noch nicht ganz Reifen konfrontiert wird; also nicht mit einem glatten Nein, nicht mit einem Davonlaufen, wie etwa Jonas, wo der seinen Wal gebraucht hat, der ihn geschluckt hat und ein bisserl rumtansportiert hat, bevor der seine Aufgabe übernommen hat; schon, schon einen, der sich einem Los beugt, aber zu diskutieren anfangt, wie seinerzeit Abraham nicht müde geworden ist, mit Gott zu diskutieren, und im nicht-biblischen Apokryphenbuch Ijob, ein ganzes Buch davon redet, wie ein Geschundener, ein Geplagter mit Gott rechtet und diskutiert und herauszufinden sucht, wie eigentlich zu rechtfertigen ist, dass ihm so viel Leid erfahren muss.
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Also wir haben durchaus in den alten Texten schon jede Menge Diskussion, wie Vorläufer zu dem, was wir jetzt bei Josef haben, aber bei Josef nur angedeutet. Denn schnell bekommt er immer wieder soviel Erfahrung, man könnte modern sagen: so viel Information, damit er wieder den nächsten Schritt machen kann. Der erste Schritt ist, dass er einmal diese Maria zu sich nimmt. Hübsch, wie das bei unserm Text da geschildert wird, er nimmt sie und das erste, was er ihr sagt: „Du ich bring dich jetzt in mein Haus, da bleibst du, ich geh' jetzt meinen Geschäften nach.” Er verschwindet gleich wieder. Wir können uns lebhaft vorstellen, dass er verschwindet, und diese Tempeljungfau da als seine Frau jetzt einmal in Ruhe lasst, um zu klaren Gedanken zu kommen, um sich eine Meinung bilden zu können zu dem, was ihm da widerfahren ist.
33|29:02]
Nicht lange darauf kommt er zurück - ist die junge Dame schwanger! Er hat keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Es gibt da verschiedene geisteswissenschaftliche Ansätze, die das zu erklären versuchen. Das ist für uns nicht wichtig, weil für uns heute bei diesem Vortrag ist es wichtig, dieses perplexe Stehen vor dem Umstand, dass die Junge schwanger. Bitte eine Tempeljungfrau, die ganz nach innen gelebt hat! Die, wie soll das sein, dass er kurz weg ist und nachher ist die schwanger? Das ist ja nicht ein leichtfertiges Mädchen. Das ist auch nicht eine, die jetzt ausbricht: „Jetzt habe ich endlich den Tempel hinter mir, jetzt schau ich mir mal die Männer gründlich an”, nicht? Weit gefehlt! - Allerdings war das dann eine der vielen, üblen Nachreden an Maria, die von jüdischer Seite gekommen ist: wie hat denn die eigentlich ihr Kind gekriegt? Was war denn des für eine? Also dies ist durchaus auch in der Debatte dann aufgetaucht, vorallem in der Debatte nach dem Mysterium von Golgatha, zwischen Juden und Christen, den ersten, aber zunächst einmal ist es eine erstaunliche Geschichte und kein Wunder, über das man als Josef besonders froh werden konnte.
34|30:11]
Oder gar stolz sein: „Bei mir spielen noch die Wunder! Bei mir kommt der Herr persönlich und zeugt.” So war das nicht! Im Gegenteil, er musste sich sagen: „Ich hab' da eine ganz Raffinierte untergejubelt bekommen.” Aber es war vom Tempel, es war nicht von irgendwo, er hat sie nicht von der Strasse aufgelesen! Also dieser Zwiespalt, dieses Nicht-Herausfinden aus einem massiven Zweifel war ihm. Der Engel Gabriel ist dann auch zu ihm geschickt worden und hat barsch und kurz erklärt, dass er sich darum nicht zu kümmern habe. Also nicht: „Das ist von Gott, und es ist so und der Heilsplan und versteh' doch”! Dafür ist der Josef noch zu früh, zu primitiv in der Entwicklung. Das könnte er gar nicht fassen. Also wird er mehr oder weniger geheissen, um nicht zu sagen angeherrscht, sich zu beherrschen und die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Und da ringt er sich durch, jetzt könnte man sagen: legitimiert die Schwangere. Ein ganz wichtiger Prozess, überhaupt in dem damaligen engen völkischen Kontext, den dieses Volk Juda da hatte um die Zeitenwende, eingebettet in das römische Reich, umgeben von Neidern - früher waren das Feinde, jetzt sind sie alle unter der Pax Romana halbwegs friedlich, aber es gärt.
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Und dieses Volk Juda muss sehr zusammenstehen, damit es überleben kann als Volksgemeinschaft und nicht gleich in der Diaspora verschwindet. Keine vierzig Jahre nach Golgatha ist es dann eh soweit gewesen, da sind sie dann sozusagen zuerst implodiert und dann explodiert, das war die berühmte Vernichtung des Tempels zu Jerusalem. Aber noch ist das nicht der Fall, noch haben sie sich jetzt erholt nach den Erschütterungen des letzten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, wo die Makkabäer standen, wo nachher Pompeus Palästina erobert hat und so weiter und so weiter. Sie haben sich im herodianischen idumäischen Staatsgeflecht halbwegs eine Bleibe sichern können, einen momentanen Ausgleich; und schon kommen die römischen Forderungen herein, ich erinnere: Augustus möchte einmal wissen, wer da aller in seinem Reich kreucht und fleucht, und lässt eine Zählung anberaumen, nicht ohne dass da bezahlt werden muss, Behördenwege kosten (das wissen sogar wir noch), und obendrein soll jeder bitte dorthin, wo er heimatberechtigt ist. Als ob's die Schweiz wär', nicht? Dort haben wir ja auch Heimatberechtigungen aller Art. Und bei der Volkszählung genügt's nicht, dass man das angibt, sondern man musste auch hin beim Augustus und dort sich registrieren lassen, wo man heimatberechtigt war. Und die armen zwei aus Nazareth waren in Bethlehem heimatberechtigt als Nachfolger des Davidischen, also als Davidisch-Geschlechtige.
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Und auch da hat der Josef eine ganz bestimmte Rolle, nämlich die nicht nur einfach des Begleiters, sondern des sorgendes Begleiters, dessen, der für die Aussenwelt zuständig ist. Selbstverständlich, für uns Nachfolgende und überhaupt für das gesamte Christentum ist die Innenwelt entscheidend, die Schwangere und was sie da unter dem Herzen trägt. Lukas bringt das in verschiedenen Bildern auf das Schönste zur Geltung; und es gibt auch aus den apokryphen Texten eine Fülle sehr zu Herzen, das Gemüt stark bewegende Texte, ja sogar Gedichte, die diesen Innenzustand schildern: die Maria mit ihrem Kind und der Josef, der neben dem Esel auf dem sie sitzt sozusagen einhergeht.
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Oder in seinem Hause kann sie das Kind erwartet haben, und es ist - jetzt wird's aber schon aussen -, es ist gegenüber der Dorfgemeinschaft legitimiert. Was immer die tuscheln und tratschen, was der Alte da mit der Jungen, aber es ist, man weiss ja, der Tempel hat ihm die zugesprochen und das ist Gottes Ding und sie hat einen Aussenschutz. Und dieser Aussenschutz ist das, was Josef zugeben hat. Und der Aussenschutz ist jetzt nicht nur der soziale Schutz, dass sie eine Stellung hat, einen Platz hat, als Ehefrau, als Weib des Josef, sondern er wirkt bis ins Materielle, bis in die Herbeibringung, dessen was so eine junge Mutter braucht.
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Und dann kommt noch hinein die Notwendigkeit, im hochschwangeren Zustand die Frau nach Betlehem zu bringen, nur weil da in Rom der Oberste, der langsam sein Reich konsolidiert hat nach vielen Schlachten und vielen Feldzügen, jetzt wissen will, wer da aller wo wohnt. Und das muss jetzt geschehen, das kann nicht warten, bis die junge Frau ihr Kind auf die Welt gebracht hat. Also müssen sie noch - das ist für die damaligen Verhältnisse (und wer die Landschaft ein bisschen kennt, vielleicht von Bildern, von Filmen, kann sich das vorstellen) doch eine relativ mühsame Reise ob zu Fuss oder auf dem Esel - aus dem relativ lieblichen Galiläa, Nazareth, allmählich immer mehr in das wüstige, steinige Judäa, um dann an Jerusalem vorbei hinunter zu kommen nach Bethlehem. Das geht auch nicht an einem Tag, das heisst es müssen Nachtquartiere da sein, es müssen Ruhelager da sein, es muss überlegt werden, welche Pausen man wo macht, Wasser muss mitgeführt werden, also eine ziemliche Logistik braucht es da, die nicht von der Maria kommen kann. Und wo auch da kein Engel gemeldet wird, der sich drum kümmern würde, könnte man ja sagen. Bitte, wenn der Engel schon sagt, es wird ein Kind geboren werden, dann könnten ja die anderen Engel statt immer nur Halleluja zu singen, auch ein bisschen für Wasser sorgen, eine Quelle entstehen lassen, also einen Wunderweg machen von Nazareth bis Bethlehem, vielleicht noch mit einer Rolltreppe von Jerusalem runter, dass man da nicht den steinigen Weg bis Bethlehem gehen müsste. Keineswegs, das war Josefs Aufgabe! Und der alte Josef macht das, obwohl er eigentlich anderes zu tun hätte, aus seiner Sicht, aus seiner Biographie heraus. Vielleicht noch dort was zurecht zimmern, da einen Auftrag zuende führen, mit seinen früheren, mit seinen Kindern von der ersten Ehe dies und jenes in die Wege leiten. Kurzum, er hätte ein eigenes Leben! Und er stellt es zurück. Ob wir jetzt sagen, dass er das genötigt zurückstellt oder aus freien Stücken, ist nicht so wichtig; aber immerhin fügt er sich drein, er verbindet sein Wollen mit dem, was von ihm gewollt wird.
39|36:32]
Das ist auch für uns heute noch eine hervorragende Signatur, ein wirkliches Vorbild, dass wenn wir erst einmal erkennen, dass von uns etwas gewollt wird, dass wir lernen, unseren Willen damit zu verbinden. Oder wenn wir nein sagen, wir sehr genau wissen, warum wir nein sagen. Gerade wir kranken heute sehr stark dran, in dieser viel weiter ausgereiften Situation des Individualismus, die wir heute haben. Gerade da können wir an einem Josef sehr schön erkennen, dass trotz Zweifel, trotz Widerstand, trotz Nichtverstehen, was da eigentlich abgeht, letzlich immer wieder das Durchringen zu finden ist, den eigenen Willen einfliessen zu lassen in den Willen, der da gewollt wird.
40|37:19]
Bitter notwendig für den Fortgang der sogenannten Heilsgeschichte, ein Fortgang, der jetzt anfängt, in einen Flaschenhals zu kommen. Aus einer weiten Öffnung herein, also der Abraham, aus dem Lande [Harran], dem heutigen Nord-Irak [eigentl. Südosttürkei] herüber, nomadisierend im Palästina-Gebiet. Da auf und ab, noch gar keinen rechten Platz habend, endlich da sich bei Hebron allmählich festigend; dann das Hin und Her, zuerst ein Sohn, dann zwei Enkel, dann zwölf Urenkel, dann die ganze Ägyptengeschichte, also aus Weiten herein zieht sich dieser Heilsstrom, macht dann eine wilde Geschichte durch ein paar Jahrhunderte durch - kann man alles nachlesen, sowohl im sogenannten alten Testament, als auch in andern Texten, soweit sie darauf Bezug nehmen, aus ägyptischen Texten, aus syrischen Texten, später aus lateinischen Texten schon, griechischen, also das ist eine sehr gut gesicherte Geschichte, die Geschichte des Volkes Israel, aber sie wird immer enger. Massisve Verengung durch die babylonische Gefangenschaft, aus der integer eigentlich nur noch der Stamm Juda herauskommt. Von dort weg gibt es eigentlich nur Juden, das ist das berühmte Jahr 530 vor unserer Zeitrechnung; bis dahin hatte es das Volk Israel gegeben, die zwölf Stämme in ihren verschiedenen Aufsplitterungen. Das neu Fassen, das Wiedererrichten des Tempels, des zerstörten salomonischen Tempels, der berühmte zweite Tempel, der dann von Herodes noch verbessert worden ist (manche sagen, der herodianische Tempel war ein dritter, andere sagen es war der zweite, das ist eine reine Rechengeschichte, wie man das nennen will). Und es wird immer enger, die Geschichte. Und immer wieder fällt allerlei weg aus der Geschichte, was nicht dazu gehört, etwa der berühmte Davidsohn Absalom, um nur ein typisches Schicksal zu erwähnen.
41|39:15]
Und dann verdichtet sich das bis hin auf diesen Josef, der eigentlich nur dazu da ist, in seinen behüteten Innenbereich eine schwangere junge Tempeldienerin zu begleiten, zu begleiten, ohne für sich selbst irgendetwas zu wollen. Das ist wieder diese ganz entscheidende Josef-Signatur. Der eine, der junge Alte hat's gekonnt, einfach, wie selbstverständlich, der andere musste es Schritt für Schritt lernen, sich abringen, aus seiner eigentlich richtigen reifen Alterserfahrung Schlüsse ziehen, die mit dieser Erfahrung gar nicht kompatibel waren! Er musste also seine eigene Erfahrung, sein eigenes Wissen überwinden, um das tun zu können, wofür er bestimmt war.
42|40:19]
Und wenn wir dann das klassische Josefsbild anschauen, wie er da steht neben der Krippe, wenn [wir] eine schöne alpine Krippe hernehmen, wo die Maria vielleicht kniet, genauer gesagt, sie sitzt dann auf ihren Fersen kniend, müde, erschöpft, aber glücklich, das Kind in der Krippe - Ochs und Esel lassen wir einmal weg -, und da steht dann im Halbdunkel dieser alte Mann, gerne in einem braunen Umhang dargestellt, wo man nicht recht weiss, was tut er da. Ja, er steht halt auch da wie hingestellt, nicht?
43|40:53]
Weiss noch selber die Krippenaufrichtesituation zu Hause in Wien in der Wohnung, [wo man noch alles] über den ganzen Advent immer vorbereitet hat, es war sehr nett, das nebenbei. Ich durfte dann immer, wenn ich was gut gemacht habe, einen Strohhalm nehmen und zur Vorbereitung in den Krippenbereich legen, nicht, und es war wichtig, dass möglichst viel Stroh da war, für das Kind, das kommen sollte. 's war a furchtbare Zeit: wieviel gute Taten das braucht, bis da die Krippe da gefüllt is', nicht? Mit einem Strohhalm ist's ja nicht getan! Also aus meiner Sicht wär' es ja genug gewesen, a Kind, wozu braucht es einen Strohalm, zum Trinken, aber dass es da liegen muss und dass daher viel Stroh nötig ist - dann war das nicht wirklich Stroh, sondern dünnes Gras, und ich krieg' nur ein' Grasfaden pro gute Tat. Da war was zu tun, nicht? Konnt' ich mir lebhaft vorstellen, bis so eine Krippe bereitet war, was so ein Josef alles zu tun hatte, nicht? An guten Taten, an hingebungsvollen und das eigene Ich nicht berücksichtigenden Leistungen. Und da steht er nun, müde, vielleicht erschöpft, oder vielleicht auch zufrieden, aber nicht mehr wichtig. So unwichtig, dass wir oft dann, bei den letzten Tagen vor Weihnachten, wo's um die Krippenfiguren gegangen ist, den Josef gesucht haben.
44|42:05]
Das ist interessant, der Josef hat dann öfters einmal gefehlt, und [im] letzten Moment hat man ihn dann noch in irgendeiner Schachtel gefunden, den Josef. So als ob er selber gar nicht mehr wichtig gefunden hätte, dass seine Figur auch noch dort zu stehen kommt. Aber die ist entscheidend wichtig, eine Krippe ohne Josef ist keine! Das Bild ist unvollständig; die Imagination des Weihnachtsgeschehens in Bethlehem ohne Josef ist eine irreführende. Es braucht diese Gestalt, die für das Überwinden steht, Über-das-Eigene-gesiegt-Haben steht. Über eine ganz praktische Selbstlosigkeit gibt diese Gestalt Auskunft. Und dann taucht sie in den neutestamentlichen Erzählungen nur noch auf als Begleiter nach Ägypten [auf]. Tja, und zur Rückkehr zurück heisst [es] nur: sie kehrten zurück nach Nazareth, und dort hat Josef wieder seine Arbeit aufgenommen. Also so alt war er noch nicht, dass er nicht weiter seine Zimmermannsarbeit aufnehmen konnte, und sogar den jungen Jesus lehrt er dann, Zimmermann zu werden, also mit Aufbau sich zu beschäftigen, mit Holzkonstruktion sich zu beschäftigen. Und dann verlieren wir seine Spur - wenn wir nicht in die Apokryphen gehen.
45|43:31]
Es gibt nun ein paar sehr schöne spätmittelalterliche Darstellungen, wo Josef auch dabei ist, wenn es um die Verwandlung von Wasser zu Wein geht, also in Kana. Eine der berühmtesten ist in der bekannten Kirche zu Zillis. In der Nähe der Via Mala im Graubündischen, die eine reich bebilderte Kassettendecke aus dem Spätmittelalter hat, oder frühen Renaissance, wo also eine sehr eigenwillige Interpretation der verschiedensten alttestamentarischen, neutestamentarischen Stellen da ist. Und drum ist die nicht nur kunstgeschichtlich so wertvoll, diese Kassettendecke von Zillis, sondern auch theologisch hochinteressant, weil sie zeigt, was sozusagen am Vorabend der Reformation, wenn ich's richtig im Kopf habe, vorallem der Schweizer Reformation, also Zwingli, Calvin, Farel und diese Leute, was da an Volksfrömmigkeit bis in die Malerei hinein gelebt hat. Und in diese Volksfrömmigkeit war ja eine Menge Wissen eingebettet und Zusammenhänge; und was da noch dargestellt werden durfte, bevor die Bilderstürmer gekommen sind, und wo sie Bilder in die Finger bekommen haben, wie die neueren Islamisten alles verbrannt haben und die Leute, die die Bilder retten wollte, gleich an die Marterpfähle gebunden haben, das war dann die Reformation. Zillis ist gerettet worden, weil's einfach weit weg in den Alpen drin war und sozusagen im katholischen Bereich geblieben ist.
46|44:56]
Chur[rätien], Luzern, Uri, diese ins Alpine hinein gewachsenen Kantone sind von der Reformation ja nicht erfasst worden. Da finden wir ja eben, das ist ein Beispiel von vielen, den Josef noch in andern Zusammenhängen, wo wir ihn rein von den schriftlichen Überlieferungen, von den kanonisierten schriftlichen Überlieferungen nicht mehr finden. An der Schwelle der Christuswirksamkeit, dem Jesus, Hochzeit zu Kaana, wird er dargestellt als einer der Gäste. Er wird nicht unter dem Kreuz dargestellt, wohl aber taucht er auf im Kontext zum, vom letzten Abendmahl. Nicht als Teilnehmer, aber als Beobachter. Da gibt es hübsche Darstellungen: eine kenn' ich, wo er sozusagen auf einer Empore steht, also oben in dem Raum des Abendmahls, und herunterschaut, wie sein Sohn da mit den zwölfen tischt, das Abendmahl feiert. Und überall, das ist interessant, hat er den Begleitungscharakter, der allmählich übergeht in einen Zeugenschaftscharakter, er bezeugt. Da wo er nichts mehr Konkretes zu tun hat, und man könnte sagen: spätestens mit der Jordantaufe ist seine aktive Rolle erfüllt, da kommt, wird er gesehen im Frühchristentum und in den später drauf aufbauenden verbildlichten Volkslegenden und so weiter, als Zeuge, als wie er seinem Sohn, der ihm entgleitet, der etwas anderes geworden ist, weiter beobachtend zur Seite steht.
47|46:36]
Wir finden dann den Josef in der alpinen Volksfrömmigkeit weit verbreitet. Ich selber habe es noch erlebt als Kind, in den Sommerferien in der Steiermark bei einfachen Bauern untergebracht, die sehr bewegt erzählt haben, wie sie im Winter einmal gesessen sind und einen Braten im Rohr gehabt haben, was also für die Bauern damals eine Seltenheit war, dass einmal ein Braten da war. Und da kam ein einsamer alter Mann, hat geklopft an der Tür, sie haben ihn natürlich sofort herein gebeten und haben ihm vom Braten gegeben, und er hat gegessen, und der Braten ist natürlich geschrumpft, die Familie hat schon geschaut, der Braten wird weniger, und die Mutter hat gesagt: „Nein, wenn wir einen Gast haben, selbstverständlich soll er von dem Braten essen”. Hat sich dann verabschiedet, und wie sie am nächsten Tag den Braten herausnimmt, ist der wieder ganz, war der ganze Braten wieder da, als ob nie jemand von dem gegessen hätte. Und da sind sie auf die Knie gefallen, die Bauern, die (nicht mit „Hoppla, was'n los?”) ihn aufgenommen haben. Haben etwas erzählt und haben verstanden, es ist ihnen wie Schuppen von den Augen [gefallen]: der heilige Josef hat sie besucht. Konnte nur der heilige Josef sein, der ihnen den Braten erhalten hat.
48|47:48]
Wie immer jetzt das psychologisch zu deuten ist, wie die auf die Idee kommen, will uns gar nicht interessieren. Wir bleiben im Imaginativen, aber aus konkreter Volksfrömmigkeit, noch in den späten neunzehnfünfziger, Anfang neunzehnsechziger Jahren in der Steiermark durchaus lebendigen Traditionen. Ich möchte meinen, dass die auch in Vorarlberg, in Tirol und sonstwo lebendig war, diese Tradition: dass der heilige Josef [erschien] zu bestimmten Zeiten, wenn man hineingeht in den Hof, wenn der Schnee draussen sich breit macht, wenn man teilen muss, weil nicht mehr für alle alles da ist. Wenn das Eingemachte aufgemacht wird, da taucht der heilige Josef auf und schaut, wie es seinen kleinen Handwerkern, seinen Bauern, Bäuerinnen und so weiter geht. Ich weiss nicht, wieweit das heute noch lebt, aber wenn ich versuchsweise noch auf Bauern treffend den Josef ansspreche, auch in der nahen Schweiz drüben, insbesondre im Sanktgallischen, das ja auch noch katholisch ist und nicht reformiert, da ist der Josef durchaus ein Begriff. Durchaus im Sinne von: „des isch oan, auf dea ma zähla ka!” Das ist ein Heiliger zum anfassen.
49|48:59]
Es ist ein Heiliger, der das mühsame, beschwerliche, aber gläubige Leben begleitet. Und auch dann, im Zweifelsfall, wenn man tot ist und vor Gericht steht, für einen Zeugnis ablegen kann. Durchaus Josef als Fürsprecher, wo wir doch eigentlich in der katholischen Tradition Maria als die grosse Fürsprecherin haben. So haben wir gerade noch in der bäuerlichen und einfachen handwerklichen Tradition zumindest bis vor Kurzem gehabt die Figur des Josef als Fürsprecher. Weil der versteht es, was es heisst, das Eigene komplett zurückstellen zu müssen, damit überhaupt das nackte Leben weitergeht. Damit die Jungen erwachsen werden können, zum Beispiel. Damit man die Steuern zahlen kann, die sowohl der Adel, wie später dann die Republiken immer wieder gerne eingenommen haben. Somit habe ich ihnen jetzt im ersten Teil dieses Vortrages die zwei grossen Bilder hingestellt. Zum einen den ägyptischen Josef, zum andern den Nazareth-Josef, den palästinensischen, später judäischen Josef, und beide mit dieser charakteristischen Signatur: es geht nicht um ihn! Er ist ein Durchgangstor für geistige Wirksamkeiten, die bis in die äussere Menschengeschichte hinein sich offenbaren. Und danach schauen wir uns das von der geisteswissenschaftlichen Seite nocheinmal gründlich an.
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