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Neudenken:
Widerspruch
Selbst so schöne alte Wörter wie «Wolke» und «Strahlung» erscheinen beladen mit dem Schatten ihres Widerspruchs. Das «Unvermögen, mit dem Fortschritt der Wissenschaft sprachlich Schritt zu halten», ist Ausdruck davon, wie wenig eigenes Werden der Mensch diesem Fortschritt entgegenzuhalten - oder mitzuhalten? - versteht. An diesem Tag,[a] der Welt und Mensch in Frage zu stellen scheint, muß sich der Bruder der Schriftstellerin [b] einer schwierigen Gehirnoperation unterziehen. Christa Wolf erlebt beide lebensbedrohende Ereignisse - die Reaktor-Katastrophe und die Gehirnoperation - aus einem neu gewonnenen Blickwinkel. Sie schaut sie zusammen: Was dem Erdball wie ein Fluch geschieht, resultiert aus ebendemselben Fortschritt der Wissenschaft, dem der Bruder die Weiterführung seines Lebens verdankt. Wissenschaftlich technologische Kopf-«Operation» (im ursprünglichen Sinn als Arbeit, Verrichtung) auf beiden Seiten. Der Widerspruch ist unauflösbar. Er setzt sich vielmehr noch weiter fort in die Frage nach der menschlichen Individualität. Atom [c] und Individuum - beide Begriffe sind eines Ursprungs; sie weisen auf das Unteilbare, Unspaltbare hin. Sind sie vergleichbar? Was ist der Mensch? Christa Wolf sucht ihn in der Sehnsucht nach Fortschritt, im Drang nach Wissenschaft, nach Erforschung der Welt, in der Unruhe, Utopien gebären zu müssen. Finden wir nur dort den Menschen?
«Treiben die Utopien unserer Zeit notwendig Monster heraus? Waren wir Monster, als wir um einer Utopie willen - Gerechtigkeit, Gleichheit, Menschlichkeit [d] für alle -, die wir nicht aufschieben wollten, diejenigen bekämpften, in deren Interesse diese Utopie nicht lag (nicht liegt), und, mit unseren eigenen Zweifeln, diejenigen, die zu bezweifeln wagten, daß der Zweck die Mittel heiligt? Daß die Wissenschaft, der neue Gott, uns alle Lösungen liefern werde, um die wir ihn angehen würden? Ist die Frage falsch gestellt? Habe ich, weil ich seit Tagen, Wochen diese wahrscheinlich falsch gestellte Frage ergebnislos umkreise, nur zu gerne den Vorwand benutzt, den dieser Tag mit liefert, mich von meinem in falschen Fragestellungen, zaghaften Annäherungen, unzureichenden, daher zahllosen Ansätzen steckengebliebenen Manuskript zu beurlauben? Gesucht und zugleich geflohen wird der Punkt des stärksten Schmerzes; ich sollte es wissen, Bruder, woher dieses Gefühl des Zerrissenwerdens kommt; verstehen - mein Gott ja, verstehen kann ich es schon, wenn man versucht, dem auszuweichen, bis in den Kosmos, oder eben ins Atom -
Liste der Tätigkeiten, die jene Männer von Wissenschaft und Technik vermutlich nicht ausüben oder die sie, dazu gezwungen, als Zeitvergeudung ansehen würden: einen Säugling trockenlegen, kochen, einkaufen gehn, mit einem Kind auf dem Arm oder im Kinderwagen. Wäsche waschen, aufhängen, abnehmen, zusammenlegen, bügeln, ausbessern, Fußboden fegen, wischen, bohnern, staubsaugen. Staubwischen. Nähen, Stricken. Häkeln. Sticken. Geschirr abwaschen. Geschirr abwaschen. Geschirr abwaschen. Ein krankes Kind pflegen. Ihm Geschichten erfinden. Lieder singen. - Und wie viele dieser Tätigkeiten sehe ich selbst als Zeitvergeudung an?
Ich habe gelesen: Der Mensch, unfertig und unvollkommen, könne auch als ein Wesen definiert werden, das aktiv nach seiner optimalen Entwicklung suche. Ich - jenes Ich, das sich zum Zwecke des Nachdenkens von ‹mir› abzuspalten pflegt..., ich habe mich sehr komisch gefunden, in der Lücke zwischen Holunderbüschen stehend, noch mal und noch mal den Ausblick über das grüne Getreidefeld, wie es da in großen Wellen zum See hin abläuft, in mich aufnehmend, ein Bild, nach dem ich süchtig werden könnte, und mich fragend: Was will der Mensch.»
Dorothea Rapp/Christa Wolf
aus »Alchemie der Nähe«; S.101ff
Unsere Anmerkungen
a] des GAU in Tschernobil an einem April-Samstag 1986
b] die Lyrikerin Christa Wolf
c] von ἄτομος (átomos ~ unteilbar)
d] wer immer diese auch wie beschreiben oder gar festlegen mag