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Furcht und Hoffnung
BA Rūzbihān BAQLĪ, 'Abhar al-'āshiqīn, Le jasmine des fidèles d'amour, ed. H. Corbin (Tehran-Paris 1958), nach Paragraphen zitiert.
D Jalāluddīn RŪMĪ, Dīwān-i kabīr, ed. B. Furūzānfar, Bd. 1-7 (Tehran 1336 sh./1957ff.) Gedichtnummer zitiert.
G Abū Ḥāmid AL-GHAZZĀLĪ, Iḥyā' 'ulūm ad-dīn, 4 Bde. (Bulaq 1289 h/1872-3).
K AL-KALĀBĀDHĪ, The Doctrine of the Sufis, transl. A.J. Arberry (Cambridge 1935).
L Abū Nasr AS-SARRĀJ, Kitāb al-luma' fi't-taṣaw-wuf, ed. R.A. NICHOLSON (Leiden-London 1914).
W Paul NWYIA, Exégèse coranique et langage mystique (Beirut 1970).
S.9ff
Die Mystiker sind geteilter Meinung, ob Furcht und Hoffnung (khauf, rajā), Stationen [auf dem inneren Weg] oder Zustände [der Seele] sind. Sarraj [a] meint, es seien Zustände, aber psychologisch gesehen würde man sie lieber bei den Stationen eingeordnet sehen; denn sie gehören zu den langdauernden Grundformen mystischen Lebens in seinen Anfangsstadien, ja auch noch in späteren Tagen. Furcht zu verspüren ist grundlegend für jeden frommen Muslim.[b] Hat nicht der Koran oftmals von Gottesfurcht gesprochen, von Furcht vor dem Gericht, und enthält er nicht genug Warnungen, die das Herz des Frömmsten in Furcht erzittern lassen? Doch Hoffnung ist ebenso notwendig, denn Leben wäre unmöglich ohne Hoffnung, und »Furcht und Hoffnung sind die beiden Schwingen der Handlungen, ohne die man nicht fliegen könnte« (L 62). Oder, wie Sahl es sah: Furcht ist ein männliches Element, Hoffnung ein weibliches, und beide zusammen erzeugen die tiefsten Glaubenswahrheiten (K 89).
Die frühen Asketen betonen den Aspekt der Furcht mehr als den der Hoffnung. Sie gingen sogar so weit, festzustellen, daß jemand, der in Furcht lebt, seinen Nachbarn Vertrauen einflößt, weil sie wissen, daß sie vor seinen Machenschaften sicher sind und ihn nicht niederer Absichten zu verdächtigen brauchen (W 223). Doch selbst ein Vertreter der reinen Liebesmystik wie Ruzbihan-i Baqli preist Gottesfurcht als »die Peitsche der göttlichen Machtvollkommenheit (jabarūt), welche die zum Bösen anreizende Seele mit der Peitschenschnur ›korrektes Benehmen‹ (adab) schlägt« (BA 223). Das Kapitel ›Furcht und Hoffnung‹ in Ghazzalis Iḥyā' 'ulūm ad-dīn spiegelt sehr gut die verschiedenen Haltungen der Gläubigen im Hinblick auf diese Zustände wider und beweist, daß ein Gleichgewicht zwischen beiden Kräften für ein gesundes religiöses Leben unbedingt notwendig ist (G IV 288)¹³.
Im Laufe der Zeit jedoch erwies sich die Hoffnung stärker als die Furcht,[c] obgleich auch die fortgeschrittenen Mystiker die Furcht kannten, ja sie sogar genossen.[d] Aber in ihrem Fall ist es nicht mehr die Furcht vor Gottes Gericht oder den Höllenschrecken, die sie ständig wachsam sein läßt, sondern die Furcht vor Gottes makr, Seiner ›Ränke‹.[e] Denn selbst im Augenblick vollkommener Glückseligkeit kann der Mystiker niemals gewiß sein, daß Gott diesen erhabenen Zustand nicht als Schlinge benutzen wird, ihn zu fangen, um ihn noch einmal zu weltlichen Gedanken wie Stolz und Heuchelei herabzuziehen und ihn so vom höchsten Ziel abzulenken. Wunder konnten beispielsweise als göttliche Ränke erklärt werden, denn sie sind noch immer mit der Welt verbunden. Aber auch die kleinsten Freuden des Alltags konnten Gottes Ränke verbergen, die man fürchten mußte. Wer konnte denn überhaupt sicher sein, von Gott gerettet oder angenommen zu sein? Man konnte darauf hoffen, gewiß, doch niemals ohne Furcht.
Doch der Gedanke, ›gut von Gott zu denken‹, das heißt, Seinem Versprechen, Sünden zu vergeben, zu glauben, erwies sich im mystischen Leben als stärker. Hatte nicht auch die Tradition gelehrt, daß Gottes Gnade Seinem Zorn vorangeht? Aus diesem Glauben erwuchs das gesamte Gebetsleben der Sufis. Ebenso wie der feste Glaube an Gottes unendliche Gnade und die Hoffnung auf Seine Barmherzigkeit die Gebete eines frühen Sufi wie Yahya ibn Mu'adh durchdringen, hat man sich auch später immer an das Prinzip Hoffnung gehalten, wie Rumi einmal poetisch sagt:
Hat jemand das Korn der Hoffnung in diese Erde gesät,
dem der Lenz Seiner Gnade nicht hundertfache Frucht geschenkt hätte? (D 1253).[f]
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13. AL-MAKKI, Qūt al-qulūb, Bd. II, S. 58ff. Vgl. die Definition von Khanqahi, Guzīda, S. 22: „Wer Gott nur in Furcht anbetet, ist ein ḥarūrī (d. h., Kharijit); wer Ihn nur in Hoffnung anbetet, ist ein Murjiit, und wer Ihn in Liebe anbetet, ist ein zindīq, Ketzer.” Nur eine ausgewogene Kombination der drei Elemente macht den echten [g] Muslim aus.
S.186ff
Annemarie Schimmel
aus «Mystische Dimensionen des Islam»
Unsere Anmerkungen
a] Abū Nasr 'Abdallāh es-Sarrādsch et-Tūsi
b] ebenso für fromme Juden (vgl. Rabbi Sussja) und Christen
c] Das ist auf das Erstarken des seiner selbst bewussten Individuums zurückzuführen.
d] da die Furcht als Rückwirkung der Gottesbegegnung erfahren wurde, gewissermassen als Auszeichnung
e] Hier wird das Ich, das sich im Ego spiegelt, für Gott gehalten.
f] vgl. R.STEINER zur Hoffnung
g] Im Versuch, eine echte Geisteshaltung von einer unechten per Definition zu unterscheiden, liegt der Beginn jedweder Ideologie, die letzlich zur Verfolgung Andersdenkender führt.