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Neudenken:
Fließgleichgewicht
Auf den ersten Blick hin erscheinen die plastischen Formen des menschlichen Körpers ruhend wie die Formen einer Skulptur.[a] Eine innere, wissenschaftliche Anschauung der Lebensvorgänge lehrt jedoch, daß jedes räumlich konturierte Organ einem äußerlich nicht unmittelbar sichtbaren Abbau unterliegt, dem ein gleichzeitig verlaufender Aufbau das Gleichgewicht hält. Die angeschaute Form lebt in einem Fließgleichgewicht, der stehenden Welle in einem Fluß vergleichbar. Während des Lebens herrscht aber nur vorübergehend «Gleichgewicht» im eigentlichen Sinn des Wortes. Beim Säugling überwiegt der Aufbau; in der Lebensmitte herrscht Gleichgewicht; beim Greis überwiegt der Abbau. Unter der Herrschaft des Aufbaues entstehen beim Säugling die konvexen Formen des Kopfes, der Wangen, der Hand- und Fußrücken. In der Lebensmitte haben sich die Formen gestreckt. Beim Greis beherrschen konkave Flächen und Falten das Bild. In ihnen schaffen sich die abbauenden Kräfte ihren plastischen Ausdruck.
Was diesem Formwandel im Lebenslauf zugrunde liegt, wird anschaulich durch den Vergleich von Schlafen und Wachen beim Kind und beim Greis. Das Neugeborene wacht in der ersten Zeit nur wenige Stunden pro Tag. Noch im zweiten Lebenshalbjahr schläft das Kind bis zu 18 Stunden täglich. Bis ins Erwachsenenalter vermindert sich diese Dauer bis auf 8 Stunden durchschnittlich. Im Greisenalter werden 5 bis 6 Stunden Schlaf oft ausreichen. Die Dauer des Wachens nimmt also während des Lebenslaufes zu. Das Wachen beruht auf der Funktion der Sinne und des Nervensystems, deren abbauende Tätigkeit auch zur Ermüdung führt. Ohne die Sinnes- und Nerventätigkeit überwiegt während des Schlafes der Aufbau. Damit schließt sich die plastische Verwandlung des Leibes mit der Zunahme des Wachens im Lebenslauf zusammen: die zunehmende Sinnes-Nerventätigkeit steigert die Abbauprozesse, die die konvexen Formen allmählich in konkave Formen überführen.
Im Vergleich von Pflanze und Tier tritt diese Polarität noch klarer hervor. Den Pflanzen fehlt ein den Tieren entsprechendes Sinnes- und Nervensystem und damit die leibliche Grundlage zum Erwachen. Was man bei Pflanzen als «Sinnesorgane» bezeichnet, vermittelt zwar zwischen Außenweltvorgängen und der Pflanze (Licht, Berührung usw.), für die Pflanze entstehen aber dadurch keine bewußten Empfindungen. Die Pflanze lebt daher ganz überwiegend in Aufbauprozessen. Sie kann deshalb einmal entstandene Formen nicht abbauend rückbilden, um sie in eine neue Form zu verwandeln. Was einmal entstanden ist, bleibt erhalten. Die Keimblätter sind oft zur Blütezeit noch sichtbar. Beim Tier unterliegt dagegen die entstandene Keimform der Umwandlung bis zur endgültigen Organform. Gewebeverbände wandern, ja fließen. Pflanzliche Zellen bleiben im Prinzip dort ortsständig, wo sie nach einer Teilung entstanden sind. Hier zeigt sich die pflanzliche Typuseigenschaft der Ortsständigkeit und die tierische der Eigenbeweglichkeit im Bereich der zellulären Organisation.
Eine Oberflächenkrümmung entsteht bei der Pflanze durch verschieden ausgeprägtes Streckungswachstum der Zellen. Auf der konkaven unteren Blattseite manifestiert sich also der abbauende plastische Typus nur durch eine Minderung der Wachstums-Intensität. Bei der ersten Einstülpung des Tierkeimes, der Gastrulation, findet ein regelrechtes Einströmen der Zellverbände nach innen statt. Was an der Gastrualtion urbildhaft erscheint als Bildung des Urdarms und damit der ersten Leibeshöhle, wiederholt sich als entscheidende plastische Bildbewegung bei der Anlage aller tierischen Organsysteme:
Das Nervensystem bildet sich durch die Einstülpung des Neuralrohres, im Stoffwechselsystem bildet sich die Leibeshöhle (Coelomhöhle) durch Einstülpung, das Atmungssystem bildet sich durch die Einstülpung der Urdarm-Vorderwand zur Lunge.[b]
Armin J. Husemann
aus «Der musikalische Bau des Menschen»; S.28f
Unsere Anmerkungen
a] so wie die Himmelskörper im Fixsterngewölbe zunächst ruhend erscheinen
b] vgl. mit der Widder-Monatstugend „Gleichgewichten wird zu Fortschreiten”