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Neudenken:
Unsterblichkeit
Ich ringe um ein klares Verständnis von dem, was wir mit dem Wort »Ewigkeit« meinen. Wenn ich auf Friedhöfen das Schild »Auf Wiedersehen« wahrnehme, kommt mir das verlogen vor. Sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, das bedeutet auch, über das, was »Seele« heißt, nachzudenken. Die schönste Aussage über dieses Wort ist für mich in dem Gedicht Eichendorffs versteckt, das mit den Worten beginnt: »Es war, als hätt der Himmel / die Erde still geküsst.«[a] Dieses Abendlied schließt mit den Worten: »Und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus, / flog durch die stillen Lande, / als flöge sie nach Haus.« Wir sind alle nicht ganz zu Hause, hier. Vielleicht machen wir dann und wann die Erfahrung, endlich zu Hause zu sein, aber dass wir Heimat brauchen, die wir hier nicht finden, ist den meisten immer wieder klar. Ist der Tod denn ein Nach-Hause-Kommen?
Für viele, gerade ältere Menschen mag das so sein, aber das bedeutet nichts für die vielen sinnlosen,[b] allzu frühen Tode. Ich glaube nicht, dass die Unsterblichkeit der Seele eine Antwort auf diese Fragen gibt. Die abendländische Tradition stellt eine problematische Mischung aus Unsterblichkeit und Auferstehung dar, die heute nur noch wenigen weiterhilft. Was bedeutet Ewigkeit für mein Leben? Habe ich daran Anteil? Sollte ich mich nicht mit der Endlichkeit meines Lebens zufrieden geben?
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Mit dieser Endlichkeit gebe ich mich genau so wenig zufrieden wie die Bibel oder wie du. Diese Unzufriedenheit, dieses Nein zum falschen Leben, diese Ergebenheit in das barbarische Ende, egal ob man das »Vorsehung« oder »Gottes Wille« nennt, ist gerade das, was Paulus »der Sünde Sold« nennt (Römer 6,23). Ich suche etwas, das nicht Unterwerfung unter die Katastrophen, die Menschen anderen angetan haben, verlangt, nicht Anbetung des Herren, »der alles so herrlich regieret«, und das gänzlich unberührt von den 40 000 Kindern, die heute verhungern.[c]
Ich wehre mich aber gegen ein Verständnis des Lebens, das die Endlichkeit, die Sterblichkeit negiert. In der Schöpfung sind vorgegeben ein Rhythmus des Lebens, ein Kommen und Gehen, eine Zeit des Tages und eine der Nacht, eine Zeit der Wärme und eine der Kälte.[d] Das macht Zeitlichkeit aus, und dieses Jetzt oder Für-eine-Zeit im Gegensatz zum »Immer« gehört einfach zum Leben der Geschaffenen. Vielleicht rede ich so, weil ich 73 Jahre alt bin,[e] vielleicht auch, weil ich mich nicht so total von den Blumen, den Bäumen, den Tieren unterscheiden will. Ich kann den frechen Ausruf eines Dichters gut verstehen: »Hunde, wollt Ihr ewig leben?«[f]
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Ich glaube schon, dass es Jahrhunderte lang einen Missbrauch des ewigen Lebens gegeben hat, eine falsche Vertröstung, dieses »Im Himmel wird es besser sein«. Gott hat doch hier auf der Erde, in dieser Zeit Leben für alle in Freiheit und Würde versprochen. »Ihr sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein«,[g] ein Zusammenhang von Geliebtwerden und das Lieben-lernen existiert und »soll« sein. Mystische Sätze wie »Wo die Liebe ist, da ist Gott« bleiben auch im Sterben eines Menschen wahr. Sie werden nicht zunichte. Der Tod kann sie nicht aufheben, muss er nicht vor der Liebe kapitulieren?[h] Was die Tradition »ein seliges Ende« nannte, war eine Bejahung des Fortgehens, ein nicht mehr krampfhaft am Weiterleben Festhalten, ein Ja zur Endlichkeit des geschaffenen Lebens. Ein todkrankes Kind von fünf Jahren sagte seinen Eltern: »Ich gehe schon vor, ihr könnt noch nicht mit.« Lässt sich nicht eine Geborgenheit denken, die nicht in meiner Weiterexistenz liegt, wohl aber in Gottes Weiterexistenz? »Ich in dir, du in mir, niemand kann uns scheiden« - reicht das nicht?
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Dorothee Sölle
aus «Mystik des Todes»
Unsere Anmerkungen
a] siehe Mondnacht
b] sinnlos scheinenden, da das Karma (vgl. Mbl.9) nicht bedacht wird
c] ein klassisches Beipiel für die wohlfeile Empörung, die sich an der Vermischung verschiedener, hier noch dazu grob zeitversetzter Betrachtungsebenen entzündet
d] vgl. »TzN Nov.2006«
e] sechs Wochen vor dem Ableben der Sprecherin
f] Kein Dichter, vielmehr soll Friedrich II. dies seinen bei Kolin fliehenden Soldaten zugerufen haben.
g] So überliefert's Israel für sich selbst, was dann von der Christenheit usurpiert worden ist.
h] vgl. Mbl-B.E VIII